Fontis-Blog

Rezension zu: „Studienführer Altes Testament“ und „Studienbibel Neues Testament“

Über weite Strecken kommt das Werk des bekannten Neutestamentlers zum Alten Testament als schlichte Bibelkunde daher. Wie in „Strichzeichnungen“ malt Ulrich Wilckens die Hauptinhalte der einzelnen Bücher und der wichtigsten Geschichten des Ersten Testamentes dem Leser vor die Augen. Dies geschieht sprachlich schön, knapp und treffsicher. Als Summe der „Strichzeichnungen“ entstehen Umrisse eines facettenreichen Gesamtbildes. Und so liegt gerade in der Schlichtheit die stille innere Größe des Buches.
Dem „Neuling“ im Bibellesen kann man es gut an die Hand geben, weil es ihm als Einführung und Überblick dienen kann. Gleich zu Anfang wird zudem auf die Situation des heutigen Lesers des Alten Testamentes Bezug genommen. Auch im weiteren Verlauf werden apologetische Hilfen gegeben, die Missverständnissen vorbeugen und schädliche Vorurteile abbauen helfen – etwa zur „Eifersucht Gottes“. Und für den erfahrenen Bibelleser ist es eine Freude, wie viel Bekanntes hier kurz und doch nicht verkürzend aufgerufen und mit neuen Erkenntnissen angereichert wird: zur reinen Bibelkunde kommen historische Hintergrundinformationen und gelegentliche Kurzkommentare. Sollte man dabei – wie ich oder wie Roland Werner, der das Geleitwort verfasst hat – einige historische Verortungen oder sachliche Einschätzungen anders sehen, so tun solche Unterschiede und offenen Ränder der Freude an dem Gesamtbild und an der Mitte keinen Abbruch.
Gerade das Gesamtbild und die Mitte haben es in sich! Weit über eine aneinanderreihende Bibelkunde hinaus ist der Studienführer eine knappe und allgemeinverständliche „Theologie der einen Bibel“. Und diese eben mit einer klar umrissenen Mitte und einem durchgängig entfalteten Hauptthema! Wer Gerhard v. Rads Mahnung im Ohr hat, den Reichtum des Alten Testaments nicht auf ein Thema verkürzen zu dürfen, wird sich darüber freuen, wie Ulrich Wilckens genau diese Verkürzung vermeidet und die unterschiedlichen Linien nicht aus Systemzwang verschweigt oder verbiegt. Wer aber wie v. Rad meint, das AT habe keine Mitte wie das NT, der kommt wohl umso mehr ins Staunen darüber, dass es eben diese Mitte gibt, aus der heraus und zu der hin sich alle anderen Linien entwickeln.
Als innerste Mitte und zugleich als große Klammer zwischen beiden Testamenten wird die erneute und vertiefte Selbstoffenbarung des Gottesnamens in Ex 34,6f entfaltet: Jahwe als barmherziger, gnädiger und treuer Gott, der selbst inmitten der furchtbarsten Sünde Israels seinen Zorn vorübergehen und die Gnade triumphieren lässt. Hier wird das unfassbar tiefe innergöttliche Wunder des Triumphes der Gnade gegenüber dem gerechten Zorn gefeiert! Als äußerst dramatisches Geschehen wird dieses „innergöttliche Urwunder“ dann entlang der Geschichte Israels und letztlich bis zu Jesus Christus hin verfolgt. Und beim Blick auf Jesus Christus wird deutlich, dass es kein Widerspruch ist, die Neuoffenbarung des Gottesnamens in Exodus 34 als innerste Mitte der Bibel und zugleich Christus als Mitte der Schrift zu sehen, denn in Jesus Christus hat sich die „allbarmherzige Liebe“ vollendet (S. 319). So wird nicht weniger als ein Blick ins Herz Gottes ermöglicht; ins Herz des Gottes, der sich in seinem Namen offenbart hat, dessen Menschenfreundlichkeit für immer in seinem Namen verbürgt ist und dessen Liebe in Jesus Christus ihren geschichtlichen Höhepunkt und ihre tiefste Offenbarung erreicht hat. Zu dieser Mitte der Bibel, zu diesem äußerst beglückender Blick ins Herz Gottes werden von Ulrich Wilckens nicht nur „Strichzeichnungen“, sondern eher „farbige Gemälde“ gezeigt. „Klangmuster“ in vielen Variationen werden hörbar. (Im hebräischen Urtext ist übrigens schon die Kernstelle Ex 34,6 Poesie und geradezu wie Musik.)
