Fontis-Blog

Tina Schmidt: No white saviours!?

Tina Schmidt_No white saviour

In Burkina Faso besucht Tina Schmidt ein Kinderzentrum. Sie postet auf den sozialen Netzwerken ein Bild von sich und den Kindern – jemand schreibt „No white saviour“ darunter. In ihrem Reisebericht teilt sie einige Gedanken über den einzigen Retter, der wirklich in Not und Leid hilft. 

Mit einem Herz berstend voller Liebe und Dankbarkeit lande ich zurück in der Schweiz. Nur ein kurzer Aufenthalt in Burkina Faso, doch genügend lang, um mein Weltbild einmal mehr von Neuem auf den Kopf zu stellen. Ich war mit einem Kinderhilfswerk dort, das Patenschaften vermittelt und damit Kindern in den ärmsten Ländern der Welt eine Zukunft ermöglicht. Eine Patenschaft hilft dem Kind auf verschiedenen Ebenen: der spirituellen, physischen, sozialen und wirtschaftlichen. Bildung ist wichtig, die Kinder gehen in die reguläre Schule, arbeiten aber auch an ihrem Charakter, lernen gute Umgangsformen und werden in einer fruchtbaren Umgebung in ihren persönlichen Begabungen gefördert.

Burkina Faso bedeutet „Land der aufrichtigen Menschen“ und gehört zu den zehn ärmsten Ländern der Welt. Es ist mehrheitlich muslimisch. 20 % der Kinder hier sind unterernährt – was neben Krankheiten wie Malaria, Meningitis und HIV  zu den meisten Todesursachen gehört. Jedes 10. Kind stirbt vor seinem 5. Lebensjahr. Seit 2004 ist das Hilfswerk in dem Land im Westen Afrikas vertreten. Unterdessen werden ca. 85.000 Kinder in 290 Zentren unterstützt. Eine Patenschaft kann ein Kind vor dem Tod retten und ab dem ersten Lebensjahr eines Kindes beginnen.

Von Morgenmusik zur Briefeabteilung

Im Headquarter des Kinderhilfswerks in Ougadougou werden wir am Montagmorgen von engagierten Mitarbeitern begrüßt. Um 8 Uhr geht es mit der Morgenandacht los. Mit vollen Stimmen und viel Rhythmus im Blut wird zu Gott gesungen. Die Hingabe und Freude der Menschen hier ist ansteckend. Schnell habe ich den langen Flug und die kurze Nacht mit nur drei Stunden Schlaf vergessen. Einige Frauen tragen farbenfrohe Kleider und rasseln mit Instrumenten. Worship african style! I love it! Danach gibt es Informationen über die Arbeit in Burkina Faso und eine Tour durchs Office. Besonders spannend finde ich es in der „Briefeabteilung“. Täglich kommen 3.000 Briefe von Patenkindern rein und werden an die Paten weitergeleitet. Alle Briefe (vom Patenkind und ihren Paten) werden ausgedruckt und in den Ordnern der Kinder abgelegt. Der Briefverkehr zeugt davon, dass es bei einer Patenschaft nicht nur um anonyme Geldspenden geht, sondern dass eine persönliche Beziehung zwischen den Paten und ihren Kindern stattfindet.

Freudige Begrüßung im Kinderzentrum

Anschließend geht’s im Bus auf holprigen Straßen zu einem Kinderzentrum. 250 Kinder werden hier betreut. Mindestens so viele springen uns entgegen, sobald wir die Türen des Vans öffnen. Manchmal muss man es auch aushalten, nicht (sofort) helfen zu können. Dies habe ich in verschiedenen anderen Situationen bereits erlebt. Es ist nicht einfach, aber man muss auch abgeben können und nicht immer alles unter eigener Kontrolle wissen wollen.

