Fontis-Blog

Eckhard Hagedorn: Was einem passieren kann, der es mit der Bibel zu tun bekommt

Für Eckhard Hagedorn ist klar: Die Bibel ist eine fette Beute. Doch wie kann das gelingen? Indem wir uns dieses Buch aneignen und uns mit ihm vertraut machen. Doch manchmal ist auch Abstand geboten – Eckhard Hagedorn erklärt, warum.
Wie sollte man nicht mit einem Buch vertraut werden wollen, in dem solche Sätze stehen: „Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein.“ – „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“ – „Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid.“  Drei Aussagen von vielen, die aussprechen, was die Glaubenden sind. Nicht zufällig sind es Aussagen, die das, was sie sind, auf Gottes erwählendes liebendes Handeln zurückführen. Zugleich lassen sie erkennen, wer Gott ist. „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1. Johannes 4,16).
Im Umkehrschluss wird deutlich, was die Bibel ist: das Volksbuch des Gottesvolkes, das Kinderbuch der Gotteskinder, das Buch einer großen Freundschaft. Und auch wenn es nicht wörtlich so in der Bibel steht: Sie ist ein Liebesbrief. „Was ist die Heilige Schrift anderes als ein Brief des allmächtigen Gottes an seine Geschöpfe?“, schrieb Papst Gregor der Große (ca. 540–604) Zugegeben, es ist ein ungewöhnlich dicker Liebesbrief, aber de facto ein Liebesbrief, und wer einen Liebesbrief bekommt, der soll ihn in dem Bewusstsein lesen, geliebt zu sein. Vertrautheit entsteht, wo einmal Fremdheit war. Das fremde Buch wird unser Buch, mein Buch.
Einblick: Gebrauchte Bibeln
Daher lohnt es sich, gebrauchte Bibeln anzuschauen. Die Gebrauchsspuren geben sich nämlich als indirekte Liebeserklärungen zu erkennen. Früher war es vielleicht ein ungelesenes, ungeliebtes Buch – und innerhalb von ein paar Monaten wurde es ein Buch mit Markierungen am Rand, mit Fragezeichen, Ausrufezeichen, mit Unterstreichungen in Blau und Rot: ein höchst persönliches Buch. Manche notieren sogar Daten am Rand: „An diesem Tag hat Gott mit diesem Satz in mein Leben hineingesprochen.“ Andere notieren, wann sie mit einem neuen Durchlesen des Ganzen begonnen haben.
Eigentlich logisch: Liebesbriefe sind keine „Einmal und nie wieder“-Briefe; sie sind „Immer wieder und nie genug“-Briefe. Und dass Liebe erfinderisch ist, zeigt sich bei vielen Bibeln schon von außen. Je nach Vorliebe und Begabung des Besitzers an selbstgebastelten Schutzhüllen aus Papier, Leder, Plastik oder Stoff, einfarbig oder gemustert, beklebt mit Bildern und Symbolen, versehen mit Autogrammen von Freunden, ausgestattet mit Griffregistern und manchmal sogar mit extra angefertigten Einstecktaschen für Notizzettel, Blei- und Buntstifte. Alles in allem mit viel Liebe zum Detail. So ist es nun mal mit der Liebe: Sie hat Fantasie und neigt dazu, konkret zu werden. So entsteht eine Bibel, die es so nur einmal gibt: meine Bibel.
Wenn aus Bibelumfangsbeseufzern Bibelliebhaber werden, werden sie bibelkundig. Sie wollen in diesem Buch zuhause sein, unbedingt. Vielleicht beklagen sie ihre bisherige Unwissenheit oder nennen die eigene Trägheit peinlich, aber auch das sind Echos der Liebe. Aus Distanz ist Nähe geworden, aus Flucht weg von Gott eine Flucht hin zu Gott, aus Fremdheit enge Beziehung.
Von Frühstartern und Späteinsteigern
