Fontis-Blog

Uwe stößt an: Kitschkirchentag 2017 – Protestantismus hinterm Mond

Der 36. Evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg  fand unter dem Motto „Du siehst mich“  statt. Uwe Siemon-Netto, der den Kirchentag aus der Ferne verfolgte, sah etwas anderes als der Titel suggeriert: Er sah Kitsch und eine ärgerliche Blindheit gegenüber dem Leiden der verfolgten Christenheit in vielen Teilen der Welt.
Von Uwe Siemon-Netto
Kurz bevor mein Freund Ernst Cramer am 19. Januar 2010 im Alter von knapp 97 Jahren starb, fragte ich ihn: „Wie halten Sie sich nur so rüstig?“ Cramer, der bis fast zu seinem letzten Atemzug an seiner Schreibmaschine saß, antwortete: „Ich halte mich an ein altes Journalistenrezept: Du musst jeden Morgen mit einem Bauch voller Zorn aufwachen.“ Das leuchtete mir ein. Ernst Cramer war 1938 einer der ersten jüdischen Insassen des Konzentrationslagers Buchenwald, wurde aber nach sechs Wochen entlassen, flüchtete in die USA und kehrte 1945 in amerikanischer Uniform als Befreier nach Buchenwald zurück. Wenige Jahre später wurde er einer der engsten Ratgeber des Verlegers Axel Springer.
Aufreger beim Evangelischen Kirchentag
Mein Zorn hat vergleichsweise bescheidenere Wurzeln; er kommt zum Beispiel auf, wenn ich an den Infantilismus des deutschen Protestantismus denke, der in den Sechzigerjahren stecken geblieben ist. Dabei ärgere ich mich vor allem über den Evangelischen Kirchentag. Ein solcher ging ja gerade in Berlin und Wittenberg zu Ende. Dort wurde das 500-jährige Jubiläum der Reformation in unlutherischer Verzückung zelebriert.
Ich habe mich ja schon fast daran gewöhnt, dass die „Reformationsbotschafterin“ Margot Käßmann einen ihrer Bolzen loslässt. Sie tat’s auch jetzt wieder. Diesmal stellte sie in einer Bibelstunde das gesamte deutsche Volk implizit unter den Pauschalverdacht, Nazis zu sein. Zur AfD-Forderung nach einer höheren Geburtenrate Deutschstämmiger sagte sie: „Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern: Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht.“ Solch infamer Humbug gehört nun einmal zu Frau Käßmanns Repertoire. Sie hat ihn von den Achtundsechzigern geerbt, die sich selbst eine Absolution erteilten, indem sie die Kollektivschuld aller Landsleute proklamierten. Frau Käßmann ist eben eine Gottesgeißel, wie ein lutherischer Bischof mir sagte. Auch stöhne ich nur noch bestenfalls sotto voce auf, wenn vorgeblich fromme Banausen wie die Hamburger Gruppe „Lesben und Kirche“ wieder einmal einen Kulturfrevel verüben. Diesmal verstümmelten sie im Kirchentags-Gesangbuch wunderbare alter Lieder wie „Lobet den Herrn“ vermeintlich geschlechtsneutral in „Lobet die Ew’ge“. Möge der Herr, der in ihren Augen eine Herrin ist, es ihnen nachsehen.
Kitsch statt Sorge
Richtig zornig nach Cramers Vorbild werde ich allerdings, wenn ich bedenke, in welchem Maße dieser retrograde Kitsch hier die größte Sorge verdrängt, die alle Christen unserer Tage plagen sollte: Noch nie wurden so viele ihrer Glaubensbrüder weltweit verfolgt und umgebracht wie heute; selbst in deutschen Flüchtlingsunterkünften sind sie vor ihren muslimischen Peinigern nicht sicher. Während die Kirchentagsorganisatoren selbstgefällig ihre eigene Güte zelebrierten, wurden in Ägypten 29 koptische Christen bei einer Wallfahrt ermordet, und dies nachdem der Islamische Staat in der Karwoche ein Blutbad in ägyptischen Kirchen angerichtet hatte. Das weltweite Leiden von Christen wäre natürlich das aktuelle Thema für den Evangelischen Kirchentag 2017 gewesen. Aber nein, so weit waren dessen Organisatoren noch nicht in der Zeitgeschichte vorgedrungen. Vorderhand tat’s gut, sich von der Apartheid in Südafrika zu distanzieren und dies mutig zu bekennen, indem der schwarze Erzbischof von Kapstadt eingeflogen und zur Schlusspredigt auf den Elbwiesen in Wittenberg in die Kanzel gestellt wurde. Nichts gegen diesen guten Gottesmann. Aber die institutionalisierte Apartheit ging 1994 zu Ende; das liegt nun schon fast eine Generation zurück. Dann stimmten die mit orangefarbenen Schals uniformierten Kirchentagsteilnehmer den Hymnus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung an: „We shall overcome!“ Das war ergreifend, berührte aber eine Epoche, die nun wirklich weit zurück liegt. Ich sang „We shall overcome“, als ich vor einem halben Jahrhundert Martin Luther King bei Demonstrationen für die Rassengleichheit in Amerika begleitete.
Aktuelle Botschaft für heute: Luthers „Ein‘ feste Burg“
Ums unumwunden zu sagen: Der deutsche Protestantismus, der sich gern so fortschrittlich gibt, steckt hinterm Mond. Statt „We shall overcome“ hätte Martin Luthers viel älteres aber auch viel aktuelleres Reformationshymnus „Ein‘ feste Burg“ geschmettert werden sollen, zumal im Jubeljahr 2017 und zumal in Wittenberg. Und auf die Kanzel hätte diesmal kein Südafrikaner gehört sondern Anba Damian, der Generalbischof der Kopten in Deutschland, einer Glaubensgemeinschaft, die von dem Evangelisten Markus angeblich schon im Jahr 42 n. Chr. in Alexandrien gegründet wurde und in ihrer Liturgie die Sprache der Pharaonen pflegt. Bischof Damian hätte eloquent in einwandfreiem Deutsch über die fast 2.000 Jahre alte Leidensgeschichte der ägyptischen Christen berichten und daran erinnern können, was es bedeutet, ein Christ zu sein: kein Wohlfühlfrömmler, sondern ein Märtyrer. Denn dieses Wort wurzelt in der griechischen Vokabel „mártys“. Auf Deutsch heißt das: Zeuge.

 

Uwe Siemon-Netto ist 80 Jahre alt, im Herzen aber noch immer ein junggebliebener Rebell und Querdenker. Deswegen schreibt er auch auf dem Fontis-Blog unter der Rubrik „Uwe stößt an“. Er hat als Journalist im In- und Ausland gearbeitet, ist Theologe und Schriftsteller. Er wohnt in den USA.
Sein aktuelles Buch „Luther – Lehrmeister des Widerstands“ ist im September 2016 im Fontis-Verlag erschienen.
Weitere Beiträge von Uwe Siemon-Netto auf dem Fontis-Blog.
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