Fontis-Blog

Unsere Autoren hautnah: Uwe Schulz

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Der Journalist Uwe Schulz schreibt seit gut 25 Jahren direkt und indirekt für Fontis und hat sich zuletzt mit dem Buch «Was wären wir ohne Dietrich Bonhoeffer?» einen guten Namen gemacht. Im Oktober erscheint sein Buch „Nur noch eine Tür“, in welchem er sich mit dem Sterben und dem Tod auseinandersetzt und Menschen (gläubige und zweifelnde) im letzten Stadium ihres Lebens interviewt, teilweise bereits im Sterbehospiz.

Uwe, welches Buch liegt gerade auf Ihrem Tisch?

Mein Fahrtenbuch fürs Finanzamt. Ich bin Monate im Rückstand.

Welche anderen Bücher haben Sie in den letzten Monaten gelesen?

Thomas Hohensees «Wie ich meine Angst verlor» – etwas spröde, aber interessant. Ferdinand von Schirach: «Verbrechen», wegen eines unfassbar prägnanten und präzisen Stils und bewegender authentischer Kriminalgeschichten. Und Bruce Chatwins «Traumpfade», das mir vorkommt wie ein Psychogramm der gesamten Menschheit.

Welche drei Bücher haben Sie in Ihrem Leben bis heute am meisten beeindruckt?

Floris B. Bakels «Nacht und Nebel», weil der Autor auch im KZ nicht an Gott verzweifelt ist. Heinrich Bölls «Und sagte kein einziges Wort», weil die Figur des Fred Bogner mir so ans Herzen gewachsen ist. «Nachfolge» von Dietrich Bonhoeffer, weil es in seiner milden Klarheit auf den Punkt bringt, was Leben aus der Gnade heißt.

Welches ist bis jetzt (mal abgesehen von der Bibel) «das Buch Ihres Lebens» – und warum?

Im Sinne eines Werks, auf das ich immer wieder zurückkäme oder das den Grundton meines Lebens träfe – außer der Bibel? Da muss ich passen. Sehr intensiv geht mir aber Siegfried Lenz’ «Der Verlust» nach, weil es das Innere eines Menschen erkundet, dem die Sprache entgleitet. Und meinen Humor befeuert bis heute Kurt Tucholsky mit dem vergnügten Sommerstück «Rheinsberg» und allem, was in den «Schnipseln» an seinen Aphorismen versammelt ist.

Welches ist bis jetzt «der Song oder das Musikstück Ihres Lebens» – also quasi «the soundtrack of your life»?

Ich kann nicht von Peter Gabriel lassen. «Blood of Eden» zum Beispiel ist zwar eine wundervolle Ballade, aber sie hat viel Konkurrenz, für jede Lebenslage eine andere: Verliebt: Billy Joel – «She’s Always a Woman». Melodramatisch: Puccini – «Nessun Dorma». Melancholisch: Simon Webbe – «Seventeen». Feierwütig: The Killers – «Mr. Brightside». Fromm: Petra – «Don’t let your heart be hardened».

Welche drei Kinofilme haben Ihnen für Ihr Leben am meisten Input gegeben – und wieso?

Erstens: «The Killing Fields» – authentische Geschichte aus dem Kambodscha-Krieg über die Arbeit des Kriegsreporters Sydney Schanberg, die mich meinen Beruf hat wertschätzen lassen. Zweitens: «Shadowlands» – die Geschichte von C.S. Lewis und seiner Frau Joy, die er an den Krebs verliert. In diesem Film hat es zwischen mir und Monika gefunkt, die seit 1996 meine Frau ist. Drittens: Fast hätte ich noch «Skin Deep – Männer haben’s auch nicht leicht» genannt, weil ich mich selten so kaputtgelacht habe wie in dieser Trashkomödie, aber dann wird es wohl doch das märchenhafte «Ist das Leben nicht schön?» («It’s a Wonderful Life») von 1946 mit dem Engel Clarence, der sich seine Flügel verdient. Einfach himmlisch.

Wenn wir von den Medien und Kunst und Kultur reden: Was kann bei Ihnen am meisten Emotionen auslösen, vielleicht sogar bis zu Tränen und innerer Erschütterung?

Das «Lacrimosa» und das «Ave verum corpus» von Mozart. Die Zeichnungen von Rien Poortvliet im Buch «Er war einer von uns» und eine Bühnenshow der Berliner Dancehall-Band SEEED.

Gibt es einen Maler oder Fotografen, dessen Werk Ihnen so gefällt, dass Sie sich (falls bezahlbar) gerne eines seiner Oeuvres kaufen und an die Wand hängen würden?

Na klar. William Turners Impressionismus, der noch gar keiner ist, und Edwars Hoppers Eindrücke aus einem Land, das ich mag. Daneben bitte eine schöne Skulptur von Ernst Barlach. Alle im Original unbezahlbar.

