Fontis-Blog

Tabitha Bühne: Jede Angst hat ihre Geschichte

Tabitha Bühne ist eine mutige junge Frau, die die Extreme nicht scheut, wobei sie eigentlich ein ängstlicher Mensch ist. Der Angst ist sie lange Zeit einfach davongelaufen – bis sie sich ihren Ängsten stellte.
Alle denken, ich sei ein mutiger Mensch. Vielleicht weil ich Bungee springe, alleine im Dunkeln lange Strecken laufe – oder weil ich nach Indien gezogen bin. Aber in Wirklichkeit bin ich ein ängstlicher Mensch. Ich habe es bisher nur vorgezogen, meine Ängste für mich zu behalten. Ich habe sie verdrängt, gegen sie angekämpft und bin vor ihnen davon gerannt. Ihnen offen ins Gesicht zu schauen, war schwer, aber es war der erste Schritt in eine neue Freiheit. Ich will nicht mein Leben lang Angst haben, dafür ist es zu wertvoll …
Die vielen Facetten von Angst
Jeder Mensch hat Angst. Früher fürchteten sich Menschen vor Seuchen und Naturgewalten. Heutzutage haben wir mehr Angst vorm Alleinsein, vor Terror und politischer Unsicherheit. Angst zu versagen, nicht wirklich geliebt zu werden. Existenzangst. Angst vor Spinnen oder Schlangen. Eine Freundin von mir fürchtet sich vor Maulwürfen und Clowns! Mancher hat Angst vor Nähe. Fast jeder kennt die Angst vor Endgültigkeit, Krankheit und vorm Tod. Manche Ängste kommen ganz plötzlich in unser Leben. Bei mir war es erst vor wenigen Monaten die Angst vorm Fliegen. Seit meiner Reise über die ostindische Berglandschaft mit akuten Triebwerkproblemen fängt mein Herz an zu rasen, und mir wird schlecht, sobald Turbulenzen kommen – und das, obwohl ich viel fliege und vom Kopf her weiß, dass es eigentlich sicher ist. Aber eine schlechte Erfahrung – und der Kontrollverlust ist komplett.
Wenn die Angst einmal eingezogen ist in unser Leben, ist es schwer, sie wieder loszuwerden. Sie kriecht in Kopf und Herz, bremst uns aus und erschwert unsere Beziehungen, unseren Glauben und den Blick auf uns selbst. Dabei ist ein Leben ohne Angst gar nicht möglich. Wir brauchen die Angstgefühle als Warnsystem, um auf gefährliche Situationen reagieren und uns schützen zu können.Wenn die Angst aber übermäßig wird und uns lähmt, zu Aggression oder Panik führt, dann tut sie nichts Gutes. Dann wird sie selbst zur Gefahr.
Was Angst mit uns macht
Es gibt verschiedene Strategien, mit Angst fertig zu werden. Manche verdrängen sie, andere isolieren sich, wieder andere treten die Flucht nach vorne an. Zu diesem Typ gehöre ich. Als eine Freundin von mir umgebracht wurde, fing ich als Teenager an, abends im Dunkeln alleine im Wald zu joggen. Ich wollte meine Angst besiegen. Ich dachte, so kriege ich sie klein. Noch heute passiert es, dass ich den Ellenbogen ausfahre, wenn mich jemand plötzlich von hinten anfasst. Mein Mann kann gar nicht verstehen, dass eine so selbstbewusste Frau dermaßen schreckhaft sein kann. Dabei hatte ich schon als Kind einige Ängste. Ich glaube, sie haben sich mit den Jahren wie Unkraut vermehrt. Als ich klein war, hatte ich Angst vor bösen Träumen und vor zwei Schulkameraden, die mich jeden Tag hänselten. Ich habe nie jemandem davon erzählt, weil ich zu Hause als selbstbewusstes Mädchen galt. Aber in der Schule war ich ängstlich und schüchtern: das perfekte Opfer. Als Teenager wuchs die Angst, unverstanden und nicht liebenswert zu sein. Mich durchzog Angst vor Zurückweisung.
Angst zu versagen – was mir in der Schulzeit regelmäßig gelang. Als Achtzehnjährige suchte ich mir einen Freund, nur um mir zu beweisen, dass ich liebenswert bin. Ich tat alles, um im Gegensatz zur Schulzeit jetzt wenigstens in der Uni gute Ergebnisse zu erreichen. Ich jobbte als Model und Schauspielerin, um mich endlich schön und wertvoll zu fühlen. Die Höhenangst versuchte ich durch Bungee- und Tandemsprünge sowie Alpenläufe zu kurieren. Ich habe viel unternommen, um die Angst abzuschütteln. Aber ich habe nie versucht, dahinterzuschauen und sie zu verstehen. Dafür hatte ich zu viel Angst vor meiner Angst…
