Fontis-Blog

Unsere Autoren hautnah: Hanna Z. Miley (2)

Und wo schreiben Sie – zu Hause, draußen, im Bett, an speziellen Orten? Ziehen Sie sich dabei total zurück?
​Ich habe zwei besondere Orte, an denen ich schreibe: Gerade jetzt schreibe ich die Antworten auf die bohrenden Fragen dieses Interviews an einem alten Schreibtisch, der unter der Dachschräge unserer zweistöckigen Wohnung steht; einem Tisch, von dem aus mein Blick auf die grünen Hügel der Eifel fällt. Im «Valley of the Sun» (Phoenix in Arizona) befindet sich mein anderer Schreib-Ort: Dort sitze ich an einem Künstler-Tisch, und wenn ich meinen Blick hebe, blicke ich auf unseren Garten im «desert style» und dahinter auf eine verkehrsreiche Straße. Aber der beste Ort für Inspirationen ist und bleibt für mich die Dusche.
Sind Sie beim Schreiben immer allein, oder sind Sie dabei auch umgeben von Leuten?
​Ich muss alleine und ungestört sein und versuche Ablenkungen zu minimieren, damit ich meine Aufmerksamkeit bündeln kann.
Geben Sie Ihr Manuskript in der Entstehungsphase anderen Leuten zum Lesen, oder geben Sie es erst aus der Hand, wenn Sie es an den Verleger schicken?
​Beim Großteil meines Buches habe ich es folgendermaßen gemacht: Ich schrieb ein oder zwei Seiten von Hand und las diese Worte dann meinem Mann laut vor. Die Worte zu hören und den Gesichtsausdruck meines Mannes zu beobachten, gab mir Selbstvertrauen und führte auch zu zahlreichen Textänderungen. An verschiedenen Stationen des Schreibprozesses habe ich das Manuskript an einige Freunde geschickt und sie um ihr ehrliches Urteil und Vorschläge gebeten. Natürlich fühlte ich mich optimistisch, wenn sie lobten – und entmutigt, wenn sie kritisierten. Aber ihre Antworten intensivierten meine Interaktion mit dem Text.
Was war Ihre schönste Erfahrung im Zusammenhang mit Ihren Büchern?
​Bei meinem ersten Beratungstermin bei einem anerkannten Chirurgen sah dieser von dem medizinischen Formular auf, das ich ausgefüllt hatte, und zeigte auf die Frage «Todesursache der Eltern?», auf die ich mit «Ermordet» geantwortet hatte. Sein mitfühlendes Interesse an meiner Erklärung brachte mich dazu, ihm eine Visitenkarte mit dem Titel meines Buches darauf zu geben. Bei meinem zweiten Termin bei ihm sagte er: «Nachdem ich die ersten Seiten Ihres Buches auf meinem Kindle gelesen hatte, musste ich eine Pause einlegen. Es ging mir zu nah. Ich bin ein Bahai [Bahaismus = aus dem Islam hervorgegangene universale Religion] und komme aus dem Iran; meine Familie wurde dort verfolgt.»
Als ich mich nach meiner OP für eine Nachuntersuchung anmeldete, erzählte mir die diensthabende Krankenschwester, dass sie schon die Hälfte meines Buches gelesen habe und dass auch vier andere Mitglieder der Belegschaft sich – auf Empfehlung dieses Arztes hin – je ein Exemplar gekauft hätten.
Welches war das schönste Feedback auf eines Ihrer Bücher?
​Das war wohl eine frühe Bewertung, die bei Amazon als «hilfreichste positive Rezension» beschrieben wurde: «Ich habe ‹A Garland for Ashes› fertig gelesen, und meine Augen sind immer noch feucht, weil ich weinen musste. Um mit offenen Karten zu spielen: Ich kenne Hanna und ihre Geschichte und habe im Buch sogar einen kleinen Auftritt. Vielleicht bin ich also voreingenommen. Allerdings kenne ich mich auch mit bedeutender Literatur aus. Ich ging aufs St. John’s College, wo ich vier Jahre lang die Klassiker der westlichen Zivilisation las. Eine Überzeugung hat sich seitdem in mir festgesetzt: Viele dieser Werke wurden deshalb als großartig erachtet, weil der Autor fähig war, dem Leser zu enthüllen, was es bedeutet, ein gewöhnliches menschliches Wesen aus Fleisch und Blut zu sein – selbst inmitten total umwälzender Geschehnisse. Hanna gelingt das gleiche. Das Buch handelt genauso sehr von ihr als auch vom Holocaust. Sie hat ihr eigenes Herz, ihre Gefühle und Gedanken ebenso gründlich erforscht wie die Geschichte des Rzuchowski-Waldes. Und sie zeigt uns, was es bedeutet, dank der Kraft der Versöhnung im Angesicht des inneren und äußeren Bösen zu triumphieren. Danke, Hanna, für dieses Geschenk an die Welt. Thomas Cogdell​.»
Welches war das schwierigste oder vielleicht auch verletzendste Feedback?
