Fontis-Blog

Zwischen Safran und Sari: Die Knastkinder – ein Leben zwischen Verdrängung, Schuld und Sühne

Tabitha Bühne hat in Indien Kinder besucht, die auch „Knastkinder“ genannt werden. Nicht, weil sie selbst kriminell geworden sind, sondern weil Vater oder Mutter im Gefängnis sitzen. Eine Reise auf der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Vergebung.
Von Tabitha Bühne
Ich nenne sie die Knastkinder – obwohl sie selbst gar nicht im Gefängnis sitzen, sondern ihre Väter oder Mütter. Lebenslänglich, in Indien heißt das 14 Jahre. Ich durfte mehrere Tage mit „Bruder Matthias“ von der Organisation „Prison Fellowship“ in abgelegene Dörfer im Süden Indiens reisen, um Familien von Gefangenen zu besuchen. Als ich ihre Geschichten hörte, wollte ich oft am liebsten die Kinder packen und mit ihnen weglaufen – irgendwo hin, wo es noch Hoffnung gibt.
Wenn Augen nicht mehr lachen
Es hat geregnet und wir stapfen etwas ungeschickt auf einem schlammigen Pfad durch ein ärmliches Dorf auf ein kleines Haus zu. Es ist heiß, Fliegen schwirren um uns herum. Ich werde gebeten, auf einem Plastikstuhl Platz zu nehmen, eine ältere Dame sitzt auf dem Boden, zwei Frauen lehnen an der Wand. Ein Junge gibt mir freundlich und etwas schüchtern die Hand. Er sieht mir nicht direkt in die Augen. Er ist 12 Jahre alt und heißt Pallepu. Seine Mutter sitzt im Knast, sein Vater lebt nicht mehr. Eine Tante hat ihn aufgenommen, die selbst keine Kinder hat. Ihr Mann starb sehr früh, er war ein Trinker. Ich schaue in ihr schönes Gesicht mit gütigen, müden Augen. Sie hat nach dem Tod ihres Mannes viele Heiratsanträge bekommen, aber alle abgelehnt. Ihre Stimme bricht immer wieder, während sie die ganze Geschichte erzählt – eine, die ich in anderer Form in den kommenden Tagen noch häufig hören werde und die in meinem Hals jedes Mal einen dicken Kloß zurücklässt…
Von einer Frau, die ihren Mann in Brand steckte
Pallepu steht stumm an der kargen Wand. Seine Tante erzählt von seinem toten Vater. Die eigene Mutter soll ihn mit Benzin übergossen und dann angezündet haben, so lautete das Urteil des Gerichts. Doch Pallepus Tante sagt, das sei nicht wahr: „Meine Schwester hat ihren Mann nicht umgebracht, er hat sich selbst das Leben genommen. Er ist nur nicht sofort gestorben und noch ins Krankenhaus gekommen, wo er allen entgegen schrie: Meine Frau wollte mich umbringen, sie hat mich angezündet!“ Dann ist er an den Verbrennungen gestorben. Nun sitzt seine Ehefrau im Gefängnis, lebenslänglich – das bedeutet in Indien 14 Jahre. Vor der Gerichtsverhandlung bat sie ihre Schwester um Hilfe: „„Nimm du meinen Jungen, sei seine Mutter. Egal was aus mir wird.“ Pallepus Tante hat es versprochen und gehalten. Der Junge starrt an eine Wand, wo ein paar Blechtöpfe stehen. Eine fette Ratte läuft vor dem Haus entlang auf uns zu. Sie ist fast so groß wie eine Katze und am Hinterteil deutlich von Krankheit gezeichnet. Mir läuft es kalt den Rücken runter. „Sie sagen, meine Schwester ist eine Mörderin, aber sie ist unschuldig,“ versichert uns die Frau immer wieder und drückt den Jungen an sich, eine weitere Schwester gibt ihr Halt, an ihrer Hand kauert ein kleines Mädchen. „Sie hat diesen Mann geheiratet und nicht gewusst, dass er schon längst mit einer anderen verheiratet und sogar Vater von drei Kindern war. Er hat immer wieder Affären gehabt und als sie die Wahrheit herausfand, wusste er nicht weiter und wollte sich das Leben nehmen.