Fontis-Blog

Uwe stößt an: Auch Journalisten bedrohen die Pressefreiheit

Vor 60 Jahren erhielt Uwe Siemon-Netto bei der US-Nachrichtenagentur „The Associated Press“ (AP) in Frankfurt seinen ersten Redakteursvertrag. Dort lernte er, was zum Welttag der Pressefreiheit am 3. Mai zu oft übersehen wird: Es sind nicht nur autoritäre Machthaber, die diesen Grundpfeiler der Demokratie gefährden; auch eitle Journalisten und lesefaule Zeitgenossen untergraben die demokratische Willensbildung.
Im Frühjahr 1968 hielt ich mich für einen begnadeten Überflieger. Ich war gerade 21 geworden und arbeitete bei einem der renommiertesten Presseorgane der Welt. Mein Stolz währte nur ein paar Tage, und schon verwies mich Andreas Szentmihalyi, der chronisch magenkranke Ressortleiter der AP-Deutschlandredaktion, rüde in meine Schranken. Ich legte ihm meine erste AP-Reportage vor, einen blumigen Artikel gespickt mit adoleszenten Seitenhieben auf Zeitgenossen, die ich gar nicht kannte. Ich hielt mich für geistreich, mein Vorgesetzter nicht. Seine Miene verdüsterte sich von Absatz zu Absatz. Schließlich rollte Szentmihalyi, ein ungarischer Edelmann, mein Manuskript furios zusammen und klatschte es mir mit den Worten „ersparrren Sie mirrr ihre unmaßgäääbliche Meinung“ um die Ohren. Heute danke ich ihm dafür, dass er mir in diesem Augenblick vor johlenden Kollegen die Faustregel des guten Journalismus beibrachte: Es geziemt sich nicht für einen Reporter, sich wichtig zu nehmen. Nicht er zählt, sondern sein Leser. Er hat sich seine Meinung für sich zu behalten, hat akribisch die Fakten zu recherchieren und zu Papier zu bringen, einschließlich der Ansichten von Zeitgenossen, mit denen er nicht übereinstimmt. „Scheißestampfen“ nannten wir unser Handwerk damals und liebten es gleichwohl. Das Kommentieren war das Geschäft älterer und erfahrener Kollegen, die aber nicht für die AP schrieben, sondern für die Meinungsseiten von Tageszeitungen und Zeitschriften.
Als Kriegsreporter in Vietnam
Zehn Jahre später erlebte ich als Kriegsreporter in Vietnam, wie ausgerechnet amerikanische Journalisten, deren Berufsethos wir übernommen hatten, dieses verrieten; wie viele von ihnen Nachricht und persönliche Meinung zusammenpanschten; wie die Redaktionen nicht länger die gefährliche Arbeit der „Scheißestampfer“ an der vordersten Front würdigten; wie hochmütige Medienstars auf ein paar Tage aus New York und Washington auf ein paar Tage in Saigon eingeflogen und hernach mit ihren ideologisch gefärbten Sendungen die öffentliche Meinung in den USA prägten. „Self-serving Pundits“ (wichtigtuerische Klugscheißer) nannte der australische Großverleger Rupert Murdoch solche Gestalten – bevor er selbst den größten Nachrichtensender der USA zur Spielwiese rechtspopulistischer Gecken ausbaute, zu einer Bastion gegen die ebenso verwerflichen linksliberalen Medienhäuser, die seit Vietnam einen Meuchelmord am fairen amerikanischen Journalismus betreiben.
USA: Die weltoffene Presse ist tot
Fazit: In den USA ist die zuverlässige, weltoffene Presse tot. Nicht Politiker haben sie gemeuchelt, sondern Verleger, Funkhausmoguls und Möchtegern-Journalisten, die meinen, eine bessere Welt schaffen zu müssen, statt ihre Leser und Zuhörer über den Zustand dieser Welt zu informieren. Daraus folgert, dass die amerikanische Demokratie in akuter Lebensgefahr ist.
In England ist eine ähnliche Entwicklung auf dem Weg, Europa eine Katastrophe zu bescheren: den Brexit, den unsinnigen Ausstieg aus der EU. Seit einem halben Jahrhundert beobachten meine Frau, eine Engländerin, und ich, ein Deutscher, wie die Regenbogenpresse Hass gegen Kontinentaleuropa schürt. Diese Blätter sind der Schwanz, der mit dem Hund wedelt; der Hund ist die britische Politik.
Deutschland: seriöseste Presse der Welt
Bei uns in Deutschland kursiert das Schimpfwort „Lügenpresse“. Aber es ist eine ungeheuerliche Verleumdung eines ehrbaren Handwerks. Auch in den Medien des deutschsprachigen Raums gibt es Lackaffen, die sich selbst zu wichtig nehmen und Fakt und Meinung zusammenpantschen. Doch sie sind nicht die Regel. Die Deutschen scheinen gar nicht zu ahnen, dass sie mit der seriösesten Presse der Welt gesegnet sind, und dazu gehört sogar die „Bild“-Zeitung, deren Redakteure sich nie für Hasskampagnen gegen andere Völker hergeben würden; angelsächsische Journalisten tun so etwas, deutsche tun es nicht, auch nicht solche von „Bild“.
Worüber wir Deutschen froh sein können
Zum Tag der Pressefreiheit sei deutschsprachigen Lesern gesagt: Seid dankbar, dass selbst eure Lokalpresse euch umfangreich und gründlich über Weltereignisse informiert; angelsächsische Regionalblätter halten dies nicht für möglich. Seid froh, dass eure Rundfunk- und Fernsehanstalten aus allen Ländern berichten, selbst wenn euch der eine oder andere Laffe unter den Moderatoren irritiert. Wenn euch die Demokratie auch nur einen Deut wert ist, dann jubelt vor allem, dass sich unser Sprachraum Leitmedien gönnt, die als die besten Blätter der Welt gelten: die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) und die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ).
Aber diese wunderbaren Presseorgane sind in Lebensgefahr, und daran sind weder Politiker noch Verleger noch Journalisten Schuld: Ihre Auflagen sinken rasant; die FAZ verkauft heute nur noch 240.000 Exemplare am Tag, 160.000 weniger als vor 20 Jahren. Was schließen wir daraus? Zu den Totengräbern der freien Presse und damit der Demokratie gehören eben auch denkfaule und geizige Zeitgenossen, denen dieses hohe Gut gleichgültig ist.

 

Der Journalist und lutherische Laientheologe Dr. Uwe Siemon-Netto ist 81 Jahre alt, im Herzen aber noch immer ein junggebliebener Rebell und Querdenker. Mehr bissige Texte veröffentlicht er auf dem Fontis-Blog unter der Rubrik „Uwe stößt an“. Er ist außerdem Autor der Bücher „Luther, Lehrmeister des Widerstands“, „Duc, der Deutsche“ und „Griewatsch“. 

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