Lignum ist ein Splitter. Aber nicht nur irgendeiner – sondern ein ganz besonderer Splitter; einst Teil eines schrecklichen Ereignisses, das die Welt für immer verändern sollte. Er ist der Splitter, der bei der Kreuzigung Jesus gewissermaßen „holznah“ dabei war.

Von Raphael Müller
Louisa zerrte an der Hand ihrer Oma. Wild gestikulierend deutete die Kleine nach oben. «Was ist das?» Die Oma folgte dem Fingerzeig und suchte nach einer Erklärung. «Das ist ein Stück Holz – ein besonderes Stück Holz.» Sie beugte sich zu ihrer Enkelin hinunter. «Siehst du? Man hat es wundervoll verpackt in goldene Schnitzereien, weil es so wertvoll ist.» Louisa betrachtete die Reliquie eingehend. «Was ist daran so besonders?», erkundigte sie sich. «Nun, hier steht, es sei ein Stück von dem Kreuz, an dem unser Herr Jesus gestorben ist.» «Ohh!» Louisa ging ein paar Schritte zur Seite, um die Kostbarkeit aus einem anderen Winkel zu betrachten. «Was für eine Holzsorte ist das?» Frau Meier runzelte die Stirn. «Irgendwas, was in Israel wächst, vermutlich …Olive? Oder Zeder?» «Stimmt genau! Zeder!», rief eine heisere Stimme von oben. Lignum war aus seinem Schlaf erwacht und staunte. Es hatte sich schon lange niemand mehr für ihn interessiert. Anfangs ja. Da hatte man ihm schier keine Ruhe gegönnt. In immer noch kleinere Stücke hatten sie ihn zerrissen. Das war schmerzlich, aber nach den Ereignissen auf Golgatha vermochte ihn nichts mehr zu schockieren. – Und jetzt? Hatten die zwei da unten ihn gehört?
Nein, seine Stimme verhallte ungehört, wie immer. Diese Menschen verstanden einfach kein Hölzisch. Frau Meier wollte weitergehen, doch Louisa war noch nicht fertig. «Was meinst du, Oma, wie es ihm damals gegangen ist?» Frau Meier begriff nicht sofort. «Wem?», hakte sie nach. «Na, dem Kreuz!» Louisa wunderte sich, dass die alte Dame das nicht verstand. «Du fragst mich Sachen! Ich habe keine Ahnung.» Die beiden schlenderten weiter durch das barocke Gotteshaus und überließen Lignum seinen Erinnerungen… Mann, war das lange her. Er war so eine stolze Zeder gewesen. Aufrecht, kerzengerade hatte er sich dem Himmel entgegengestreckt, er wollte doch seinem Schöpfer Freude bereiten. Eines Tages waren römische Soldaten gekommen und hatten ihn einfach umgehauen. Er konnte die Schläge der Axt noch immer spüren und seine verzweifelte Wut. Es wurde keineswegs besser, als ihm bewusst wurde, wofür sie das taten. Man teilte ihn in Stücke. Drei davon sollten als Querbalken für Kreuzigungen dienen. Welch eine Schmach! Beleidigt hatte er sich damals gefragt, warum er sich so angestrengt hatte. Er war sich nicht mehr sicher, aber vermutlich hatte er Gott angeklagt, als er so dalag – seiner Rinde beraubt und in Stücke geteilt – und auf das Unvermeidliche wartete. Lauthals und emotional vermutlich, seinem Naturell entsprechend. Heute schämte er sich dafür. Die Stunde der Kreuzigung rückte näher. Die Soldaten packten, was von ihm übrig war, und luden es den Sträflingen auf die Rücken. Es waren zwei Räuber. Nun, hoffentlich hatten sie diese Strafe verdient. Dann kam der dritte Gefangene, und Lignum stockte der Atem, als er erkannte, um wen es sich handelte. «Nicht doch!», schrie er. «Ihr könnt mich doch nicht zum Folterinstrument meines geliebten Herrn machen!» Doch das interessierte keinen. Wie gesagt: Menschen verstehen kein Hölzisch. Heutzutage nicht – und damals erst recht nicht. «Aber er ist doch unschuldig!!!» Es war zum Verzweifeln, man hörte einfach nicht auf ihn.
Lignum versuchte, sich so leicht wie möglich zu machen. Auch diese Bemühung scheiterte kläglich. Jesus brach unter ihm zusammen. Die Soldaten erkannten wohl, dass sie Jesus schonen mussten, wenn er seine Kreuzigung noch erleben sollte. Sie zerrten einen Mann aus der Menge und zwangen ihn, Lignum zu tragen. Golgatha – ein schrecklicher Ort! Die Römer nagelten die Männer buchstäblich auf Lignum fest. Die Hammerschläge dröhnten in seinen Ohren, sie vermischten sich mit den Schreien der Männer zu einem herzzerreißenden Klagelied. Die Nägel waren weit schlimmer als die Axt, sie bohrten sich tief in sein Fleisch, und allein der Gedanke, was sie bewirken würden, fügte ihm eine klaffende Wunde zu und pochende Schmerzen. Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Scheinbar doch… Es folgten drei entsetzlich lange Stunden. Lignum war sich fast sicher, die Qual würde nie aufhören. Dann wurde es schlagartig finster. Unheimlich war das, so mitten am helllichten Tag. Als Jesus schließlich rief: «Es ist vollbracht!», da entfuhr Lignum ein erleichtertes Seufzen. Wenigstens war das Leiden nun vorüber. Später kamen Leute und nahmen Jesus vom Kreuz. Sie ließen Lignum achtlos liegen. Er war egal. Alles war egal. Wie betäubt lag er da und badete in trübsinnigen Gedanken. Wie hatte er nur als Folterinstrument enden können? Was war nur schiefgelaufen? Drei Tage später linderte das Gerücht über die Auferstehung seinen Schmerz. Und dann? Man vergaß ihn, Sand und Schutt begruben ihn immer weiter. Und so wurde es für lange Zeit dunkel. Jahrhunderte später grub man ihn wieder aus. Jetzt waren mit einem Mal alle ganz aufgeregt. Lignum verstand es nicht so recht. Sie sahen anders aus, aber es waren immer noch Menschen, die kein Fitzelchen Hölzisch verstanden. Seine Meinung war schlicht nicht gefragt. Und so kam es, dass auch das Wenige, das von ihm noch übrig war, in tausend Teilchen aufgesplittert und über ganz Europa verteilt wurde. Oma Meier und Louisa hatten ihren Rundgang mittlerweile beendet. Kurz vor dem mächtigen Kirchenportal drehte Louisa noch mal um und lief zielsicher zu Lignum zurück. Frau Meier seufzte und schickte sich an, ihrer Enkelin zu folgen. Sie wurde prompt mit neuen Fragen konfrontiert: «Warum sammeln die Leute so was?»
Dieser Textauszug ist aus Raphael Müllers aktuellem Buch „Osteraugen“ entnommen.

 

Raphael Müller ist postmoderner Chillosoph, Autist, Epileptiker, Rollstuhlfahrer, Buchstabentänzer, Wortakrobat und Jesus-Liebhaber. Er hat mit „Asa und Gasa“ eine bisher dreiteilige „Zwergensaga“ für Kinder und Jugendliche geschrieben und bereits seine Autobiografie „Ich fliege mit zerrissenen Flügeln“ veröffentlicht.
Weitere Texte von Raphael Müller auf dem Fontis-Blog.

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