“ Die Familie des Mannes sagte vor Gericht, nicht er, sondern seine Frau habe eine Affäre gehabt und deshalb ihren Ehemann aus dem Weg schaffen wollen. Bruder Matthias erklärt mir später, dass die Frau als Feldarbeiterin vielleicht für ein bisschen mehr Lohn mit dem Aufseher geschlafen hat – und das leider nicht selten ein Einzelfall bleibt. Einige dieser ungebildeten Frauen schlittern hier in diese Form der Prostitution. Sie führen ohnehin kein sicheres Leben auf den Feldern. Ich weiß nicht, welche Geschichte wahr ist, ob der Mann sich nun selbst umgebracht hat, oder die Frau ihn verbrannte. Ob Pallepu sich fragt, was wirklich passiert ist? Ob er eine Zukunft hat? Wir stehen auf und verlassen das Haus, das einem Onkel gehört. Wie lange sie hier noch leben dürfen, ist unklar. Der Pastor einer kleinen Kirche versucht ihnen zu helfen, kann aber nicht viel tun. Sie sind alle arm und leben von der Hand in den Mund. Ich schaue mich um. Von der Ratte ist keine Spur mehr. Kinder versammeln sich in der Nähe und ein Nachbar schaut neugierig in den schlammigen Hof. Die Großmutter drückt meine Hand und der Junge lächelt mit traurigen Augen. Ich verabschiede mich und schäme mich, dass ich keine Worte finde.
Selbstmord oder Mord – wenn die Ehe zum Alptraum wird
Nach drei Tagen und neun weiteren Besuchen bin ich verwirrt und ausgelaugt. Es sind oft ähnliche Geschichten. Wir erreichen ein kleines Haus mit Strohdach, vor dem sich ein Misthaufen und jede Menge Müll befindet. Der Ehemann und Vater zweier Kinder ist für 14 Jahre im Gefängnis. Er soll sich mit einer Arbeitskollegin angefreundet haben und dann wurde der Mann dieser Kollegin ermordet. Das Gericht sah den Fall so, dass die beiden eine Affäre hatten und beide den Mann umgebracht haben. Die Familie des Bauarbeiters ist der festen Überzeugung, dass er unschuldig ist. Er wird irgendwann zurückkehren. Solange muss die Frau, die kaum ein Wort redet, in einer Fabrik arbeiten, was eine Schande ist, denn als Frau bleibt man in den Dörfern zu Hause. Ich frage Matthias, ob er glaubt, dass der Mann unschuldig ist. Er antwortet mit einem Kopfschütteln: „Er ist schuldig. Aber die Familie will das nicht glauben. Solange sie es nicht glauben, ist es nicht wahr und man behält auch im Dorf ein bisschen Würde. Die Leidtragenden sind immer die Kinder. Sie werden gehänselt und wachsen ohne Vaterfigur auf. Die Mutter arbeitet, um sie durchzubringen und hat kaum Zeit, sich um die Kinder zu kümmern“. Wir fahren weiter, in ein anders Dorf. Ein Haus, zwei Ochsen und ein paar Hühner – davor steht ein kleines Mädchen, das gerade von der Schule kommt. Ihr Vater soll ihre Mutter an einem Deckenventilator aufgehängt haben, sie waren erst wenige Jahre verheiratet und die beiden Kinder noch sehr klein. Die Großmutter kümmert sich nun um die Kinder. Der Vater ist im Knast, die Mutter tot. In Indien ist es sehr leicht, als Ehemann schuldig gesprochen zu werden, wenn die Frau Selbstmord begeht. In diesem Fall waren es die Schwiegereltern, die einfach nur einen Brief geschrieben haben, dass der Mann ihre Tochter umgebracht hätte. Er wäre zum wiederholten Male bei ihnen aufgetaucht und hätte mehr Mitgift verlangt, auch Jahre nach der Eheschließung. Sie hätten sich geweigert, mehr Geld zu geben und er habe dann ihre Tochter umgebracht. Die Großmutter kann bei dieser Version der Geschichte nur traurig den Kopf schütteln. Es wäre ganz anders gewesen: Die Frau wollte nicht, wie es in Indien üblich ist, bei ihrem Mann und deren Eltern einziehen. Sie wollte ein eigenes Haus, ohne die Schwiegereltern. Das habe ihr Mann aber nicht gewollt, weil er der einzige Sohn sei und sich um seine Eltern kümmern wolle. Das habe sie dazu gebracht, sich aufzuhängen. Ich sehe die beiden Kinder. Er will Polizist werden und alle Diebe schnappen, sie will Lehrerin werden. Beide haben wache Augen und gute Noten in der Schule – aber sie haben weder Vater noch Mutter. Wie kann man den Kindern so etwas antun?
Die Sache mit der Wahrheit
