Fontis-Blog

Zwischen Safran und Sari: Überfall im Morgengrauen – Affenbanden in Delhi

Eigentlich kann Tabitha Bühne Affen gut leiden – sie sind so unterhaltsam und haben sie schon als Kind im Disney-Zeichentrickfilm „Dschungelbuch“ begeistert. Damals hatte sie allerdings noch keine Ahnung, dass sie selbst mal im Land des Dschungelbuchs leben würde – und ihre eigenen Erfahrungen mit einer Affenbande sammeln sollte…

Von Tabitha Bühne
Es gibt eine Affen-Gang in meinem Viertel. In letzter Zeit begegne ich ihr regelmäßig auf dem Weg zum Fitnessstudio. Und zwar meist an einem kleinen Gemüseladen oder am Ende der Straße. Dann raschelt und knackt es in den Zweigen der Bäume, weil die Affen gerade ihr Unwesen treiben. Oft versucht ein Wachmann, sie mit einem Stock oder einer Flitsche zu vertreiben, aber so einfach ist das nicht. Manchmal taucht auch „die Affenpolizei“ in meiner Nachbarschaft auf: ein Mann mit langem Stock und zwei Hunden. Aber so richtig scheint die Taktik nicht zu funktionieren, da die Hunde zwar bellen, aber nicht klettern können. Früher hat man mit trainierten Languren die kleinere Affenart vertrieben – man nahm ihnen die Leine ab und ließ sie mit Gebrüll auf die kleineren Makaken los. Diese suchten aus Furcht vor den natürlichen Feinden schnell das Weite. Allerdings soll seit einiger Zeit das Halten von Languren verboten sein, aus Tierschutzgründen. Der anschließende Versuch, die Affengangs mit Plastik-Languren zu erschrecken, schlug völlig fehl …
Gierige Affenbanden
Mittlerweile leben in Delhi so viele Affen, dass es unheimlich wird. Unserer Haushaltshilfe Monika haben sie schon beim Einkaufen auf dem Markt überfallen und das Obst aus der Tüte gerissen. Freundinnen von mir beklagten sich vor kurzem, dass sie von einer Affenfamilie angegriffen und sogar gekratzt und gebissen wurden. Sie mussten ins Krankenhaus fahren, um Injektionen zu kriegen und so die Übertragung von gefährlichen Krankheiten auszuschließen. In der Zeitung habe ich gelesen, dass Affen auch Alkohol stehlen, in Autos einbrechen und sogar in Krankenhäusern und Regierungsgebäuden Probleme verursachten haben … Ich dagegen habe bisher nur positive Erfahrungen gemacht und gehe manchmal, wenn es nicht zu heiß ist, in den nahe gelegenen Park und beobachte die Affen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sie komische Posen einnehmen, wenn ich sie fotografiere, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Nein, ich kann mich wirklich nicht über sie beschweren. Nur einmal haben sie mir beim Frühstücken auf einer Terrasse mein Obst geklaut. Sie sprangen wie aus dem Nichts auf den Tisch und schnappten sich, was sie kriegen konnten. Eine andere schräge Erfahrung mit Affen hatte ich auf dem Weg zum angeblich „heiligem Berg“ Mount Abu in Rajasthan. Wir fuhren Serpentinen hinauf, als ich plötzlich sah, wie Jugendliche in einem Bus die Fenster öffneten und ein paar Packungen Kekse aus dem Fenster warfen. Es dauerte keine Sekunde, bis Affen auf die Straße sprangen und sich die Kekse packten. Unser Fahrer bremste. Dann polterte es – ein anderer Affe landete auf unserer Motorhaube, krallte sich dann an der Seite fest und schaute gierig durchs Beifahrerfenster. Ich habe mich ganz schön erschrocken und gefragt, wieso in aller Welt die Leute hier Affen füttern.
Affen sind, wie Kühe, heilig 
Eine Erklärung bekam ich, als ich einen Tempel besuchte, in dem zahlreiche Affen hausten. Sie wurden von einigen Hindus gefüttert und äußerst
Der Affengott Hanuman
