Fontis-Blog

«Wir müssen mit allem rechnen»: Camp Moria in der Krise in der Krise

Andrea Wegener, © Pau Abad, EuroRelief/GAiN
Andrea Wegener, © Pau Abad, EuroRelief/GAiN

Andrea Wegener, Autorin des Buches «Wo die Welt schreit» und leitende Funktionsträgerin bei der Hilfsorganisation EuroRelief, befindet sich seit November 2018 inmitten dem Chaos des Flüchtlingslagers Moria auf Lesbos. Sie beschreibt auf ihrem Blog, wie Corona das Campleben intensiviert. Wir haben aus diesen Informationen die Situation in Moria zusammengefasst.

Die Welt hat erkannt: COVID-19 hat das Jahr 2020 zu einer globalen Ausnahmesituation gemacht. Doch was bedeutet es, wenn sich eine Krise einer schon lange bestehenden Ausnahmesituation nähert? Rund 15.000 Flüchtlinge sind auf der griechischen Insel untergebracht; für die Infrastruktur des Camps 12.000 zu viele. EuroRelief setzt sich mit ca. 1400 Freiwilligen im Jahr dafür ein, dass sich die Umstände bessern. Für sie gehören Problemlöseaufgaben zum Alltagsgeschäft; jedoch stellt sie das bisher nur wenig erforschte Virus vor neue Herausforderungen und unbeantwortbare Fragen. Von den Helferinnen und Helfern ist neue Flexibilität gefragt.

«Manchmal habe ich den Eindruck, dass das hier die Standardeinstellung ist: dass es eben keine Standardeinstellung gibt. Mit jedem neuen Fallüberlegt man ganz neu, wie man damit verfahren könnte. Feste Abläufe oder Protokolle, an die alle sich halten würden, gibt es selten, und das macht das Arbeiten wirklich mühsam.» (05. Mai 2020, Andrea Wegener)

© Pau Abad, EuroRelief/GAiN

Auflagen wie «Abstand halten» sind in diesen Zuständen kaum zu bewältigen; es drängeln sich Menschenmassen an der Essens- oder Windelausgabe. Im Camp wohnen je vier Familien mit kleinen Kindern auf 16 Quadratmeter. Viele der Flüchtlinge sind krank, zeigen Symptome wie Husten oder Fieber, werden jedoch ärztlich nur behandelt, wenn sie in Lebensgefahr schweben. Wie soll man unter diesen Umständen der Pandemie vorbeugend entgegenkommen? Zusätzlich können sich die Leute nicht regelmäßig die Hände waschen, da sie zu weit von den Waschbecken entfernt wohnen und es Wasser oft nur wenige Stunden am Tag gibt.

Andrea Wegener schreibt dazu am 30. März 2020: «Immerhin gibt es im Camp und ums Camp herum nun einige primitive, aber effektive Handwaschstationen: 70-Liter Plastikfässer mit Hahn, betrieben von sehr engagierten Camp-Kindern, die mir Flüssigseife in die Hand geben, den Hahn auf- und zudrehen und mir dann freundlich kichernd zwei Papiertücher in die Hand drücken, zum Abtrocknen. Wir halten unsere Helfer an, sich dort immer die Hände zu waschen – schon, um mit gutem Beispiel voranzugehen.»

Doch was tun, wenn die Pandemie wirklich im Camp auszubrechen droht? Aufgrund des Platzmangels könnte ein Quarantänelager nur sehr wenige Betten stemmen. Für die Inselbewohner stellen die wenigen Intensivstations-Betten und Atmungsgeräte im Krankenhaus schon eine Knappheit dar. Für die Flüchtlinge bleibt demnach wenig übrig; am äußersten Rande der Gesellschaft eine Pandemie zu bewältigen – das macht nachdenklich.

«Das wäre ja zu schön, wage ich für einen Moment zu träumen, wenn unsere Moria-Bewohner bei einem Corona-Ausbruch einige Wochen lang wie echte Menschen behandelt würden. Wenn man Teams von Medizinern einflöge, um die Kranken zu versorgen, und Hotels zur Verfügung stellte, in denen Angehörige ihre Quarantäne abwarten könnten. Und echte Betten, in denen die Kranken liegen könnten. Aber wahrscheinlicher ist, dass auch Corona die Lage der Vergessenen auf Lesbos nur noch schlimmer macht, und dass man mit Gewalt am Ende eindämmen muss, was mit ein bisschen Voraussicht, Fürsorge und Menschlichkeit nie eskaliert wäre.» (10. März 2020, Andrea Wegener)

© Pau Abad, EuroRelief/GAiN

Auf Lesbos wechseln sich hilflose Schreie mit leise seufzender Händegebundenheit ab. Die Hoffnung, das Camp zu verlassen, ist da, wird aber auch immer wieder spontan zerschlagen – vor allem dann, wenn Versprechen nicht eingehalten werden können, aufgrund von Abstandsregeln oder anderen bürokratischen Notwendigkeiten. Der Hass untereinander und der Hass der Außenwelt verstärken die Chancenlosigkeit der Moria-Bewohner. Trotzdem sind in den letzten Monaten einige Minderjährige nach Luxemburg und Deutschland ausgeflogen und eine Gruppe älterer und kranker Menschen aufs Festland geschickt worden. Immerhin.

Helferinnen und Helfer, die sich in dieser beunruhigenden Zeit zur Verfügung stellen, aktiv mit anpacken und trotz der Krise anreisen, lassen ihren Glauben sichtbar werden. Hier muss sich jeder selbst fragen: Wie weit würde ich gehen, um denen zu helfen, die sonst vergessen werden? Andrea Wegener hat sich diese Frage schon vor Jahren bei einem Irakeinsatz gestellt, und ihre Antwort ist genauso radikal wie simpel: Besteht die Aussicht, Menschen echte Hilfe und Hoffnung bringen zu können und ist die Not unmittelbar vor ihr, dann ist ihr Einsatz eine logische Folge der Liebe zu Gott – egal, wie weit sie dieser Einsatz führt.

Das Buch «Wo die Welt schreit. Wunder und Wagnisse im Camp der Vergessenen am Rande Europas.» ist 2019 im Fontis-Verlag erschienen.

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