Welche Bücher-Genres lesen Sie selbst am liebsten?

Sachbücher. Alles, was populärwissenschaftlich klüger macht oder beim Leben hilft. Und Reportagen.

Und welche Genres liegen Ihnen überhaupt nicht?

Frauenromane vermutlich. Mir bedeuten schon die Titelbilder der meisten: «Uwe, du bist nicht gemeint.» Und Biographien 23jähriger C-Promis sind mir zu – anders.

Wie lange schreiben Sie selbst schon, und wie kam es dazu?

Ich schreibe schon, seit ich schreiben kann. Schlechtgereimte Muttertagsgedichte, um einem Ritual Leben einzuhauchen, danach Kurzgeschichten, weil ich in der Schule einen guten Literaturlehrer hatte, der individuell förderte, schließlich beruflich, weil ich erkannte, wie mächtig Worte sein können.

Gibt es AutorInnen, deren Werke Sie bis heute prägen und begleiten?

Martin Buber, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz, Heinrich Böll, Siegfried Lenz, ein bisschen Jochen Rausch. Und wie ein Grundmotiv: Ernesto Cardenal.

Wie lange schreiben Sie an einem Manuskript, bis Sie es dem Verlag abgeben?

Bis ich den Eindruck habe, dass mehr nicht zu sagen sei. Und immer bis fünf Minuten nach dem Abgabetermin. Zuletzt zogen sich Recherche und Realisation brutto über mehr als drei Jahre.

Zu welchen Tages- und Nachtzeiten schreiben Sie?

Nie vor 9 am Morgen, nie nach 3 in der Nacht. Alles dazwischen habe ich schon genossen oder erlitten. Optimal läuft es zwischen 9 und 13 Uhr und zwischen 19 und 22 Uhr.

Und wo schreiben Sie – zu Hause, draußen, im Bett, an speziellen Orten? Ziehen Sie sich dabei total zurück?

Ich habe schon auf einer mallorquinischen Sonnenliege, im Flugzeug über Neufundland, im rheinisch-bergischen Bett und am eigenen oder Hannoverschen oder belgischen Schreibtisch in mein Laptop hineingedacht. Mein Rückzugsort ist eine viel zu unbequeme Ledercouch aus den frühen 1990ern im Arbeitszimmer. Da arbeite ich so streng, dass meine Frau sogar an der Tür klopft, bevor sie eintritt.

Sind Sie beim Schreiben immer allein, oder sind Sie dabei auch umgeben von Leuten?

Ja.

Geben Sie Ihr Manuskript in der Entstehungsphase anderen Leuten zum Lesen, oder geben Sie es erst aus der Hand, wenn Sie es an den Verleger schicken?

Nur ein Mensch darf während der Entstehung einen Blick ins Werk werfen: meine Frau. Schaut sie angestrengt, stimmt etwas nicht. Legt sie es kommentarlos weg, stimmt etwas nicht. Schweigt sie intensiv und nachdenklich, passt‘s.

Was war Ihre schönste Erfahrung im Zusammenhang mit Ihren Büchern?

Der Moment, als das erste Druckexemplar in der Hand lag.

Welches war das schönste Feedback auf eines Ihrer Bücher?

Das schönste kommt noch. Schöne waren gute Rezensionen in Foren oder Periodika und Spontankäufe nach einer Präsentation.

Welches war das schwierigste oder vielleicht auch verletzendste Feedback?

Das schwierigste ist das fehlende. Und das verletztendste kommt noch. Verletzend war eine Rezension, die einen meiner Texte als «wenig ergiebig» wertete, in dem ich wirklich mein Innerstes offenbart zu haben meinte.

Fühlen Sie sich generell mit Ihren Büchern vom Publikum gut verstanden? Oder manchmal auch missinterpretiert oder falsch analysiert?

Ich fühle mich gut platziert. Der Rezipient ist der Souverän. Die Rezipientin sowieso.

Schreiben kann eine einsame Geschichte sein: Man sitzt stundenlang und manchmal ganze Tage lang sehr allein vor dem Bildschirm. Ist das schmerzhaft für Sie? Wie denken Sie darüber?

Ich frage mich: Was wäre die Alternative? Via Twitter alle in die Schreibstufe einzuladen und mir ständig über die Schulter schauen zu lassen? Nein, ich will erst ganz allein für mich brüten und erst zum Schluss gackern. Süßer Schmerz, sich etwas abzuringen. Das hat etwas Kontemplatives.

Wo holen Sie sich Ihre Ideen fürs Schreiben, für Plots, für Geschichten, für Dialoge, für Strukturen, für überraschende Twists und Wendungen?

Ich gehe achtsam durchs Leben, höre auf meinen Bauch und guck mir Tricks bei anderen ab.