Wieder im Auto richte ich mich mit meinen Fragen mal wieder an Bruder Matthias: „Wie kommt es, dass von so vielen Familien nur eine die Schuld bei dem Schuldigen sieht und sich der Wahrheit gestellt hat?“ Matthias erklärt, dass es oft mit Schande zu tun hat, die der Familie das Leben zu schwermachen würde. „Außerdem gibt es im Hinduismus kein Richtig und Falsch. Man glaubt das, was einem am leichtesten fällt. Wenn die Familie glauben würde, dass der eigene Ehemann und Vater schuldig ist, würde es sehr schwer sein weiterzumachen, und ihn dann nach 14 Jahren wiederaufzunehmen. Sie wollen die Wahrheit nicht wahrhaben, wie sie zu schmerzhaft ist.“ „Aber wie kann man damit leben, es muss doch quälend sein. Ohne Wahrheit kann man doch keine Freiheit, keinen Neuanfang finden…“, sage ich mehr zu mir als zu ihm. „Wir haben alle ein Gewissen und das wird uns auch nicht in Ruhe lassen. Aber hier basteln sich die Menschen ihre Wahrheit so, wie es am leichtesten ist. Nur sehr selten erlebe ich, dass sich die Gefangenen und ihre Familien der Schuld stellen.“ Ich schaue aus auf dem Fenster und hänge die nächsten Stunden im Auto meinen Gedanken nach. Es regnet wieder. Eine Ziegenherde läuft vor uns über die Straße und ein spindeldürrer Mann versucht sie auf die andere Seite zu treiben.
Im Gerichtssaal
Wenige Tage nach meiner Reise betrete ich mit einer befreundeten Anwältin einen Gerichtssaal in Delhi. Hier ist es erlaubt an gewissen Tagen bei Fällen von häuslicher Gewalt zuzuschauen. Es ist ganz schön chaotisch, aber sehr interessant. Die Polizisten nehmen die Angeklagten an der Hand und halten sie die ganze Zeit fest – sowohl auf dem Weg zur Anhörung, als auch bei der Vernehmung. Handschellen gibt es nicht. Im Anschluss erfahre ich mehr über das Rechtssystem Indiens und kann einige Dinge für mich im Kopf sortieren.
Es gibt scheinbar viele Gründe, warum hier viele Menschen unschuldig im Knast sitzen. Kein Land hat so überlastete Gerichte und so langwierige Verfahren. Es soll sehr einfach sein, „Zeugen“ zu kaufen. Manche Reiche bezahlen einem armen ungebildeten Mann viel Geld, damit er sich als schuldig bekennt und die Strafe an Stelle des Schuldigen absitzt. Dann gibt es Gesetze, die es leicht machen, jemanden Schuld anzuhängen. Das ganze Rechtssystem ist total anders als in Deutschland. Es dauert wahnsinnig lange, bis ein Fall vor Gericht kommt und abgeschlossen wird. Und es gibt zu wenige Richter. Wer wegen einer Bagatelle angeklagt wird, kann unter Umständen einige Jahre in Untersuchungshaft verbringen – oft weit länger, als es die Maximalstrafe für das Vergehen vorsieht. Indiens Gefängnisse sind hoffnungslos überfüllt, und fast 70 Prozent der Inhaftierten sind Untersuchungshäftlinge. Ob jemand gegen Kaution freikommt, hängt vor allem von der Qualität des Anwalts ab. Das Nachsehen haben die Armen, die sich keinen Rechtsbeistand leisten können.
“Die Gerechtigkeit und die Wahrheit sind zwei so feine Punkte, dass unsere Instrumente viel zu stumpf sind, um sie genau zu treffen. Wie sie sie treffen, so zerdrücken sie den eigentlichen Punkt und stürzen sich ringsumher mehr auf das Falsche als auf das Wahre.”  Diese Worte stammen von Blaise Pascal, und gehen mir seit Tagen ständig durch den Kopf.
Ich weiß nicht, wie man ohne die Hoffnung auf ein faires Gerichtsverfahren leben kann. Ob als Schuldiger oder als Opfer – oder, wie es wohl bei den meisten Menschen ist: als Täter und Opfer. Kinder Gottes sollen für Gerechtigkeit in dieser Welt eintreten, aber wir dürfen gleichzeitig sicher sein, dass einmal alle Menschen vor Gott stehen und ein gerechtes Urteil empfangen werden. Seit ich in Indien lebe, ist diese Hoffnung mehr als ein Strohhalm. Sie ist mir zu einer festen Gewissheit geworden.
Wir sehnen uns stark nach einer gerechten Strafe für die Verursacher von so viel Leid und das ist gut. Aber auch in mir, der doch so viel vergeben wurde, höre ich allzu häufig den lauten Ruf nach Gerechtigkeit und daneben nur leise die Stimme der Vergebung. So wurde diese Reise auch für mich zu einer guten Lektion. Wahrheit zu suchen, Gerechtigkeit zu wollen. Und Vergeben zu lernen.
Anmerkung: Namen wurden geändert

 

Tabitha Bühne lebt seit mehr als einem Jahr in Indien. Sie ist Ultramarathon-Läuferin, Hörspielautorin, Ernährungsberaterin und Medienwissenschaftlerin. Für ihren Blog „Zwischen Safran und Sari“ hält sie ihre Erlebnisse aus diesem vielfältigen Land in Texten und Bildern fest.
Mehr Beiträge von Tabitha Bühne bei „Zwischen Safran und Sari“ auf dem Fontis-Blog

 

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