Freilich: Es gibt Frühstarter und Späteinsteiger. Einen Frühstarter zeigt uns der 2. Timotheusbrief. Der inzwischen erwachsene Timotheus wird daran erinnert, dass Mutter und Oma ihn von Kindheit an mit den Heiligen Schriften bekannt gemacht haben. Etwas Besseres hätte ihm nicht passieren kçnnen, denn sie können „dich unterweisen … zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus“. Und im Blick auf die Zukunft muss es Timotheus trotz seiner herausfordernden Aufgaben und seines vollen Terminkalenders nicht bange werden. Er kann sich von den heiligen Schriften tragen lassen, denn sie sind überaus nützlich „zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit“ (2. Timotheus 3,15 und 16).
Nicht überall sind die Startbedingungen so gut. Da sitzt ein Mittvierziger am Küchentisch, vor sich eine aufgeschlagene, ganz neue Bibel. Bisher hatte der Mann eigentlich nur zwei Bücher häufig gelesen: sein Sparbuch und das Telefonbuch (und Letzteres seit der Erfindung des Smartphones auch nicht mehr wirklich), ab und zu auch die Zeitung mit den vier ganz großen Buchstaben im Logo. Es hatte zwar eine Bibel im Haus gegeben, aber die war nicht benutzt worden. Vorhandene Bibel: über tausend Seiten; angeeignete Bibel: null Seiten.
Und nun das: Schritte der Annäherung unter dem Eindruck, dass Gott ihm nahegekommen ist. Die Entscheidung, noch mit Mitte vierzig glauben zu lernen, war ein merkwürdiges Gemisch aus Kapitulation und Freude gewesen, und jetzt schaut er sich vorsichtig um in einer bisher fremden Welt. Die Bibel war in dieser neuen Welt zweifellos etwas, das dazugehörte, aber wie sollte er da hineinfinden? Die Schwierigkeiten waren größer als zunächst gedacht. Aber trotzdem ging es irgendwie.
Wenn Vertrautheit gefährlich wird
Ob Frühstarter oder Späteinsteiger: je vertrauter, desto besser. Die Bibel und wir: die Unzertrennlichen. So gesehen möchte man gar nicht meinen, dass Vertrautheit etwas Gefährliches werden kann. Und doch ist es so. Wieder wird ein Spannungsfeld erkennbar. Wenn Gottes Buch unser Buch wird, kann es passieren, dass es so sehr unser Buch wird, dass es kaum noch Gottes Buch bleibt.
Es könnte dahin kommen, dass wir die Bibel vereinnahmen, ohne uns dessen bewusst zu sein. Der Unterschied zwischen der Bibel und uns kann verschwimmen. Unsere christlichen Gedanken können uns mit der Bibel deckungsgleich vorkommen. Dann können wir uns irren, ohne es zu merken. Gott kann wieder neu zum unverstandenen Gott werden, obwohl wir den Eindruck haben, ihn besonders gut zu verstehen – besser als viele andere. Kostbare Worte der Bibel können dabei zu unfreiwilligen Helfern werden. So kann etwa aus dem wertvollen Versprechen, das Jesus seinen Jüngern gab: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lukas 10,16a), der verhängnisvolle Irrtum werden: Was ich meine, entspricht der Meinung Jesu. Das Motto „Je vertrauter, desto besser!“ ist ergänzungsbedürftig. Wir brauchen auch Abstand. Auf die Dauer geht es nicht ohne die Einsicht, dass die Bibel anders ist als wir, nicht nur anders als jene, die die Bibel verachten und vernachlässigen, sondern auch als diejenigen, die sie lieben.
Dieser Text ist ein Auszug aus Eckhard Hagedorns Buch „Fette Beute“. Foto: Rachel Lynette French/Unsplash

 

Eckhard Hagedorn ist Theologe und promovierter Kirchengeschichtler. Am Theologischen Seminar St. Chrischona in der Schweiz ist er Dozent für Neues Testament. Sein Buch „Fette Beute“ ist im Fontis-Verlag erschienen.

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