Ich habe das Bedürfnis die Kids zu umarmen, doch strecke zunächst nur meine Hand aus – denn so würde ich auch daheim jemanden grüßen, den ich nicht kenne. Kaum ist allerdings das Eis gebrochen und der erste Schritt gemacht, streckt sich mir Hand um Hand entgegen, schüttele ich eine kleine Hand nach der anderen, gebe „High Five“. Ich werde von allen Seiten von lachenden Kindern bedrängt und muss auch lachen. Es kann sein, dass es hier Kinder gibt, die zum ersten Mal eine weiße Hand berühren. Na ja, auch ich bin zum ersten Mal im „richtigen“ Afrika, einmal abgesehen von Besuchen eher touristischer Art in Ägypten, Marokko und Südafrika. Mir wird bewusst, dass meine tätowierten Arme zusätzliches Interesse wecken. Mehrere Kinder hängen an meinen Arm, als möchten sie ein Stück davon behalten. Sie freuen sich und ich freue mich, dass sie sich so an mir freuen. Wir strahlen einander an und es gibt ein paar schöne Fotos.

Keine weißen Retter

„No white saviors“ kommentiert einer ein Foto auf Instagram. Es klingt nicht sehr positiv und wie ich später lese, ist es ein kritischer Begriff. Gemäß Autor und Filmproduzent Jordan Flaherty ist ein „white savior“ „eine privilegierte Person, die sich einer Sache annimmt, über die sie wenig bis gar nichts weiß, und dabei auf Lösungen beharrt, die unausweichlich mehr Übel verursachen als Gutes. Die Mentalität des Retters kann nicht existieren, ohne die Menschen in Objekte zu verwandeln, die gerettet werden müssen“ (Jordan Flaherty: „No more heroes: Grassroots Challenges to the savior mentality“). Es gibt auch Cartoons, die auf diesen Begriff hinweisen. Da werden Volontäre gezeigt, die in Länder des globalen Südens reisen und Selfies von sich und „armen“ oder „kranken“ Menschen machen und diese auf ihren Social-Media-Kanälen posten. Besonders wird darauf hingewiesen, dass man keine Selfies machen sollte, bei denen man im Zentrum des Fotos zu sehen ist. Man soll also keine Kinder um sich scharen, um den Blick auf sich selbst als Helden zu lenken.

Prüfung des eigenen Herzens

Ups, davon wusste ich nichts. Es ist ja nicht so einfach, dass man nicht gleich viele Kinder um sich hat. Auf einigen Bildern mit vielen Kindern bin ich nicht ganz in der Mitte, sondern etwas links oder rechts zu sehen, aber bei anderen bin ich im Vordergrund von vielen Kindern. Kurzum: Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht und das ist auch gut so. Nicht, dass die Kritik am „weißen Retter“ nicht auch ihre Berechtigung haben kann. Mit der Geschichte des Kolonialismus sind nicht nur gute Dinge passiert. Und die Motivation eines Einsatzes als Volontär muss jeder für sich selber prüfen. Helfe ich, um als wohltätige Person anerkannt zu werden? Oder habe ich ein „Helfer-Syndrom“ und benötige andere, um mich besser zu fühlen, mein Selbstbewusstsein zu stärken und meine Identität zu definieren?

Nun, mit Fotos kann man es auch übertreiben. Aber ein paar Bilder zu haben, die man als Erinnerung schießt und mit Freude postet, um auf das Hilfswerk aufmerksam zu machen, empfinde ich als legitim. Ausserdem haben sich die Kinder aus Freude um mich geschart und ich mich auch aus Freude unter sie gemischt. Als Objekte sehe ich sie ganz bestimmt nicht, im Gegenteil. Und sie sind auch nicht nur arm oder zu bemitleiden. Sie sind allesamt wichtige und wertvolle Menschen, jedes einzelne. Ob sie später nun Ärzte werden oder Feldarbeiter. Und am fotografiert werden haben sie meist auch ihren Spaß – oft scheint es, als würden sie dadurch auch geehrt werden.

