Fontis-Blog

Zwischen Safran und Sari: Von der Würde, eine Frau zu sein

Tabitha Bühne lebt seit mehreren Monaten in Indien und ist dort mittlerweile vielen Frauen der verschiedensten sozialen Schichten begegnet. Auf dem Fontis-Blog „Zwischen Safran und Sari“ berichtet Tabitha von der Würde, eine Frau zu sein. 
von Tabitha Bühne
In Indien haben mich auf Anhieb die Frauen begeistert. Sie nörgeln wenig, lächeln fast immer zurück, sind taff und herzlich. Egal, ob sie mit Kind im Arm auf dem Bau arbeiten oder als millionenschwere Geschäftsfrau bei einem Wirtschaftsforum auftreten – sie lassen es sich nicht nehmen, dabei herrlich bunte Gewänder zu tragen. Und dabei wirkt es nicht aufgesetzt oder eitel, sondern ganz normal, natürlich, weiblich. Sie haben keine Angst vor viel Stoff, knalligen Farben und jeder Menge Glitzer. Im Gegenteil: je bunter, desto besser!
Indische Mode: Hauptsache es glitzert
Farbenprächtig gekleidete Inderinnen mit Tabitha BühneIch teile die modische Farbenfreude – in Deutschland wurde ich deshalb öfter schräg angeschaut oder für meinen Mut bewundert. Ich liebe Farben. Sie drücken Lebensfreude aus und stecken andere mit guter Laune an. Was ich allerdings bisher so gar nicht kannte, ist die Begeisterung für Kleider. Es kommt äußerst selten vor, dass ich mal ein Kleid trage. In Jeans und T-Shirt fühle ich mich einfach wohler. Das ist praktischer, und man muss weniger aufpassen, wie man sich hinsetzt. Außerdem bin ich mit Jungs aufgewachsen – beim Fußballspielen machen Röcke einfach keinen Sinn. Als Erwachsene galt es dann, als weibliche Führungskraft unter Männern zu bestehen. Dementsprechend sah mein Kleidungsstil aus. Doch als ich mich hier in Delhi mit einer Geschäftsfrau anzufreunden begann, fiel mir auf, dass sie immer in traditionellen Kleidern auftaucht und trotzdem Stärke ausstrahlt. Sie trägt ihre Saris auch in Europa und Amerika, weil sie davon überzeugt ist, dass wir Frauen etwas falsch machen, „wenn wir uns wie Männer anziehen, um ernst genommen zu werden“.
Die Würde der Frau ist unantastbar?
Egal in welche „Kaste“ man schaut – Schönheit, Schmuck und Kleider sind für eine Inderin sehr wichtig. Vor allem der Sari (ein traditionelles Kleidungsstück) hat eine ganz besondere Bedeutung. Es gibt viele Varianten, dieses fünf bis sechs Meter lange Tuch zu tragen. Art und Farben unterscheiden sich je nach Kultur und Anlass. Vor allem in Indien, Nepal, Bangladesh, Sri Lanka und auch in Teilen Pakistans sieht man ihn häufig. Jüngere Inderinnen bevorzugen zwar einen Mix aus westlicher und indischer Kleidung. Fragt man sie aber nach ihrem Sari, fangen sie alle an zu strahlen. Es ist, als bekämen sie damit eine Würde, die ihnen niemand nehmen kann. Dabei ist vielen Inderinnen dieses Wort gar nicht so geläufig. Über den Begriff der Menschenwürde habe ich selbst früher kaum nachgedacht. Bei uns in Deutschland ist sie laut Grundgesetz unantastbar. Wir sind – egal ob Mann, Frau, jung oder alt, arm oder reich – gleich viel wert (oder wir sollten es zumindest sein …). Diesen Denkansatz verdanken wir der christlich-jüdischen Prägung.
