Fontis-Blog

Zwischen Safran und Sari: Schmuck im Slum – Hoffnungsschimmer im Elend

Tabitha Bühne wagt sich in den ärmsten Slum Delis und besucht dort Frauen, die in diesem Elend leben. Eine Hilfsorganisation bringt Hoffnung in den Slum – die Frauen lernen, wie sie aus einfachsten Mitteln Schmuck herstellen und damit eigenes Geld verdienen.
Von Tabitha Bühne
Mit Kopftuch und Kamera bewaffnet, mache ich mich mit meiner Begleiterin Shobana auf den Weg zum „ärmsten Slum“ in Delhi. Wir haben uns in einer christlichen Gemeinde in Delhi kennen gelernt. Shobana ist taff, herzlich und hat einen großartigen Humor. Aber vor allem hat sie eine unglaubliche Geduld und Liebe für Menschen auf dem Abstellgleis. Und heute darf ich mit ihr Frauen im Slum besuchen, um die sie sich seit vielen Jahren kümmert.

Der Weg zur Toilette ist lebensgefährlich
Wir fahren mit einem Taxi gerade auf einer großen Brücke über ein Netz von Bahnschienen, als es plötzlich heißt: „Okay, hier springen wir raus. Pass auf, dass dich keiner umfährt!“ Wir hasten aus dem Wagen und rennen im Zickzack zur anderen Straßenseite. Von hier aus können wir den Slum „Zakhira“ von oben betrachten. Er liegt auf dem Grundbesitz der indischen Eisenbahngesellschaft. Von der hört man immer wieder, dass die Barackenstadt aufgelöst werden soll – aber bisher ist nichts dergleichen geschehen. Zakhira soll das größte Elendsviertel in Delhi sein. Kaum einzuschätzen, wie viele Menschen hier auf engstem Raum zusammen leben. Vor zehn Jahren waren es 5000 Familien. Heute sind es sehr viel mehr. Der Slum liegt sehr günstig, um schnell Arbeit zu finden. Das zieht neue Migranten aus ärmeren Bundesstaaten an, die hier ihr Glück suchen. Der Slum ist über die Schienen erreichbar. Menschen transportieren Säcke, Kinder laufen mit Tüten auf den Gleisen herum. Das ist auch der Grund, warum hier so oft Menschen sterben. Sie bemerken die sich nähernde Züge nicht früh genug. Ich habe gelesen, dass es fast täglich zu tödlichen Unfällen kommt. Nicht nur der Transport von Gütern führt die Bewohner des Slums über die Gleise, sondern teilweise auch die Suche nach einer „Toilette“. Es gibt leider nur zwei Toiletten-Einrichtungen für alle Bewohner – und die sind öfter mal kaputt. Shobana erzählt mir, dass es sehr gefährlich ist – vor allem für die Frauen und Kinder, weil die meisten von ihnen keinen sicheren Zugang zu Toiletten des Slums haben. Sie müssen die sicheren Wege verlassen und über die Gleise gehen, um sich zu erleichtern.
Eine Wellblechstadt mit eigenem System
Ich folge Shobana eine Treppe hinunter. Zwei kleine Jungen mit zerschlissenen T-Shirts kommen uns entgegen und begrüßen Shobana. Sie hat hier viel Gutes getan und man kennt sie. Ich folge ihr durch die kleinen verwinkelten Gassen. Alle Hütten sehen gleich aus. Es ist sehr eng. Keine Ahnung, wie sie sich hier zurecht findet. Ich würde mich total verlaufen. Tausende von Fliegen schwirren um uns herum. Kinder schreien. Eine Ziege steht auf dem Weg. Aber es ist nicht so dreckig und chaotisch, wie ich es vermutet hatte. Es ist mehr wie eine Wellblechdach-Stadt mit eigenem System. Eine Stadt unter der Brücke. Es gibt kleine „Läden“ und eine Struktur, die ich allerdings noch nicht ganz durchschaue. Wir besuchen muslimische Frauen – daher tragen wir auch die Kopfbedeckung. Eine von ihnen hat vor wenigen Tagen ein Kind zur Welt gebracht. Wir wollen sie besuchen und schauen, wie es ihr geht. Shobana hat ein paar wichtige Dinge für das Baby mitgebracht. Doch bevor wir dort ankommen, machen wir einen kleinen Abstecher bei einer anderen Frau. Barfuß betreten wir die kleine Blechhütte. Sie ist Mutter von sechs Kindern, wird regelmäßig von ihrem Mann geschlagen: Das sieht man ihr auch heute an. Sie schämt sich, aber was soll sie machen. Shobana erzählt mir, dass Frauen in der Regel kaum aus dem Haus gehen dürfen. Leider haben viele der Männer Drogen- und Alkoholprobleme, einige gehen keiner Arbeit nach, versorgen die Familie nicht. Immer wieder hauen sie auch einfach ab und die Mütter stehen alleine da – perspektivlos, mit hungrigen Kindern an ihrer Seite. Manche von ihnen stopfen zuhause für eine nahegelegene Fabrik Socken in Säcke und verdienen damit ca. 50 Cent pro Tag. Ein kleiner Junge hustet. Seine Schwester hat starkes Fieber. Die Regenzeit hat begonnen und mit ihr kommen einige Krankheiten. Aber auch der Regen selbst kann zur Bedrohung werden, weil die ganze Barackensiedlung schnell unter Wasser steht.
