Fontis-Blog

Unser Verlag, unsere Autoren – und ein Riese namens Amazon

Illustration: Gabriel Walther
Illustration: Gabriel Walther

Ich arbeite jetzt seit 24 Jahren im Lektorat von Fontis (früher Brunnen Basel). Und es gibt selbstredend Dinge, die haben sich in dieser Zeit radikal verändert. Und zwar so, dass man bei einer Zeitreise 24 Jahre zurück seine heutige Arbeit überhaupt nicht mehr mit der damaligen vergleichen könnte. Man würde sie sogar nicht mal mehr wiedererkennen. Wenn ich nur daran denke, wie seinerzeit spezialisierte Schriftsetzer in großen Setzereien den Satz für unsere Bücher herstellten und man sich auf dem Postweg Satz, Erstkorrektur, erneuten Satz, Zweitkorrektur, erneuten Satz und schließlich das «Gut zum Druck» über zwei oder drei schier endlose Wochen hinweg hin und her schickte! Aber das nur am Rande – denn heute geht es mir um etwas anderes, das alles verändert hat (und zwar nicht nur zum Guten): den Riesen Amazon. Und unsere Autorinnen und Autoren. Und vielleicht auch Sie.

Seit etwa drei Jahren ist nämlich das ganz Neue eingetreten, das wir zuvor noch nie hatten: Unsere verlagseigenen Autoren schreiben uns E-Mails und rufen uns an und nehmen – beglückt und euphorisch oder eben bedrückt und deprimiert – Bezug auf ihre aktuelle Rangierung (genannt «Verkaufsrang») bei Amazon.de. Und natürlich auch auf die dort erscheinenden Leserbewertungen und Rezensionen. «Fantastisch, ich bin gestern nach meinem TV-Auftritt von Rang 446.716 auf Rang 13.205 vorgestoßen!“, hören wir dann. Und freuen uns natürlich mit, auch wenn das nur eine Momentaufnahme ist und spätabends derselbe Titel bei Amazon möglicherweise bereits wieder auf Rang 175.483 zurückgefallen ist.

Selbstverständlich bewegt es auch uns selber auf feinste Weise, wenn wir bei Amazon.de feststellen dürfen, dass ein neuer Susanne-Wittpennig-Band in die allervordersten Ränge gerückt ist oder sich Josef Müllers `fontis-Buch «Ziemlich bester Schurke» auf den sagenhaften Gesamtrang 150 vorarbeiten konnte und im Bereich «Biografien, Behinderung» über einen längeren Zeitraum hinweg Rang 1 einnimmt und deshalb auch groß und fett herausgestellt wird. Oder wenn Uwe Siemon-Nettos `fontis-Buch «Duc, der Deutsche» über Vietnam im Bereich «Vietnam und Krieg» Platz 1 belegt. Das sind doch Highlights für jeden Verlag, sowieso! Und dennoch …

Es bleibt ein komisches, unbefriedigendes Gefühl zurück. Mehr: ein Unbehagen, sogar eine Wut. Denn so schön es ist, bei Amazon solche Aktualitäten lesen zu dürfen, so sehr müssen wir auch festhalten: Amazon macht auf Dauer alle kaputt. Alle säkularen Verlage leiden unter diesem Riesen. Alle säkularen Vertriebe und Buchhandlungen leiden unter ihm, in den USA, in Europa. Sogar Weltbild, Thalia und Ex Libris kämpfen mit viel zu kurzen Schwertern gegen ihn, und deshalb verkleinern sie ihre Filialen und Buchhandlungen – oder schließen sie gleich für immer, selbst in großen Kulturstädten, sogar im Umfeld von Universitäten und Theatern. Und das ist ein unglaublicher Verlust. Wir verlieren dadurch Vielfalt, kulturellen Input, Inspiration, Wissen. Wir verlieren Dinge, die uns über 200 Jahre hinweg wichtig waren und uns den Boden für unsere Kultur und unsere Gesellschaftsform gebaut haben.