​In jüngerer Zeit wurde J. Fox’ Rezension mit dem Titel «A Jew for Jesus Book» auf Amazon als die «hilfreichste kritische Rezension» bezeichnet. Sie schreibt: «​Sehr zu meinem Missfallen stellte ich fest, dass es sich bei diesem Buch [von Hanna Miley] um die Geschichte eines jungen Mädchens handelt, das sich von ihrem Erbe abwandte und dann Jesus Christus angenommen hat. Eine Jüdin kann aber nicht gleichzeitig Christin sein. Ihre Eltern waren fromme Juden, die von den Nazis ermordet wurden, ihrer damals siebenjährigen Tochter aber noch die Chance ermöglichten, ihr Leben zu retten, indem sie eines der 10.000 jüdischen Kinder in einem Transport in Richtung des sicheren Großbritannien sein konnte. Sie hat sich nicht nur von ihrem jüdischen Glauben abgewandt, sondern zudem einen Nichtjuden geheiratet, was ihre Eltern in jener Zeit niemals gebilligt hätten. Genau genommen wird ein Totengebet gesprochen, wenn jüdische Kinder Nichtjuden heiraten. Um die Seele eines Juden zu retten, versuchen Christen immer wieder, Juden zu bekehren – und Hanna hat das zugelassen. Juden, die für Jesus sind, treten die Ermordung von sechs Millionen Juden im Holocaust mit Füßen. Ich wünschte, ich hätte dieses Buch nie gekauft. Ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden ihres Volkes ist mir unerträglich.»
Das führt mich zur Frage: Fühlen Sie sich generell mit Ihren Büchern vom Publikum gut verstanden? Oder manchmal – wie hier – auch missinterpretiert oder falsch analysiert?
​Beim Lesen von Rezensionen und beim Anhören von Rückmeldungen ist mir klar geworden, dass jeder von uns seine eigenen Beurteilungen, Vorstellungen und Weltanschauungen in die Bewertung eines Buches miteinfließen lässt. Und ich bin heute weniger frustriert, wenn es Lesern misslingt, die persönlichen Schätze, an denen ich sie habe teilhaben lassen, zu verstehen. Ich bin dabei, langsam zu lernen, mein Dasein und meinen Wert von den Wörtern, die ich geschrieben habe, zu trennen.
Schreiben kann eine einsame Geschichte sein: Man sitzt stundenlang und manchmal ganze Tage lang sehr allein vor dem Bildschirm. Ist das schmerzhaft für Sie? Wie denken Sie darüber?
​Manchmal versuche ich dem Schmerz zu entrinnen. Ich esse, schaue mir einen Film an, koche ein leckeres Gericht, gehe einkaufen … und erst dann gehe ich wieder an die Arbeit und sage: «Oh Gott, komm mir zur Hilfe. Bitte beeile dich, mir zu helfen.» – Und Er tut es!
Wo holen Sie sich Ihre Ideen fürs Schreiben?
Die Erfahrung, meine Autobiografie zu schreiben, war für mich wie eine Expedition in die Vergangenheit – zu Menschen, Orten, Ereignissen, Schauplätzen. Oder anders gesagt: Es war so, wie wenn man sich einen Film anschaut und gut aufpasst, während die Geschichte sich vor einem entfaltet. Ich lasse meiner rechten Gehirnhälfte viel Freiraum und erlaube es meinen Gedanken, zwischen den Erlebnissen hin und her zu schweifen. Ich lasse Vergleiche und Metaphern brodeln. Dann kommt die Schwerstarbeit: Ich muss meine kleinen Ideen-Lieblinge bündeln und den ganzen kreativen «Flow» in einem ausgewogenen Zusammenhang anordnen.
Sind noch viele Ideen, Stories und Bücher in Ihnen drin, oder sind Sie des Schreibens manchmal überdrüssig und müde?
​Mein Kopf ist voller Ideen und Geschichten. Die Frage ist: Werden sie jemals das Licht der Welt erblicken?​
Wissen Sie am Anfang eines Manuskripts eigentlich schon genau, wohin die Reise geht und wie das Buch enden wird?
Nein. Als ich mit «A Garland for Ashes» begann, ahnte ich noch nicht, dass mein Mann George und ich, begleitet von acht Freunden, den Spuren meiner Eltern folgen würden und dass das Buch dadurch ein gleichermaßen furchtbares wie auch wunderbares Ende erhalten würde.
Was bedeutet Ihnen «geistliches Leben», und wie gestalten Sie es am liebsten?
​Vertrautheit mit Gott ist mein sehnlichstes Verlangen. Ich höre mir Musik an, öffne mein Herz beim Nachdenken über Bibelstellen, lade den Herrn ein, zu mir zu sprechen, und antworte auf seine Korrektur, seine Worte, seinen Segen … Um C.S. Lewis zu zitieren: «Unser einziger Zugang zur Realität ist Gebet; die Sakramente, Reue, Buße, Anbetung.»
Gibt es einen Autor, eine Autorin, die Sie unbedingt noch treffen möchten in Ihrem Leben? Oder einen Musiker, einen Künstler?
​Mit Teresa von Ávila, der Karmelitin und Mystikerin, würde ich gern mal zusammensitzen. Ich würde gerne die geistige Größe dieser Frau miterleben: die Art, wie sie Menschen führte; ihre Vision und ihre Spiritualität; ihre Fähigkeit, trotz einer unterdrückerischen Umgebung fruchtbar zu sein – und ich würde all das in mich aufsaugen. Es wäre wunderbar, etwas über ihre Vertrautheit mit Gott zu lernen, sie zu ihren Erfahrungen zu befragen und zu ihren Büchern. Das würde mich total begeistert zurücklassen.
Hier geht’s zum dritten Teil des Interviews
Zurück zu Teil eins

Über 

Beitrag teilen

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on linkedin
Share on email