Sind noch viele Ideen, Stories und Bücher in Ihnen drin, oder sind Sie des Schreibens manchmal überdrüssig und müde?

Oh, da sind noch viele … Moment, wo hatte ich sie noch? Können wir später noch mal drüber reden?

Wissen Sie am Anfang eines Manuskripts eigentlich schon genau, wohin die Reise geht und wie das Buch enden wird?

Ich lehre meine Journalisten-Schüler, was im Leben wie im Schaffen zählt: «Du musst deinen Zielsatz haben, bevor du mit dem Erzählen beginnst.» Ist übrigens ein Prinzip von John Irving, wie ich später erkannte.

Was bedeutet Ihnen «geistliches Leben», und wie gestalten Sie es am liebsten?

Nur Das Wort, ein ruhiger Raum, Zeit zum Atmen, ich – und irgendwann wird Das Wort lebendig und formt etwas in mir um. Ohne Zeit und ohne Ort: Am Liebsten mit einem Liedvers im Kopf: «I will shout out your name, from the rooftops I’ll proclaim …»

Gibt es einen Autor, eine Autorin, die Sie unbedingt noch treffen möchten in Ihrem Leben? Oder einen Musiker, einen Künstler?

Ach, was ist schon unbedingt? Mit Peter Gabriel über Afrikas Kultur, übers verantwortliche Leben und Politik sprechen, das hätte was. Der christliche Liedermacher Chris Rice könnte mir mal die Genese seiner aufrichtigen Texte erläutern. Beruflich bedingt, darf ich ja interessante Leute ohnehin anquatschen. Eine kurze spontane Zugfahrt mit Harry Rowohlt war lustig.

Vom Schreiben kann man ja nur in den seltensten Fällen leben. Was machen Sie beruflich, welches ist Ihr finanzielles Standbein?

Ich parke in unbewirtschafteten Zonen, kaufe abgelaufene Milchprodukte und behandle meine Frau gut, damit sie bei Kräften bleibt und mit ehrlicher Arbeit Geld verdient. Ich bin nur ein schwindeliger Journalist. Könnten Sie mir übrigens Geld leihen? Oder die Honorarsätze bei Fontis ein wenig anheben? Im Ernst: Ich lebe vom Schreiben vor allem fürs Hören und bekomme ziemlich faire Honorare von der ARD.

Wie ist das Thema «Glaube» überhaupt in Ihr Leben gekommen?

Als große Frage des ganz Anderen, als ich 13 war, wie ich das mit der Konfirmation meine. Ich habe erst Ja gesagt zum Rabbi aus Nazareth und in den Jahren seither geübt, mich von meinem Bruder Jesus und unserem Papa herzen zu lassen. Aber wichtiger ist mir, wie der Glaube heute ins Leben kommt und vielleicht morgen. Auch in meines.

Inwiefern haben das Schreiben Ihrer Bücher und die Reaktionen der Leserschaft und der Öffentlichkeit Ihr Leben verändert?

Ich komme mir jetzt wichtiger vor. Nicht jeder stellt Dinge her, die das Herz wärmen können und die gute Stube. So ein Buch kann ja im Kamin auch große Qualitäten entfalten. Meine Leserinnen und Leser sind großartig, Seelenverwandte womöglich. Das macht mir Mut und Freude, wie ich sie nicht an jeder Straßenecke finde.

Haben Sie ein Lebensmotto, das dauernd in Ihrem Herzen und Ihrem Kopf drin ist?

Seit drei Jahrzehnten unübertroffen: «Alles wirkliche Leben ist Begegnung», Martin Buber. «Steh auf und wandle!», ist aber auch ein starkes Wort, wie ich gerade merke.

Was ist Ihnen in Bezug auf Ihre Bücher speziell wichtig?

Dass sie nur in Orten auf dem Ramschtisch enden, die ich nicht besuche. Andererseits: Falls sie dann Menschen erreichten, denen sie unverhofft guttun, wäre das auch ein großes Glück. Leider könnte ich dann aber nicht damit prahlen, weil ich’s nie erführe.

Wie viel von Ihnen selbst ist eigentlich in Ihren Büchern drin?

200 Gramm pro Seite. Umgerechnet in Jahre: 48.

Gibt es etwas, das Sie den Leserinnen und Lesern unserer noch mitgeben möchten?

Ja, benutzen Sie beim Surfen einen guten Virenschutz – und besuchen Sie ab und zu www.uweschulz.eu

Lieber Uwe Schulz, wir vom Fontis-Verlag danken Ihnen herzlich für dieses Interview. Alles Gute Ihnen: Segen, Freude, Zuversicht, Rückenwind!

Verantwortlich für die Fragen: Christian Meyer, Abteilungsleiter Lektorat, und Johannes «Jonny» Grapentin, Marketing.

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