Jetzt könnte man meinen, der Riese Amazon (der übrigens selber gewaltige Verluste einfährt und sie aus Strategiegründen bewusst hinnimmt und trägt) würde bestimmt einem so kleinen, netten Verlag wie `fontis kaum das Wasser abgraben können und wollen. Denn ein christlicher Verlag hat ja seine «Nische», sein klar definiertes Zielpublikum und seine loyale, treue Leserschaft, die ihn unterstützt und zu ihm hält. Richtig! Und falsch! Denn immer mehr Christen haben begonnen, sich von den christlichen Buchhandlungen abzuwenden und ebenfalls bei Amazon.de einzukaufen. «Bequem, günstig und sogar noch gratis nach Hause geliefert», wie sie sagen. Dass sie keine Sekunde lang daran denken, welchem gefrässigen Unternehmen sie hier die Kassen füllen und welchen christlichen Verlegern sie dadurch die Existenz und die Zukunft verbarrikadieren, ist ihnen zu keinem Zeitpunkt bewusst. Sie denken nicht daran, können es vielleicht ja auch gar nicht wissen. Auf Spiegel Online lese ich am 17. August 2014:

George Orwell ist mit seinen dystopischen Roman „1984“ berühmt geworden. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs galt sein Werk als überholt. Könnte sein, dass es 2014 auf ganz andere Weise eine Renaissance erlebt. Eine Gesellschaft, die sich politisch nie für die Diktatur entscheiden würde, wählt aus Bequemlichkeit und Geiz eine wirtschaftliche Alleinherrschaft [Amazon/cm]. Im Namen der Kunden werden Erzeuger, Lieferanten, Händler geschröpft. Diese brutale Strategie wird irgendwann auf die Kunden zurückfallen. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es nur noch Amazon gibt. Denn daran darf kein Zweifel bestehen: Amazon wird sich erst zufriedengeben, wenn alle Mitbewerber ausgeschaltet sind. „Gnadenlos“ ist immer noch der heimliche Schlachtruf.

So ist es. Und deshalb wäre es mir eigentlich sehr recht, wenn unsere Kundinnen und Kunden verstehen würden: Es ist für den christlichen Buchhandel (also auch für uns bei Fontis und für unsere Fontis-Buchhandlungen) letztlich total spielentscheidend, ob unsere Leserinnen und Leser bei uns einkaufen – oder bei dem fressgierigen Riesen, der allen Verlegern und Buchhandlungen irgendwann das Leben und die Existenz madig machen und vernichten will. Und es ist für uns Lektoren ebenso wichtig, dass unsere Autorinnen und Autoren begreifen: Amazon.de ist hochinteressant, modern und innovativ, jawoll. Aber genau dieser nimmersatte Riese wird eines Tages verantwortlich sein dafür, dass kein Autor mehr einen Verlag findet, der ihn begleitet, betreut, trägt, zu Lesungen einlädt, finanziert, veröffentlicht und in die Medien und in die Läden bringt. Denn es wird keine Verlage mehr geben – auch uns vermutlich nicht. Und auch keine Läden mehr – auch unsere Bibelpanorama-Läden vermutlich nicht.

Schöne neue Welt? Na, ich bezweifle es. Und deshalb bitte ich Sie: Bleiben Sie Ihren Verlagen und Buchhandlungen eine treue Kundin, ein treuer Kunde. Und wir auf unserer Seite werden immer alles dafür tun, auch unsererseits die Beziehung zu pflegen, die Nähe zu suchen, Bücher mit Seele und Tiefe zu produzieren und Ihnen allen das anzubieten, was Sie zur Gestaltung Ihres geistlichen Lebens inputmäßig benötigen.

 

Herzlich,
Christian Meyer, Abteilungsleiter Lektorat Fontis

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