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Vishal Mangalwadi: Was zieht Menschen in den Westen?

Vishal Mangalwadi ist überzeugter Christ und einer der größten indischen Philosophen – doch sein Herz schlägt für den Westen. In seinem Blogbeitrag schreibt er über Religion, Wahrheit und die Wandlung des Westens.

Von Vishal Mangalwadi
Auf viele Menschen übt der Westen eine Anziehungskraft aus. Nicht nur, weil dort Persönlichkeitsrechte und Freiheiten respektiert werden, sondern auch wegen seines Glaubens an Gleichberechtigung. Wegen seiner Bildungssysteme und Standards der medizinischen Versorgung. Wegen seinem Rechtssystem, das das Gesetz über den Staatschef stellt. Wegen der Möglichkeiten für wirtschaftlichen Fortschritt. Wegen dem Respekt der Pressefreiheit. Wegen der Erfolgsbilanzen für wissenschaftliche und technologische Fortschritte. Aber der Westen war nicht immer so. Und nun verändert er sich traurigerweise direkt vor unseren Augen.
Der Westen ist im 21. Jahrhundert postfaktisch
Trotz seinem Sittenverfall gehören westliche Länder noch immer zu dem Teil der Welt, der am wenigsten korrupt und am besten entwickelt ist, obwohl sie sich selbst als postfaktisch bezeichnen. Das bedeutet, dass die Menschen das Vertrauen in ihre Politiker, ihre Presse und sogar die Integrität  vieler ihrer Wissenschaftler verlieren. Stagnation, wachsende Schulden und Unsicherheit desillusionieren die Menschen.
Von Korruption zum Glauben an die Wahrheit
Was hat also dazu geführt, dass der modere Westen zu einer Zivilisation wurde, die an die Wahrheit glaubte? Vor 2000 Jahren konnte ein römischer Gouverneur, Pilatus, eine Person des öffentlichen Lebens freisprechen und ihn dann doch kreuzigen. Wie konnte er das tun? Wusste er nicht, dass er damit das Vertrauen der Menschen in das römische Gerichtswesen zerstörte? Nun, damals hat sich der Westen noch nicht auf Vertrauen verlassen. Er hat Menschen gewissermaßen in die Unterordnung terrorisiert. Er hat sich nicht an Wahrheit gehalten, weil die griechisch-römische Welt um ca. 300 v. Chr. den hinduistisch-buddhistischen Pessimismus akzeptierte, der lehrte, dass der menschliche Verstand Wahrheit nicht erkennen könne. Deswegen hat die griechisch-römische Gesellschaft ihre Kultur nicht auf Wahrheit aufgebaut, sondern auf Mythen, Magie und Mystik. Die Wahrheit hat den vormodernen Westen zu dem gemacht, was zur modernen Kultur wurde. Hier ein Beispiel, dass meine These illustrieren soll: In den 1980er Jahren war ich in Amsterdam und versuchte herauszufinden, wie man Tickets an einem Automaten kauft. Ich habe zwei amerikanische Touristen um Hilfe gebeten. „Wieso wollen Sie Tickets kaufen?“, fragten sie. „Wir reisen bereits seit zwei Tagen hier und bisher hat niemand unsere Tickets kontrolliert.“ Ich war erstaunt: Wie konnten die Niederlanden eine moralische Gesellschaft erschaffen, in der die Stadt ihren Bürgern trauen konnte? Und warum weist die neue Generation die ethischen Grundsätze zurück, aus denen einzigartige Freiheiten und ökonomischer Wohlstand hervorgingen?
Die Reformation verändert den vormodernen Westen
Ich habe Nachforschungen angestellt und herausgefunden, dass der vormoderne Westen vor 500 Jahren genauso korrupt wie mein Land Indien war. Religion hat Korruption genährt. Der Westen begann, sich zu verändern – wegen einer Bewegung, die „Reformation“ genannt wird. In seinem Buch „From Dawn to Decadence“, beschreibt der Historiker Jacques Barzun die Reformation als einer der größten Revolutionen des letzten Millenniums, das die neue Welt kreierte. Seiner Definition nach war Reformation mehr, als eine menschliche Autorität gegen eine andere einzutauschen. Sondern es hat zur Folge, schlechte Ideen mit guten Ideen zu ersetzen, die tatsächlich funktionieren. Können wir Wahrheit erkennen? Die Reformer traten für Wahrheit ein, weil sie in einen Schöpfer glaubten, der Wahrheit kennt und sie kommuniziert. Sie folgten den Lehren der Bibel, die von St. Augustin artikuliert wurden. Er lehrte, dass der Verstand Gottes größtes Geschenk an den Menschen war, der als Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Gott gab uns das Geschenk des Verstandes und der Sprache, weil er uns Wahrheit lehren will – genauso, wie ein Vater dies seinem Kind beibringen möchte. Gott möchte, dass wir unseren Verstand nutzen, um Wahrheit zu entdecken und das Geschenk der Sprache, um auch anderen die Wahrheit zu kommunizieren. Dieser einzigartige Glaube an die menschliche Fähigkeit zu Lernen und Wahrheit zu kommunizieren machte den modernen Westen zu einer einzigartigen denkenden, freien und wachsenden Gesellschaft.