geschätzt. Affen gehören wie Kühe zu den „heiligen Tieren“ in Indien. „Wenn wir sie füttern, tun wir etwas Gutes für unser Karma!“ erklärte mir ein freundlicher, spindeldürrer Tempel-Aufseher. „Das hier“, fuhr er fort, „das ist der Tempel von Hanuman dem Affengott! Er lebt in den Affen!“ Hanuman ist einer der beliebtesten indischen Götter. Ich erinnere mich, dass ich ihn schon öfter bei meinen Reisen als Statue gesehen habe – als riesigen Affen mit einem aufgerissenen Herzen, in dem zwei Götter stehen. Dieser Affengott wird als Held des hinduistischen Epos „Ramajama“ verehrt. „Er kann fliegen, seine Größe und Gestalt ändern, Städte mit seinem Schwanz in Brand setzen und Berge ausreißen!“ erfuhr ich weiter vom Tempel-Aufseher, der gar nicht mehr aufhören wollte, mir eine Geschichte nach der anderen zu erzählen. Der Affengott Hanuman gilt für ihn als perfekter Diener und Freund. Als ich wieder zu Hause ankam, fragte ich meine indische Freundin Priya, was sie über die vielen Affen und den Affengott denkt. Sie ist eine gebildete Frau und stolze Hindu. „Also, ich glaube nicht an eine Reinkarnation von Hanuman in Affen – das ist nur eine Geschichte. Weißt du, in China werden alle Tiere gegessen, auch Frösche und Hunde … Hier in Indien würden wir wohl auch alle Affen, Ratten und Kühe aufessen, wenn sie nicht heilig wären. Es ist eine Mischung aus Religion, Erziehung oder Kultur. Der Pfau und der Tiger sind zum Beispiel unsere Nationaltiere, wer sie tötet kommt ins Gefängnis. Wenn du damit aufwächst, dass du je nachdem wie du lebst im nächsten Leben ein Tier werden könntest, behandelst du sie anders, man weiß ja nie …“ An dieser Stelle wollte ich noch etwas nachbohren und fragte sie, welche Tiere man denn ihrer Meinung nach essen dürfte. „Ich esse nur Tiere mit wenig Gefühlen, also Fische, Garnelen und Krabben und so … und nur selten Hühnchen. Denn die haben mehr Neuronen und dadurch auch mehr Gefühle. Wir Menschen haben unheimlich viele Neuronen und Gefühle und es gibt im Tierreich einige Arten, die viel fühlen wie Affen und Kühe, die esse ich nicht.“
Eine affige Überraschung
Jetzt bin ich noch verwirrter als vorher und setze mich an den Computer. Schon nach kurzer Recherche wird mir klar: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Schmerzwahrnehmung der Tiere sind echt interessant! Demnach können Fische, Krabben und Oktopusse sehr wohl Schmerz empfinden, Insekten aber vermutlich nicht. Das schrumpelige und unglaublich hässliche Tierchen Nacktmull ist scheinbar extrem schmerzresistent und wird seit längerem untersucht, um Medikamente für die Schmerztherapie zu entwickeln. Was gibt es doch für lustige Wesen auf dieser bunten Welt! Gott hat echt Fantasie. Und ich freue mich jetzt schon auf den Gesichtsausdruck meiner Freundin, wenn ich ihr morgen vorschlage, in Zukunft statt Fisch und Garnelen lieber Nacktmull und Insekten zu essen. Ich gehe in die Küche und mache mir einen Salat. Ich bin Vegetarier, aber nicht, weil ich an heilige Tiere glaube oder Angst habe, aus Versehen meine verstorbene Großmutter zu verspeisen. Während ich also das Gemüse schneide und mir Gedanken darüber mache, dass hier in Indien Tiere oft viel besser behandelt werden als Menschen, poltert es plötzlich an der Scheibe. Ich traue meinen Augen nicht: Es sind zwei Affen, ein kleiner und ein größerer, die beide hungrig durch das Fenster starren. Ich flüchte mit meinem Salat ins Wohnzimmer. Die Affen-Gang hat mein Zuhause gefunden …

 

Tabitha Bühne lebt seit einem Jahr in Indien. Sie ist Ultramarathon-Läuferin, Hörspielautorin, Ernährungsberaterin und Medienwissenschaftlerin. Für ihren Blog „Zwischen Safran und Sari“ hält sie ihre Erlebnisse aus diesem vielfältigen Land in Texten und Bildern fest.
Mehr Beiträge von Tabitha Bühne bei „Zwischen Safran und Sari“ auf dem Fontis-Blog
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