Hinter die Angst schauen
Eigentlich ist es einfach: Ich habe Angst vor Schmerz – egal ob körperlich oder seelisch. Das Gehirn macht da ohnehin keinen Unterschied. Egal ob Liebeskummer, Geldsorgen oder Ablehnung, im Kopf werden dabei dieselben Schaltungen aktiv wie bei körperlichen Schmerzen. Meine Familie und Freunde hätten nie gedacht, dass mir ständig Angst im Nacken sitzt. Ich haute lieber schnell um mich, als das Risiko einzugehen, dass mir jemand weh tut. Das war natürlich nicht so richtig hilfreich. Als ich merkte, dass hinter meiner Wut Angst steckt, war ich erst nicht sicher, wie ich damit umgehen soll. Denn viele unserer Reaktionen sind Muster. Angst wird dann zum Problem, wenn wir darin verharren und uns immer mehr von ihr beherrschen lassen. Ich habe meine Hauptängste in drei Bereichen gefunden und sie dann nach Einfluss bewertet – in der Weise, wie sie meine Beziehungen, den Job und die Verbindung zu Gott beschweren. Das hat mir geholfen, etwas klarer zu sehen. Bei Menschen habe ich Angst vor Ablehnung; Angst, nicht genug zu sein. Kontrollverlust. Bei Gott habe ich Angst, dass er mich nicht sieht. Dass er mir Menschen wegnimmt, die ich liebhabe. Im Job habe ich Angst zu versagen, mittelmäßig zu sein. Angst davor, abhängig zu sein.
Angst und Gott
Gerade in Großstädten sind viele Menschen zunehmend mit ihrer Angst alleine. Weil es immer weniger heile Familien gibt. Weil Beziehungen oft zerbrechen. Weil viele sich selbst nicht mehr trauen und auch an keinen Gott mehr glauben, der diese Welt und uns alle in seinen Händen hält. Ich glaube, dass die Art von Angst, die wir haben, von unseren Erfahrungen mit Menschen, mit der Welt und mit Gott abhängt. Dass wir weniger Angst haben müssen als je zuvor und doch mehr Angst haben als die Menschen früher, zeigt doch: Wir können weniger gut mit Angst umgehen. Wir stellen Gott, uns selbst und unsere Liebsten in Frage und fühlen uns nicht sicher. Aber was, wenn die Angst uns eine Frage stellt? Was, wenn es Zeit wird, dass wir mal eine Antwort geben? Für einen Menschen ohne Gott gibt es keinen sicheren Ort auf dieser Welt. Wir haben einfach zu wenig in unserer eigenen Hand und unter Kontrolle. Aber wenn ich doch an einen Gott glaube, warum fühle ich mich nicht sicher? Als ich merkte, dass ich Gott nicht wirklich vertraue, dass ich eben nicht von Herzen überzeugt bin, dass er keine Fehler macht und mich liebhat, wurde ich herausgefordert, meinen Vater im Himmel besser kennen zu lernen. Ein nicht-allmächtiger und nicht-liebender Gott macht eben auch Angst.
Im Gegensatz zu allen Religionen haben wir in Jesus einen Gott, der viele Ängste körperlich und seelisch selbst erlebt hat. Es gibt keine Angst, die er nicht kennt! Er weiß, wie es sich anfühlt, von Gott und Menschen verlassen zu sein. Er hat die totale Einsamkeit, Ablehnung und den Tod für uns ertragen und besiegt. Ja, ich habe immer noch Angst. Es gibt kein Leben ohne Ängste. Aber ich will vertrauen lernen, dass keine Angst größer ist als mein Heiland. Dass er mein Leben in seiner Hand hält und keine Fehler macht. Ihm die Zügel zu überlassen, übe ich jetzt Tag für Tag.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus Tabitha Bühnes Buch „Mit Sari auf Safari“. 

 

Tabitha Bühne lebt seit fast zwei Jahren in Indien. Sie ist Ultramarathon-Läuferin, Hörspielautorin, Ernährungsberaterin und Medienwissenschaftlerin. Ihre Erlebnisse aus diesem vielfältigen Land hat sie in Texten und Bildern festgehalten und schließlich als Buch veröffentlicht: „Mit Sari auf Safari“.
Mehr Beiträge von Tabitha Bühne bei „Zwischen Safran und Sari“ auf dem Fontis-Blog

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