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Vishal Mangalwadi: Was ich als Inder der deutschen Reformation verdanke

Warum feiern evangelische Christen ein Ereignis der Geschichte, welches blutige Auseinandersetzungen mit sich brachte? Warum feiern wir einen Mann wie Martin Luther, der oft nicht politisch korrekt war? Vishal Mangalwadi untersucht in seinem Blogpost Martin Luthers Einfluss auf die Entwicklung der Bildung und dankt der deutschen Reformation für die Möglichkeiten, die sie für ihn als Inder brachten.
Von Vishal Mangalwadi
Sollten wir das 500. Jubiläum der deutschen Reformation am 31. Oktober 2017 feiern?
In seinem Buch „From Dawn to Decadence: 1500 to the Present“ beschreibt Historiker Jaques Barzun die Reformation als die wichtigste Revolution des 2. Jahrtausends nach Christus. Wir haben wegen der Reformation unabhängige Staaten wie die Schweiz, Indien und die USA, und Kirchen wie die Lutherische, Presbyterianische und Anglikanische. Ich lese und schreibe wegen der deutschen Reformation. Meine indische Kultur hätte mir ohne sie nicht erlaubt meinen Verstand zu entwickeln. Es brauchte mehrere Posaunenschläge des „häretischen Mönches“ Martin Luthers (1483–1546), um die Wände niederzureißen, die den mittelalterlichen Verstand gefangen hielten.
Europa hatte damals kein Schulsystem. Ein paar junge Leute, vor allem diejenigen, die in der Kirche dienen wollten, gingen zu religiösen Institutionen wie Klöster und Domschulen, um zu lernen. Manche dieser Institutionen zogen genug Lehrer, Studenten und Spenden an, um (mittelalterliche) Universitäten zu werden. Jedoch hatte niemand – weder Herrscher, Eltern noch die Kirche – Interesse daran, jedes Kind auszubilden. Meine hinduistische Kultur war ähnlich wie die des mittelalterlichen Europas. Sie verbot meinem Volk zu studieren, da es glaubte, dass nur ein männlicher Brahmane [Anm. d. Red.: Angehöriger der indischen Priesterkaste] die „Wahrheit“ studieren dürfte: Er wäre aus Gottes Mund gemacht.
Luthers Forderung für eine universale Bildung wurden durch mehrere Aussagen der Bibel geformt. Sein erster Posaunenschlag war, dass Jesus uns nicht in separate Kasten getrennt hatte. Alle Christen sind ein Teil des Körpers Jesu. Sein Brief an deutsche Adlige fängt mit einem Zitat aus 1. Korinther 12, 12–14 an: „So wie unser Leib aus vielen Gliedern besteht und diese Glieder einen Leib bilden, so besteht auch die Gemeinde Christi aus vielen Gliedern und ist doch ein einziger Leib. Wir haben alle denselben Geist empfangen und gehören durch die Taufe zu dem einen Leib Christi, ganz gleich, ob wir nun Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie sind …“
Die Reformation, im Gegensatz zur Renaissance, wurde zu einer transformierenden Bewegung. Dies passierte, da Luther eine weitere Wahrheit aus der Bibel mit einem Posaunenschlag verlauten ließ. Diese Wahrheit ist, dass jedes Kind Gottes, egal welcher Stand, Farbe, Kaste oder Geschlechts, ein königlicher Priester ist: „Ihr aber seid ein von Gott auserwähltes Volk, seine königlichen Priester, ihr gehört ganz zu ihm und seid sein Eigentum. Deshalb sollt ihr die großen Taten Gottes verkünden, der euch aus der Finsternis befreit und in sein wunderbares Licht geführt hat.“ (1. Petrus 2, 9)
Diese Wahrheit, die Luther „Priesterschaft aller Gläubigen“ nannte, war der Anfang der globalen Bewegung für die Gleichheit des Menschen. Luther wurde zugehört, weil sein Aufruf direkt aus der Bibel kam. Er stützte sein Argument für eine allgemeine Bildung auf Psalm 78, 5–7: „Er gab Israel sein Gesetz, …. Unseren Vorfahren befahl er, sie ihren Kindern bekannt zu machen. So soll jede Generation seine Weisungen kennen lernen – alle Kinder, die noch geboren werden. Auch diese sollen sie ihren Nachkommen einprägen. Sie alle sollen auf Gott ihr Vertrauen setzen und seine Machttaten nicht vergessen. Was er befohlen hat, sollen sie tun … „
Die Empfänger von Luthers Briefen waren christliche Stadträte – Stadtälteste. Luther erinnerte sie, dass – wie Väter – auch Älteste eine pädagogische Verantwortung haben. Luther zitierte und legte Moses‘ Ermahnung an Kinder in 5. Mose 32, 7 dar: „…Fragt eure Eltern, was damals geschah! Die alten Leute [die Ältesten] werden es euch sagen.“
Zehn Jahre nach seinem ursprünglichen Appell erfuhr Luther, dass zwar Adlige und Stadträte auf ihn hörten, Eltern jedoch eine andere Herausforderung darstellten. Eltern konnten nicht verstehen, warum ein Kind zur Schule gehen sollte, wenn es sein Leben damit verbringen würde, Kühe zu melken oder Fische zu fangen. Luthers Appell im Jahr 1530, um „Kinder in der Schule zu lassen“, beruhte vollständig auf seinem Glauben in die Bibel als Gottes Wort. Arme Bauern waren besorgt um ihre täglichen Nöte. Sie wollten, dass ihre Kinder einen Teil zum mickrigen Einkommen beisteuerten. Luthers Predigt forderte sie heraus, durch den Glauben an Gottes Wort zu leben. Er legte die Worte Jesu, welche in Matthäus 6, 31–33 aufgezeichnet sind, dar: „Zerbrecht euch also nicht mehr den Kopf mit Fragen wie: ‚Werden wir genug zu essen haben? Und was werden wir trinken? Was sollen wir anziehen?‘ Mit solchen Dingen beschäftigen sich nur Menschen, die Gott nicht kennen. Euer Vater im Himmel weiß doch genau, dass ihr dies alles braucht. Sorgt euch vor allem um Gottes neue Welt, und lebt nach Gottes Willen! Dann wird er euch mit allem anderen versorgen.“
Funktionierte es?
Im Jahr 1600 hatten mindestens 300 deutsche Städte Schulen eingeführt. Diese Schulen vermittelten eine gute Bildung, weil ihre Motivation nicht darin lag, Geld zu verdienen, sondern Gott zu gehorchen. Indem Bildung reformiert wurde, befähigte die Bibel die deutschsprechende Welt. Heute trennen viele Institutionen jedoch Bildung von Gottes Wort. Sie wollen, dass Studenten lernen Geld zu verdienen, ohne in Wahrheit oder Charakter zu investieren. Die postmoderne Welt entdeckt jedoch langsam, dass die Korruption von Sitten eine schwere Last für die Wirtschaft einer Nation ist. Dies ist jedoch ein Thema für ein anderes Mal.

 

Vishal MangalwadiDer indische Philosoph, Buchautor, Politiker und Theologieprofessor Vishal Mangalwadi ist der Hauptredner auf dem christlichen Führungskräftekongress 2017. Sein aktuelles Buch „Wahrheit und Wandlung“ ist im Fontis-Verlag erschienen.  
Bereits auf dem Fontis-Blog von Vishal Mangalwadi erschienen:
Vishal Mangalwadi: Die Poesie des Unendlichen

 

 

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