Fontis-Blog

„Es gibt keine moralische Verbindlichkeit“

„Plädoyer für ein Sterben in Würde“ lautet der aktuelle Titel des Magazins „Der Spiegel“. Der Beitrag ist Teil einer Debatte, die seit Wochen an Fahrt gewinnt. Im Dezember veröffentlichte die „Süddeutsche Zeitung“ „Mein Tod gehört mir“, ein Kommentar des ehemaligen MDR-Intendanten Udo Reiter. Darin forderte Reiter vehement die Legalisierung aktiver Sterbehilfe. Er wolle zu gegebener Zeit „einen Cocktail einnehmen, der gut schmeckt und mich dann sanft einschlafen lässt.“ Und Reiter verrät auch warum: „Ich möchte nicht vertrotteln und als freundlicher oder bösartiger Idiot vor mich hindämmern.“ Der SPD-Politiker Franz Müntefering kritisierte diese Forderung in einer ebenfalls in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienenen Antwort heftig: „Hier soll aus Angst vor dem unsicheren Leben ein sicheres Ende gesucht und der präventive Tod zur Mode der angeblich Lebensklügsten gemacht werden.“

Aktive Sterbehilfe statt langsamer Tod?

Fest steht: Viele Deutsche können sich den Suizid im Alter vorstellen. In einer „Spiegel“-Umfrage gaben 55 Prozent der Befragten an, diesen Schritt im Falle einer schweren Krankheit, langer Pflegebedürftigkeit oder Demenz in Erwägung zu ziehen. Viele von ihnen fürchten einen langsamen, qualvollen Tod und machen sich Sorgen, ihren Angehörigen zur Last zu Fallen. Noch mehr Deutsche, nämlich zwei Drittel, sprechen sich für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe aus. Gleichzeitig gibt es Menschen wie Franz Müntefering, die eindringlich davor warnen, den Selbstmord am Lebensende zum Ideal zu erklären. Die „Spiegel“-Autoren benennen das Problem: „Es gibt keine moralische Verbindlichkeit mehr, keine gültigen Normen, die diese Fragen für den Einzelnen oder die Gesellschaft beantworten.“

Menschenwürde steht auf dem Spiel

Mit ihrem Buch „Guter schneller Tod?“ schalten sich jetzt auch der renommierte Philosoph Robert Spaemann und der Moraltheologe Bernd Wannenwetsch in die Debatte ein. Dort wo moralische Verbindlichkeit und gültige Normen fehlen, wollen die beiden Ethiker Orientierungshilfen geben. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Frage: „Wie sollen wir angesichts der medizinischen und technischen Fortschritte mit dem Tod umgehen?“ Dabei machen die Autoren deutlich, dass es beim Sterben für die Gesellschaft um viel mehr geht als um schnelle Lösungen für die Betroffenen. Ihr Buch ist ein Warnruf: Auf dem Spiel stehe in der aktuellen Debatte um den Umgang mit dem Tod nicht weniger als die Würde des Menschen.

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