Hilfe vor Ort

Klar möchten wir helfen, und das tut das Hilfswerk auch. Ein Kind nach dem anderen wird aus der Armut befreit und ihm eine hoffnungsvolle Zukunft ermöglicht. Es wird nur mit lokalen Personen und Kirchen zusammengearbeitet. So wird garantiert, dass die Hilfe eben nicht von außen kommt und am Ziel vorbeischießt, sondern dass auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes und den Gegebenheiten des Landes entsprechend eingegangen werden. Die Hashtags auf Instagram sind demnach:

#kinderausarmutbefreien #onechild #einkindnachdemanderen #imnamenjesu.

Doch die Welt retten? So etwas würden wir uns nicht einbilden. Was wäre dies auch für eine Bürde! Dennoch gibt es Menschen, die versuchen, ein Kind nach dem anderen aus der Not zu befreien. Im Namen von Jesus Christus. Er ist der einzige wahre Retter. Ich glaube, dass wir uns alle nach einem Retter sehnen, ob wir arm sind oder reich, ob wir in Afrika leben oder in Europa. Doch kein Mensch kann einen anderen wirklich retten. Die Liebe von Jesus hingegen ist endlos und seine Gnade gilt jedem, der sie annimmt. Darum haben diese Kinder eine hoffnungsvolle Zukunft, die über das Leben hinaus währt. Weil sie nicht nur Hilfe und Unterstützung durch Menschen erhalten, die durch die Barmherzigkeit Jesu handeln, sondern vor allem, weil sie ihre Identität auf den einen Gott bauen können, der sie nie verlassen wird und der ihnen ewiges Leben schenkt – egal, was passiert. Und darum helfen wir. Nicht aus Pflicht, um unser Gewissen zu reinigen oder Karma-Punkte zu sammeln, sondern aus Dankbarkeit, dass wir diese Rettung selbst erfahren haben. Sie lässt uns freudig und selbstlos weitergeben.

Freue dich, dein Retter kommt

Bald ist Weihnachten. Eine Zeit, um sich erwartungsvoll zu freuen. Denn der Retter kommt. Der echte „savior“. Nicht „white“, wohl auch nicht „schwarz“, wahrscheinlich war Jesus etwas dazwischen. Wichtiger als die Hautfarbe ist aber die wirkliche Bedeutung von Weihnachten, die immer mehr in Vergessenheit gerät. Die Realität, dass wir alle einen Retter benötigen, sei es das „arme“ Kind in Afrika oder wir, die „reichen“ Europäer. Alle brauchen wir Liebe, Frieden und Hoffnung. Jesus ist als das wahre Licht in diese Welt gekommen. „Er kam in seine Welt, aber die Menschen wiesen ihn ab“ heißt es im Johannes-Evangelium (1,11). Ist das nicht traurig? Bei uns herrscht Konsum und Geschäftigkeit, der durchschnittliche Schweizer gibt 450 Franken für Weihnachtsgeschenke aus. Diesem Irrsinn habe ich schon lange abgeschworen. Und dieses Weihnachten werde ich einen Teil meines Geldes noch einmal anders einsetzen. Eine Verpflichtung eingehen und die Verantwortung für ein Patenkind übernehmen. Ein Kind auswählen, das einen Namen hat, eine Familie, Vorlieben, Freunde und Zukunftspläne. Und mir monatlich vielleicht zwei Bücher oder einen Pulli weniger kaufen. Ich freue mich darauf, diese persönliche Beziehung zu starten. Machst du auch mit?

Damit einem Kind nach dem anderen eine hoffnungsvolle Zukunft geschenkt werden kann. Und irgendwann vielleicht doch noch die Welt gerettet wird – denn „Die ihn aber aufnahmen und an ihn glaubten, denen gar er das Recht, Kinder Gottes zu werden“ (Johannes 1,12). Was für eine wunderbare Verheißung – und sie gilt für dich und mich!

Über die Autorin

Tina Schmidt ist Autorin von „Venus – mein Leben zwischen Freiheit und Liebe“ und moderiert die Bücher-Sendung „Lesen. Lieben. Leben.“, die auf Bibel TV zu sehen ist.

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