Fontis-Blog

Hanna Z. Miley: Interview (1)

Hanna Z. Miley: Interview

Hannas jüdische Eltern wurden 1942 in einem KZ nahe Chelmno vergast. Sie selbst wurde als Kind aus der Heimat vertrieben. Doch das Trauma und die Verzweiflung der Jugendjahre haben nicht das letzte Wort. Die schmerzhafte Reise in die eigene Vergangenheit und in die Geschichte der Familie und des Holocaust führt sie zur ganz persönlichen Vergebung. Und zu einem lebenslangen Versöhnungsdienst. Der Fontis-Verlag veröffentlichte Hanna Mileys eindrückliche Autobiografie «Meine Krone in der Asche» Ende 2014. Wer sie gelesen hat, vergisst sie nicht mehr.
Liebe Hanna, welche Bücher haben Sie in den letzten Monaten gelesen?
​Im Augenblick lese ich drei Bücher gleichzeitig! Glauben Sie mir, es gibt eine Verbindung zwischen ihnen allen. Ich lese «Narnia and Beyond» von Thomas Howard (auf dem Kindle), «Real Presence: The Holy Spirit in the Works of C. S. Lewis» von Leanne Payne und «Perelandra» von C. S. Lewis. Ich habe Ehrfurcht vor Lewis’ schriftstellerischem Können und vor seinen geistlichen Erkenntnissen, und Howard und Payne sind mir gute Ratgeber.
Welche drei Bücher haben Sie in Ihrem Leben bis heute am meisten beeindruckt?
​Eine schwere Entscheidung für jemanden, der Bücher schon seit 75 Jahren regelrecht verschlingt! Ich kann eine Menge Bücher auflisten, die mein Leben geprägt haben. Zum Beispiel: «Anne of Green Gables» von Louisa Montgomery​; die Biografie von Edith Stein; «Divine Conspiracy» von Dallas Willard; «Celebration of Discipline» von Richard Foster​; oder «Sober Intoxication of the Spirit» von Rainero Cantalamessa.
Welches ist bis jetzt «der Song oder das Musikstück Ihres Lebens» – also quasi «the soundtrack of your life»?
Viele verschiedene Musikströmungen durchdringen mein Leben: Taizé-Musik, Ladysmith Black Mambazo (die südafrikanische A-cappella-Gruppe), Georg Friedrich Händels «Der Messias», Klezmer-Musik …
Welche drei Kinofilme haben Ihnen für Ihr Leben am meisten Input gegeben – und wieso?
Erstens: «Schneewittchen und die Sieben Zwerge». Als kleines Mädchen jüdischen Ursprungs war es mir im nationalsozialistischen Deutschland nicht erlaubt, ein Kino zu betreten. Dabei hätte ich «Schneewittchen und die Sieben Zwerge» damals so gerne gesehen! Jahre später, als ich den Film in Hongkong sah, konnte ich den Kampf zwischen Gut und Böse, der in dieser Volkserzählung porträtiert wird, umso mehr würdigen. Zweitens: «Kindertransport – In eine fremde Welt». Das ist ein oscargekrönter Dokumentarfilm, der die Geschichte des «Kindertransports» erzählt: der Ausreise von über 10.000 Kindern, die als «jüdisch» im Sinne der Nürnberger Gesetze galten. Sie reisten aus dem Deutschen Reich beziehungsweise aus den vom Deutschen Reich bedrohten Ländern aus nach Großbritannien, im Zeitraum von November 1938 bis zum 1. September 1939. Ich hatte meine eigenen «Kindertransport»-Erfahrungen unterdrückt und merkte, dass ich dank der auf der Leinwand porträtierten Biografien anderer überlebender Kinder damit begann, mich mit meiner eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Drittens: «Foyle’s War». Eine britische Krimi-Drama-Serie, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg spielt. Sie hat mich in meine Jugendzeit in England zurückversetzt.
Wenn wir von den Medien und Kunst und Kultur reden: Was kann bei Ihnen am meisten Emotionen auslösen, vielleicht sogar bis zu Tränen und innerer Erschütterung?
