Fontis-Blog

Tiefe und Inhalt – oder einfach nur Unterhaltung?

Aus dem Lektorat

Es gibt Dinge, die beschäftigen Verleger und Lektoren enorm; Dinge, von denen der normale Kunde in der Buchhandlung nichts weiß. Dinge, die nur der sieht, der schon mal einen Blick hinter die Kulissen werfen konnte.

Zu diesen Dingen gehört zum Beispiel, dass sich die «leichte» Literatur immer mehr durchsetzt. Wobei mancher Verleger das Wort «leicht» durch das viel massivere «seicht» ersetzen würde, wenn auch nur im Kreise von gleichgesinnten Freunden. Mit anderen Worten: Der Roman hat das Sachbuch in vielen Bereichen in den Schatten gestellt. Oder teilweise sogar vernichtet. Die Kundinnen und Kunden werden lieber gut unterhalten, als dass sie noch schwere Themen wälzen, kauen und verdauen wollen. Sie lesen lieber Commissario Brunetti, der wieder einen delikaten Fall in Venedig löst, verbunden mit etwas Thrill and Crime, als die Abhandlung eines politisch hervorragend bewanderten Afghanistan-Kenners, der auf 328 Seiten nachweist, dass die amerikanischen Soldaten in jenem unübersichtlichen Bergland und angesichts all der korrupten Warlords und der hunderttausend Versteckmöglichkeiten niemals erfolgreich sein können. Und lieber «Shades of Grey» mit viel Sex und Grenzwertigem als eine philosophisch tiefe Betrachtung über die Postmoderne und ihren immensen Einfluss auf unser Leben. So sind unsere Leser, und so bin manchmal auch ich selbst …

Im «allgemeinen Buchhandel» hat man sich damit abgefunden. Wenn die Leute keine Tiefe bzw. keine Vertiefung wollen – na, auch recht. Dann eben nicht. Dann lehnt so ein Verleger eben Hunderte von Manuskripten mit Sachthemen ab, seien sie nun gut oder schlecht geschrieben, seien sie aktuell oder schon zig Mal zerkaut. Es ist egal. «Die Leute wollen Romane und Fiction? Also, geben wir ihnen doch einfach, was sie sich wünschen und was sie offenbar als Einziges noch kaufen.» Wobei wir nicht übersehen wollen, dass es auch in jenem Bereich wunderbare Verleger gibt, die eigentlich sehr an Vertiefung interessiert sind, auch an schöner Sprache, an Poesie, an Sprachkunst und Aktualität, an der Mitgestaltung von gesellschaftlichen Themen und Inhalten und an der Vermittlung hochstehender Kultur. Solche Leute leiden, das ist klar. Denn sie sind ursprünglich nicht angetreten, um am Ende in seichten Gewässern zu fischen.

Im christlichen Buchhandel aber ist das alles nochmals eine ganz andere Nummer. Denn Jesus Christus bietet ja nirgends Oberflächlichkeit und Unterhaltung an. Ein kurzer Blick aufs Kreuz, auf die Dornenkrone und die ganze Geschichte rundherum reicht uns schon, um zu wissen: Dieser Gott will in die Tiefe gehen. Von ihm angeschaut zu werden, heisst: von ihm erkannt werden, erfasst werden, im Tiefsten verstanden und geliebt werden. Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Problem des christlichen Verlegers: Wenn wir in einer Zeit leben, in der die Menschen partout keine Tiefe mehr wollen (weil sie sie nicht mehr ertragen oder dafür nach zehn Stunden im Büro und bei all dem Stress und Druck einfach keine Freiräume und keine Kapazität mehr haben) – tja, dann kommen wir mit unseren christlichen Inhalten in eine Engführung. Und ich darf es offen sagen: So etwas kann einen christlichen Verleger schon auch mal verzweifeln lassen.

Was ist die Folge? Christliche Verlage (und ja, manchmal auch wir selbst) verlassen ihre Kernkompetenz und produzieren kein «geistliches Schwarzbrot» mehr, sondern substanzloses «Weissbrot». Und so ist dann auch der christliche Markt inzwischen prall gefüllt mit Romanen aller Couleur. Teilweise hervorragend konzipiert, der Plot spannend, die Stringenz beeindruckend, der Unterhaltungswert hoch, der Suchtfaktor ebenso. Nur: Wo ist der geistliche Input? Wir selber haben schon Bücher produziert, in welchen auf 352 dicht beschriebenen Seiten ein einziger (!) Glaubensakt geschieht. Indem – gewaltig, gell! – die Hauptprotagonistin Laura Darlington in einem abgelegenen Haus in Wisconsin/USA nachts um halb zwölf Uhr – man glaubt es fast nicht – auf die Knie geht und in ihrem Elend und Liebesschmerz ganz, ganz kurz (nämlich auf zweieinhalb Zeilen) hingebungsvoll BETET! Ja, sie betet! Und das war’s dann aber auch … (Und wenn ich mich recht erinnere, stand da nicht einmal so genau, zu wem sie gerade betete …)

Die Folge: Viele christliche Leserinnen und Leser sind bestens unterhalten worden, was gewiss seine Berechtigung hat. Aber vom geistlichen Aspekt her gesehen war der Nahrungswert gleich null. Weißmehl statt Körnermischung. Und wenn sich die Hälfte der Christenheit, so sie denn tatsächlich mal was liest, nur noch auf diese Weise «ernährt» und keine weitere Lese-Kraft mehr hat, weder für die Bibel noch für ein Sachbuch zum Thema Glauben, weder für ein Bibellexikon noch für einen Predigtband von Pfarrer Wilhelm Busch, weder einen Kommentar zum Jesaja-Buch noch eine Abhandlung über die verschiedenen Arten der Liebe – tja, dann wird man das irgendwann merken. Dann sind wir in der geistlichen Nahrungskette dort, wo Bangladesch einstmals in Sachen Welternährung stand: nämlich ganz am Schluss.

Man darf nie vergessen: Für Jesus waren das geschriebene und das gesprochene Wort matchentscheidend. Als Zwölfjähriger im Tempel schon – die Geschichte ist ja bekannt. Und am Ende aller Zeiten (wie sehr liebe ich als Verleger dieses Bibelwort in der Offenbarung!) werden, man staune, wieder «Bücher aufgetan»! Ich weiß ja noch längst nicht alles über den Himmel, und vieles werden wir auch erst in der «anderen Welt» sehen, erfahren und erkennen. Aber was die Bücher betrifft, die dort einst wieder aufgetan werden – also, ich sag’s Ihnen ganz offen, liebe Leserinnen und Leser: Substanzloses Weißbrot wird das nicht sein!

Ob ich Sie motivieren kann, wieder mal ein christliches Buch mit Gehalt und Tiefe zu kaufen und von vorne bis hinten zu lesen? Sich selbst zuliebe? Und uns Verlegern zuliebe (die wir immer noch die Verantwortung verspüren, Literatur mit Hand und Fuß und mit gesunden, tragfähigen Glaubensinhalten zu produzieren)? Fände ich klasse! Würde mich riesig freuen!

 

Christian Meyer, Abteilungsleiter Lektorat

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