Fontis-Blog

Verschickt und zugenäht

Foto: Tommaso Pecchioli / unsplash.com
Foto: Tommaso Pecchioli / unsplash.com

Was die 12 Millionen Pakete wohl denken, die jeden Tag durch Deutschland reisen? Die Zahl der Sendungen sind laut Statistik 2018 auf über 3,5 Milliarden gestiegen. Da kann man von einem Wunder sprechen, wenn all diese Pakete auch tatsächlich bei ihrem richtigen Adressaten ankommen. Wenn ein Paket Tagebuch schreiben könnte, dann wahrscheinlich so:

Entschuldigung, bitte, aber haben die mich vergessen? Ich sitze schon seit Tagen unter diesem Tisch. Es riecht nach Schweiß und die Staubfasern machen mich krank.

Vor etwa drei Wochen habe ich die Reise meines Lebens angetreten, und ich wusste vor meiner Abreise nichts von all den Zwischenstopps, die mich erwarteten. Sie falteten mich, gaben mir eine Adresse und schickten mich los in die große weite Welt – vollbepackt.

Ein grauhaariger Mann mit Brille setzte mich in der Lüdenscheider Post-Filiale ab und bezahlte mir sogar die Fahrt. Es lag ihm wohl viel daran, dass ich sicher ankam. Er fragte noch, wie lange es dauern würde. «Drei Tage höchstens», hat die Frau hinter dem Tresen gesagt. Und jetzt sitze ich schon mindestens fünf lange Nächte neben einer zerknüllten alten Schachtel und sehne mich nach einem neuen Zuhause. Jedes Mal, wenn sich die Tür zur Freiheit vor meiner Nase öffnet, pocht mein Kartonpuls höher.

Ein gewagter Sprung

Die letzten Wochen waren sehr aufregend. Ich erlebte alles, von Paketgroßveranstaltungen bis zu privaten Post-Limousinenfahrten. Eines Abends, als wir uns fertig machten für die Reise nach Villingen-Schwenningen, entschieden das „bunt Verzierte“ und ich, die Wägen zu wechseln. Wir schafften den Absprung gerade rechtzeitig, doch ich verletzte mich an der Schulter. Zum Glück kam sofort ein gelb-schwarz-gekleideter Mann zur Hilfe und flickte die offene Stelle!

Mit den anderen wartete ich im Regen auf das Transportfahrzeug und freute mich, während der Fahrt endlich ein wenig Schlaf abzubekommen. Ich träumte davon, eines Tages ein 1,60m-Bett für mich zu haben. Die Schlafwägen waren immer etwas überfüllt.

Als ich aufwachte, ging die Sonne gerade auf und draußen schimmerten weiße Berge im rot-violetten Licht. Am neuen Zustellposten wurden wir auf ein Rollband abgestellt. Auf dem Weg ins Lager rollten wir an einem Sortiment Schweizer Fondue-Käse vorbei – ich kam mir vor wie beim Running Sushi. Am Nachmittag wurde ich neu bekleidet. Ein rotes Taschenmesser glitt vorsichtig über die Oberfläche und erneuerte meinen Aufdruck. „Fertig für den Zoll“, hörte ich eine Stimme aus dem Off.

Die letzte Etappe

Nach weiteren 24 Stunden auf dem Rücksitz eines Peugeot, setzten sie mich unter diesen Bürotisch. Und hier bin ich nun und höre eine Sprache, die feiner klingt als meine eigene. Neben mir steht eine leere Flasche Burgunder und an der Wand klebt ein Bild von Antoine Griezmann, der den WM-Pokal in die Luft streckt. Ob sie dem Pokal auch ein Küsschen rechts, ein Küsschen links verpassten?

«Allez!», reißt mich eine Frau mit hochgekrempelten Ärmeln aus meinen Gedanken. Nach vier Wochen scheint es endlich soweit zu sein. Die letzte Fahrt steht mir bevor. Nach diesem Abenteuer wird es höchste Zeit, mich von diesem Advent-ure auszuruhen und in Basel anzukommen.

Bald ist Advent – und das bedeutet Ankunft. Nicht nur für mich, das kleine weit gereiste und etwas abgewetzte Paket. Sondern auch für Jesus, Gottes Sohn. Ob die Menschen sich auf seine Ankunft genauso freuen wie auf mich?

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