Ich bin emotional angreifbar und schnell verstört, wenn ich in Kunst und Medien mit Tragödien, Konflikten und Bösem im Allgemeinen konfrontiert werde. Zum Beispiel in Picassos «Guernica». Nach zehn Minuten von Claude Lanzmanns Film «Shoa» war ich dermaßen erschüttert, dass ich nicht weiterschauen konnte. Ich kaufte ein Buch, in dem der komplette Dialog des Films abgedruckt ist, und habe es geschafft, darin Augenzeugenberichte aus dem KZ Chelmno zu lesen, wo ja meine Eltern gestorben sind.
Gibt es einen Maler oder Fotografen, dessen Werk Ihnen so gefällt, dass Sie sich (falls bezahlbar) gerne eines seiner Oeuvres kaufen und an die Wand hängen würden?
Rembrandt. Ich habe sogar schon einmal versucht, eines seiner «Selbstporträts als junger Mann» abzuzeichnen. Aber wenn ich eines seiner Werke erwerben könnte, würde ich mir «Die Rückkehr des verlorenen Sohnes» kaufen und es mir an die Wand hängen. Ich liebe es, wie Rembrandt in seinen Werken Menschlichkeit betont und würdigt.
Welche Bücher-Genres lesen Sie selbst am liebsten?
​Lebensberichte (Biografien).
Und welche Genres liegen Ihnen überhaupt nicht?
​Paranormale Genres, etwa Sachen, in denen Vampire vorkommen und solche Dinge.
Wie lange schreiben Sie selbst schon, und wie kam es dazu?
«A Garland for Ashes» bzw. «Meine Krone in der Asche» ist das erste Buch, das ich veröffentlicht habe. Seit meiner Kindheit habe ich ein ambivalentes Verhältnis zum Schreiben. Ich liebe es, Szenen und Ideen in meinem Kopf durchzuspielen und sie zu beschreiben, aber die praktische Umsetzung empfinde ich als schwierige und irgendwie einschüchternde Erfahrung.
Als junge Erwachsene reiste ich als Mitglied einer internationalen Gemeinschaft durch Indien und besuchte dort Frauengruppen. Ich sollte wöchentlich Bericht erstatten, aber das, was ich einreichte, wurde niemals veröffentlicht oder kommentiert. Ich kann mir keinen Ort vorstellen, der mehr Vitalität, Intensität und Farbe hätte haben können und der dadurch meine Beobachtungs- und Beschreibungsfähigkeiten besser hätte schärfen können. In den letzten zwölf Jahren habe ich etwa alle drei Monate eine Woche allein in einem Wüstengebiet in Arizona verbracht. In dieser einzigartigen Umgebung habe ich begonnen, mir die Dinge wirklich anzuschauen. Ich sah die Pflanzen, die Geschöpfe, die Berge und den großen Himmel. Dadurch wurde ich dazu inspiriert, sozusagen als Antwort auf meine intensiven Begegnungen, persönliche Prosa und Gedichte zu verfassen.
Während einer Konferenz zum Thema Seelsorge vor zehn Jahren bat ich Gott stumm, die inneren Blockaden zu lösen, die mich davon abhielten, meine Lebensgeschichte zu erzählen. Ich hätte all das tief in mir drin lassen können, wohin ich es ja so lange verbannt hatte. Aber ich wusste, dass Heilung möglich werden würde, wenn ich eine Reise in die Vergangenheit unternehmen und zum ersten Mal in meinem Leben Trauer über das, was passiert war, zulassen würde.
Gibt es Autoren und Autorinnen, deren Werke Sie bis heute prägen und begleiten?
​Ich denke, ich wurde im Laufe meines Lebens – fast schon unbewusst – von vielen Autoren und Autorinnen geprägt. Zum Beispiel von Jane Austen, C.S. Lewis, Dallas Willard, Richard Foster und Leanne Payne und vielen mehr. ​
Wie lange schreiben Sie an einem Manuskript, bis Sie es dem Verlag abgeben?
​Es dauerte fünf Jahre, das Buch «Meine Krone in der Asche» zu schreiben – Jahre voller Recherche-Arbeit, aber auch Zweifeln und Zögerlichkeit.​
Zu welchen Tages- und Nachtzeiten schreiben Sie?
Ich habe festgestellt, dass der Vormittag für mich die beste Zeit ist, um zu schreiben.
Hier geht’s zum zweiten Teil von: Hanna Z. Miley: Interviews

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