Frauen beim Mauern einer Backsteinwand in IndienDoch wie soll ich hier in Indien einer Frau sagen, dass ihre Würde unantastbar ist – vor allem, wenn diese gerade einen 20-Kilo-Sack auf ihrem Kopf zur Baustelle trägt, wo Männer dann die Feinarbeit übernehmen? Sie hat nie eine Schule besuchen dürfen und schlägt sich als Tagelöhnerin mit ihren Kindern durch – in ihrem bunten Kleid, mit aufrechtem Gang und stolzem Blick. Die Würde der Frauen hier in Indien ist eine besondere, denn sie erfordert einen harten Kampf, der oft als kleines Mädchen beginnt und ein Leben lang währt. „Weißt du“, erklärt mir meine Freundin Aleika, die ich in einer Kirche Delhis kennen gelernt habe, „als Mädchen wirst du meist minderwertig behandelt.“ Als Aleika vor einem Jahr schwanger wurde, obwohl sie laut ärztlichen Untersuchungen eigentlich keine Kinder bekommen kann, lautete die Reaktion vieler Hindus: „Das wird auf jeden Fall ein Junge, denn dass du schwanger bist, ist ein Segen!“ Sie bekam ein Mädchen und war überglücklich. Als ihr Mann das Kind aus dem Krankenhauszimmer trug, sagten ein paar Frauen im Wartesaal: „Oh, mein Beileid. Vielleicht wird das Nächste ja ein Junge …“ Ein Mädchen ist hier eben kein Segen. Wie ist es, aufzuwachsen und zu spüren, dass man weniger wert ist als der Bruder? Wie ist es, Angst vor einer Schwangerschaft haben zu müssen, weil man (falls es ein Mädchen wird) nicht ins Elternhaus oder das der Schwiegereltern zurückkehren kann? Das ist kein abstruser Gedanke. Ich kenne Frauen, die wegen dieser Angst eine Schwangerschaft mit allen Mitteln versuchen zu verhindern. Was macht es mit einer Seele, wenn man nie um seiner selbst willen wertgeschätzt wird? Vielleicht bekommen sie deshalb diese Stärke, weil sie nicht verbittern und sich im Selbstmitleid suhlen, sondern sich durchs Leben kämpfen. Vielleicht ist so ein bunter Sari nicht nur Ausdruck von weiblicher Schönheit und Anmut, sondern auch eine Art Schutzpanzer. Er gibt eine Portion Selbstwert zurück.
Weiblichkeit zwischen Gleichberechtigung und Selbstbewusstsein
Ich kann von diesen Frauen einiges lernen. Denn auf der Suche nach Gleichberechtigung und Selbstbewusstsein habe ich vielleicht ein wenig den Sinn für „Weiblichkeit“ verlernt. Andererseits wünschte ich, mehr Frauen würden aufhören sich ihrem „Karma“ zu fügen und merken, dass ihre Würde in ihrer Seele begründet liegt, nicht im Äußeren und auch nicht in einer Heirat. Echte Würde ist ein Geschenk, sie lässt sich nicht verdienen oder erkaufen. Sie kommt von oben. Mir wird immer kostbarer, dass Jesus Frauen und Männer gleichwertig behandelt hat, was zu seiner Zeit ungewöhnlich war. Ich bin sehr glücklich, eine Frau zu sein. Und wie schön wäre es, wenn sich jedes Mädchen – ob klein oder groß – in der gleichen Weise geliebt und wertgeschätzt wissen könnte.
Tabitha Bühne - VitafotoTabitha Bühne lebt seit dem Frühjahr 2016 in Indien. Sie ist Ultramarathon-Läuferin, Hörspielautorin, Ernährungsberaterin und Medienwissenschaftlerin. Für ihren Blog „Zwischen Safran und Sari“ hält sie ihre Erlebnisse aus diesem vielfältigen Land in Texten und Bildern fest.
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Eine Antwort

  1. Liebe Tabitha,
    es freut mich zu lesen, dass Du zu Deiner Weiblichkeit „JA“ sagen und dadurch Deine von Gott gegebene Bestimmung von Herzen annehmen und auch den Frauen, mit denen Du Kontakt bekommst, Mut machen kannst.
    Vielen Dank für diesen so ehrlich geschriebenen Artikel, Gott segne Dich und Deine Arbeit!
    Liebe Grüße aus der „alten“ Heimat!

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