Damit ist der Studienführer als Führer zur innersten Mitte der Bibel und in seiner Dramatik als Gang durch die erschütternde und letztlich doch heilvolle Geschichte Israels ein zutiefst spirituelles Buch. Im Nachzeichnen des Weges der Liebe Gottes durch die Geschichte und als Blick ins Herz Gottes macht es im menschlichen Herzen Raum für Gott. Es hilft, innerlich bei diesem Gott und seinem Sohn und Messias zur Ruhe kommen – und zugleich durch und für ihn aktiv zu werden. Mir persönlich ging es so, dass die Lektüre mein Vertrauen und meine Gebetsfreude zu diesem wunderbaren Gott hin verstärkt hat. Wenn Ulrich Wilckens auf den Psalter als Gebetbuch der Christen aller Zeiten verweist, auch auf die vielen Bezüge der Psalmen zum wunderbaren Gottesnamen und wie wunderbar es ist, zu diesem wunderbaren Gott beten zu dürfen (S. 169), dann wird deutlich, dass es genau diese Erfahrung ist, die er letztlich fördern möchte: die innige Gemeinschaft mit Gott im Gebet und in der Anbetung. Das gleiche Anliegen verfolgen übrigens die formulierten Gebete in der fulminanten „Theologie des Neuen Testaments“ und unser gemeinsames Buch „Theologie als Lobgesang. Eintauchen in die Tiefe und Weite der Anbetung“.)
Und was gegenwärtig wieder an Ablehnung der Verkündigung des Erlösers Jesus auch an die Juden hochkocht, wird nebenbei ad absurdum geführt: Die innere Hauptlinie des Ersten Testamentes führt aus sich selbst heraus zum Zweiten Testament, das zwar mit Recht das Neue genannt wird, das aber eben zugleich eine große Kontinuität aufweist durch den Gottes Israels, seinen Namens und seinen unverbrüchlichen Bundes. Dass alle wirklich christliche Mission immer hörbereit, nicht von „oben herab“ und immer in Wertschätzung des Gesprächspartners geschehen muss, ist klar – und das gilt umso mehr gegenüber unserem „älteren Bruder“ Israel, dem wir so viel Gutes verdanken!
Ulrich Wilckens hat den Gottesnamen als Mitte der Bibel nicht als erster und einziger entdeckt. Schon Walter Zimmerli sah – anders als Gerhard v. Rad- den Namen Gottes als die eine Mitte des Alten Testaments. Auch Karl Barth hat es so gesehen. Und wenn es darum geht, Exodus 34 gegenüber Exodus 3 als noch einmal vertiefte und erweiterte Offenbarung des Gottesnamens zu erkennen, dann sind hier ebenfalls andere Entdecker zu nennen. Ulrich Wilckens verweist selbst auf Hermann Spieckermann (S.22). Auch auf Autoren wie Ruth Scoralick, Matthias Franz oder Franz Josef Backhaus mit seiner schönen Definition von Ex 34,6f als „Visitenkarte Gottes“ wäre hinzuweisen. Die „Visitenkarte Gottes“ aber als allgemeinverständliche und spannende Theologie der einen Bibel ausgelegt und damit zugleich das kunstvolle und unlösbare Geflecht beider Testamente vom Alten Testament her eindrucksvoll beleuchtet zu haben, ist nach meiner Kenntnis ein Alleinstellungsmerkmal des „kleinen großen Buches“ von Ulrich Wilckens. Ein Werk zum Alten Testament mit vielen schönen „Einzelskizzen“, einem beeindruckenden Gesamtbild und einer großartigen und für viele Leser sicher neuen und hilfreichen Gesamtperspektive! Mögen es viele lesen und dadurch innere Heilung und Gebetsfreude finden!
Und die „Studienbibel Neues Testament“ ist eine ästhetisch sehr schöne und übersichtlich gestaltete und schon vor daher gut lesbare Neuauflage der bewährten Wilckens-Übersetzung. Der übersetzte Text ist möglichst genau am Urtext und bleibt trotzdem gutes Deutsch. Die Einführungen und Kurzkommentare bergen auf kompakte Weise sehr viel Hintergrundwissen. – Eine echte Hilfe für jeden Leser des Neuen Testamentes!
Was der junge Professor und spätere Bischof Ulrich Wilckens bereits 1964 im „Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament“ als historische und theologische Untersuchung zum Thema „Weisheit“ vorgelegt hat, das ist in seinem Alterswerk zum Neuen und nun auch zum Alten Testament im praktischen Vollzug zu sehen: hier sind Gottesfurcht und Gottesliebe, Theorie und Praxis, Studium und Anbetung vereint.
Rezension von Gunther Geipel

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