Ein Slum mit vielen Gegensätzen
Wir verabschieden uns von der kinderreichen Mutter und machen uns auf den Weg. Wieder geht es durch viele enge Gassen und ich staune über Shobanas Orientierung. Die meisten Einwohner sind im Slum geboren und kennen nichts anderes. Mich überrascht die Gastfreundschaft, überall wird uns Wasser, Tee oder etwas zum Knabbern angeboten. Die Frau, die gerade ein kleines Mädchen zur Welt gebracht hat, lebt auf sechs Quadratmetern. Die Augen des Kindes sind schwarz geschminkt, auch wenn der Arzt der Mutter von diesem Brauch abgeraten hat. Aber sie glaubt, dass es die Augen größer werden lässt und das ist ihr wichtig. Es ist heiß. Der Strom ist mal wieder ausgefallen. Ich weiß nicht, wie man mit einer ganzen Familie in diesem kleinen Kabuff leben kann. Zwei Nachbarn kommen vorbei und setzen sich dazu. Das Baby ist schick angezogen, die Frauen auch. Ich würde an ihrer Kleidung nie erkennen, dass sie im Slum wohnen. Sie tragen tolle bunte Saris und Schmuck an Armen und Ohren. Sie sind gepflegt und sauber. Ich mag die Frauen, sie sind freundlich, ein bisschen schüchtern, aber mit der Zeit werden sie immer lustiger und offener. Viele von ihnen haben extrem früh geheiratet und nie eine Chance gehabt, etwas zu lernen. Die meisten können weder lesen noch schreiben. Sie leben von der Hand in den Mund, sind aber durch ihre Community gut vernetzt. Die eine kann nähen, die andere weiß wo man günstig an Stoffe kommt und so helfen sie sich gegenseitig. Zum Schluss schauen wir noch bei Raunak vorbei, sie ist gerade 19 Jahre alt geworden und wird in wenigen Wochen heiraten. Sie wird in ein Dorf weit von Delhi entfernt im armen Bundesstaat Bihar ziehen. Ihren zukünftigen Mann hat sie noch nie gesehen. Nur dessen Eltern, die kamen, um sie zu „begutachten“. Die Ehe wurde von ihren Eltern arrangiert und damit ist ihr Schicksal besiegelt. Sie wird wahrscheinlich nicht mehr nähen oder arbeiten dürfen, sondern wird im Haus der Schwiegereltern leben und dort im Haushalt helfen. Abends will ich wissen, was der Name Zakhira eigentlich bedeutet. Also gehe ich auf Google-Suche. Das Ergebnis: „The meaning of the name Zakhira is Arabic for rich, wether in wealth or in knowledge and wisdom…“ (Der Name Zakhira ist Arabisch und bedeutet reich, entweder hinsichtlich Reichtum oder Wissen und Weisheit). Was für eine Ironie! Später erfahre ich, dass der Stadtteil so heißt und das Elendsviertel automatisch den gleichen Namen bekommt – nur mit dem kleinen Wörtchen „Slum“ dahinter…
Hoffnungsschimmer im Elend
Wenige Tage später mache ich mich erneut auf den Weg – aber diesmal nicht zum Slum, sondern zu einer Kirche, in der Shobana mit einigen der Frauen Schmuck herstellt. Sie haben das Anfertigen von Ketten, Armbändern und Ohrringen gelernt. Einige häkeln und stricken auch. Eine Schmuckdesignerin aus Amerika hat das Projekt „AshaBelle“ („A Beautiful Hope“) vor vielen Jahren ins Leben gerufen, damit die Frauen eine Tätigkeit lernen, mit der sie ihr eigenes Geld verdienen können. Sie bekommen einen guten, festen Monatslohn – ganz unabhängig davon, wie viel Schmuck verkauft wird. Shobana geht fast jede Woche zum Markt, um Materialien zu finden. Alle Produkte sind handgemacht. Ich finde es erstaunlich, was für wunderschöne Stücke man mit wenigen Hilfsmitteln kreieren kann. Natürlich schlage ich zu und kaufe einige Schmuckstücke. Es ist schön zu sehen, dass es auch inmitten von Chaos und Leid doch immer wieder Hoffnungsträger gibt. Menschen, die seit Jahren helfen – ohne, dass es viel Beachtung gibt. Abends erzähle ich meinem Mann von dem Besuch und zähle zum ersten Mal die Schritte von unserer Küche bis ins WC – es sind 13. Ich muss weder das Haus verlassen, noch Gleise überqueren oder mit zigtausenden Leuten ein Klo teilen. Mein „stilles Örtchen“ war mir noch nie so kostbar wie heute.

„Vielleicht sind es nur noch die gläubigen Seelen, die im geheimen Gutes tun.“ (Honoré de Balzac – Vater Goriot)

 

Tabitha Bühne lebt seit einem Jahr in Indien. Sie ist Ultramarathon-Läuferin, Hörspielautorin, Ernährungsberaterin und Medienwissenschaftlerin. Für ihren Blog „Zwischen Safran und Sari“ hält sie ihre Erlebnisse aus diesem vielfältigen Land in Texten und Bildern fest.
Mehr Beiträge von Tabitha Bühne bei „Zwischen Safran und Sari“ auf dem Fontis-Blog
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