Fontis-Blog

Von Manuskripten und Trüffelschweinen

Aus dem Lektorat

Zu einem richtigen Verlag gehören Manuskripte, nicht? Genau! Und das nicht zu knapp! Unser Verlag unterscheidet sich da nur wenig von anderen Verlagshäusern. Fast jeden Tag kommen Manuskripte rein. Per Post (schwere Kartons im A4-Format!), per E-Mail (teilweise riesige Dateien mit netten Begleitbriefen) oder manchmal auch ganz anders: Gewisse Schreiberlinge klingeln nämlich gleich höchstpersönlich an der Verlagstür und bringen ihr Oeuvre gleich selbst vorbei, manchmal nett, manchmal frech, manchmal zweifelnd, manchmal extrem von sich selbst überzeugt – und natürlich immer in der Hoffnung, bei der Begegnung gleich noch ein paar gute Worte für ihr Werk und ihre Absichten und Motive einlegen zu können. (Dass wir das nicht so gern haben, ist ja klar. Denn: Bei einem Manuskript muss der Text für sich selbst sprechen. Da will man nicht noch die Erklärungen des Autors dazu hören und sein Gesicht dazu sehen.)

Uns im Verlag und im Lektorat ist natürlich immer klar, dass all die Leute, die sich dazu entschlossen haben, ihr Werk nach monate- oder sogar jahrelanger Arbeit endlich in den Briefkasten zu werfen oder am PC auf die „Senden“-Taste zu drücken, sehr grosse Hoffnungen und Ängste damit verbinden und sehr aufgeregt sind. Und deshalb verdienen sie alle auch eine korrekte Antwort. Alle fragen sich natürlich: „Wer kriegt jetzt mein Manuskript? Wer liest es? Wer beurteilt es? Und: Wird dieser Verlag es jemals veröffentlichen? Kann es vielleicht sogar ein Bestseller werden? Werde ich reich? Werde ich sogar berühmt? Oder interessiert das unterm Strich keinen Knochen?“

Na, wir kriegen jedes Jahr Hunderte solcher Texte. Und da wir ein christlicher Verlag mit eigener Bibelübersetzung sind, sind es meist Manuskripte, die sich auf vielfältige Weise mit dem Thema Glauben und Jesus Christus auseinander setzen. Manchmal weiss man schon nach fünf Zeilen: „Das wird schwierig werden, das wird wohl nix.“ Manchmal weiss man es erst nach zehn Seiten. Manchmal weiss man erst in der Hälfte, ob der Text und der Plot Sinn machen oder nicht, Tiefe haben oder nicht, stringent sind oder nicht. Und manchmal müssen dann die allerletzten Seiten und Zeilen entscheiden, wie man im Lektorat den Text definitiv beurteilt. Fakt ist: Von 300 unaufgefordert an uns geschickten Manuskripten wird in der Regel EIN EINZIGES jemals zu einem Buch! Die Chance, dass man es einschickt und es dann als Buch veröffentlicht wird, stehen also 1:300. Oder anders: Sie liegen bei 0,33 Prozent. Das ist nicht viel. Gleichzeitig muss man aber wissen: Wenn ein Verlag sich dazu entscheidet, so ein Manuskript tatsächlich zu einem Buch zu machen, bezahlt er bei einer Erstauflage von 3000 Exemplaren für Bearbeitung, Setzerei, Papier, Covergrafik, Illustrationen, Druckerei, Vertretersitzung, Vertreterreise, Vorschau, PR, Werbung und Autorenhonorar schnell mal Fr. 14.000.- bis Fr. 20.000.-. Er geht also extrem in Vorleistung, bevor überhaupt wieder ein einziger Rappen eingespielt werden konnte. Und deshalb ist jeder Verlag bei der Beurteilung von Manuskripten enorm kritisch und kalkuliert alles viele Male durch. Und fragt sich immer wieder: „Interessiert so ein Buch jemanden dort draussen? Gibt es dafür eine Zielgruppe, die darauf wartet und dieses Buch auch wirklich braucht?“

Nun könnte man denken: „Ach, das ist ja hoffnungslos!“ Nein, ist es nicht! Wir haben zwar schon tausende Male abgesagt, klar. Und das hat uns im Verlag auch immer sehr viel Mühe und Arbeit gemacht, all diese Texte zu lesen und zu beurteilen. Das geht dann bis zur Erschöpfung. Aber siehe da: Es war ausgerechnet eines dieser nie bestellten, sondern unaufgefordert eingeschickten Manuskripte, das zu einem der grössten Longseller und Bestseller unseres Verlags wurde: Susanne Wittpennigs „Maya und Domenico“! Da wühlt man sich als Lektor also durch so viele Manuskripte, und plötzlich findet man (wie ein Trüffelschwein!) ganz unverhofft und überraschend diesen grossartigen Text einer zuvor völlig unbekannten Autorin namens Susanne Wittpennig, macht daraus ein Buch – und noch eins – und noch eins – und noch eins … und verkauft davon, Stand heute, innerhalb von acht Jahren satte 260.000 Exemplare! So also sieht das turbulente Leben eines Verlegers aus! Und mit so einem Volltreffer kann er dann 35 andere Titel, die leider trotz aller Bemühungen niemals in die schwarzen Zahlen gekommen sind, quersubventionieren. Und das gibt ihm auch die Kraft, die Energie und den Schwung, sich auch weiterhin wieder durch Hunderte von Manuskripten zu arbeiten, die er zuvor nie bestellt hatte, die aber auf verschiedenste Weisen ihren Weg auf sein Pult gefunden haben! Kurzum: Lang lebe das Trüffelschwein! (Das bei uns in diesen Monaten den Namen Larissa trägt. Manchmal auch Vera oder Anne.)

Christian Meyer, Abteilungsleiter Lektorat. Bücherwurm seit 1960, als er 6 Jahre alt war. Erstes Buch: „Uwe Seeler – Die Biographie“

 

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