Wie Religionen und die Bibel das Verständnis von Wahrheit beeinflussen
Die buddhistischen Mönche in China hatten viele Bücher. Doch sie haben aufgehört, diese Bücher zu lesen, als sie aus ihren Aufzeichnungen erkannten, dass Worte keine Wahrheit kommunizieren konnten. Also haben die Mönche in Ost-China ihre heiligen Bücher in die Regale gestellt und die Buchdeckel ausgewechselt. So verkümmerte das intellektuelle Leben ihrer Gesellschaft, obwohl es große Klöster gab. Diese Klöster entwickelten sich nicht zu Universitäten – wie Oxford, Cambridge und viele andere Universitäten, die aus Klöstern entstanden sind. Osho Rajneesh war Philosophie-Professor an einer Universität. Er gab das Leben des Verstandes auf, wurde ein Guru und hat mehr Bücher als jeder andere darüber geschrieben, dass die Wahrheit Stille sei. Es musste eine irrationale, mystische Erfahrung gemacht werden; z.B. beim Wirbeln (um die eigene Achse) bis man ohne jeglichen Gedanken fällt.
Die Bibel hat Länder wie die Niederlanden verändert, weil es die Kirchen dazu inspirierte, alle zu lehren. Mit Bildung, die auf der Bibel basiert und die Liebe für Wahrheit und Gerechtigkeit kultiviert. Warum? Weil die Bibel uns lehrt, dass Gott für alle Menschen will, dass sie von ihren Sünden gerettet werden und die Wahrheit erkennen (1. Timotheus 2,4). Religionen, die Mythen und Mystizismus förderten, hielten Wissen und Realität für „Maya“ – Illusion. Diese Sichtweise hat die Menschen auch vom Streben nach Wissen abgehalten, was der Grund dafür ist, dass hinduistische Tempel keine Schulen oder Universitäten gebaut haben. Wohingegen moderne, reformierte Bildung jeden niederländischen Studenten dazu ermutigt hat, den „Heidelberger Katechismus“ auswendig zu lernen, der auf biblischer Grundlage basiert. So wurden jeder Einwohnerseele Gottes Gebote beigebracht – so wie das Gebot „Du sollst nicht stehlen“.
Die Ungläubigen haben Mythen erfunden und ihre Meinungen als Moral verbreitet. Aber Gott hat die Juden befreit, indem er ihnen befohlen hat, keine eigene Realität oder Moral zu erfinden. Obwohl wir alle Sünder geworden sind, sagt uns unser Gewissen, dass wir nach dem Bild eines heiligen Gottes erschaffen wurden. Deswegen müssen Sünder ihre Sünden und den Glauben an Mythen bereuen. Sie müssen zurückkehren zu Gottes Wahrheit und Heiligkeit. Weil Gott vertrauenswürdig ist, müssen seine Kinder auch vertrauenswürdig sein und die Wahrheit sprechen – und kein falsches Zeugnis ablegen.
Eine flexible Moral erschwert das Vertrauen zueinander
Unsere Postmoderne weiß, dass es ohne Gottes Gnade keine absolute Wahrheit und Moral geben kann. Sein intellektueller Pessimismus ermutigt Menschen dazu, ihre eigenen „Wahrheiten“ und moralischen Werte zu erfinden. Aber eine flexible Moral macht es schwer, einander zu vertrauen. Das öffentliche Transportsystem der Niederlande kann seinen Passagieren nicht länger vertrauen. Genauso wenig können die Amerikaner ihren Medien oder ihren Professoren trauen. Indem der Wersten postfaktisch wurde, wurde er postmodern. Es hat seine Seele amputiert, die Bibel – die die moderne Welt erschaffen hat. Deswegen unterdrückt unser post-christliches, postmodernes, postfaktisches Zeitalter die Freiheit von individuellem Gewissen und menschlicher Meinungen, Gefühlen und persönlichem Interesse aufgrund von „politischer Korrektheit“.
Die Wahrheitssuche war der Motor der westlichen Erfolgsgeschichte. Die Wahrheit zu verlieren, bedeutet Vertrauen zu verlieren. Verliert man Vertrauen, verliert man Frieden, Fortschritt und Wohlstand.

 

Vishal Mangalwadi ist indischer Philosoph, Buchautor, Politiker und Theologieprofessor. Sein aktuelles Buch „Wahrheit und Wandlung“ ist im Fontis-Verlag erschienen.  
Der Autor schreibt in regelmäßigen Abständen auf dem Fontis-Blog:
Vishal Mangalwadi: Was ich als Inder der deutschen Reformation verdanke
Vishal Mangalwadi: Die Poesie des Unendlichen
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