Fontis-Blog

Aus der Notunterkunft verschleppt

Asmarom und die Superhelden: Asmarom wird aus der Notunterkunft verschleppt (c) Janina Steger
Asmarom und die Superhelden: Asmarom wird aus der Notunterkunft verschleppt (c) Janina Steger

Die Teenagerin Noemi und ihr Bruder Asmarom sind nach ihrer Flucht in einer Notunterkunft gelandet. Nun drohen starke Männer mit Gummihandschuhen die beiden Geschwister zu trennen und Asmarom in eine merkwürdige „Klinik“ zu bringen …

Es ist schwer für afrikanische Mädchen, nicht weiblich zu wirken. Ich hülle mich in weite Pullover und mache meinen Rücken rund, gehe steif und sage nichts. Sie denken, wir sind Brüder, und nennen uns «Die-da». Wir sind immer zusammen, so nah, dass ich seine Wärme spüre. Jetzt strahlt er Hitze aus, und ich fürchte, dass sie uns trennen.

Drei Monate sind vergangen, seit Mama uns einen Abschiedskuss gab. Dazwischen liegen Fußmärsche,Hunger, Verstecken, Kälte und das offene Meer. Ich fühle mich wie eine Hundertjährige, obwohl ich erst sechzehn Jahre alt bin. Ich bin Noemi, und mein jüngerer Bruder heißt Asmarom.

Sie kommen auf uns zu, sie reden schnell. Ich verstehe nur: «Klinik! Teenager! Sofort!» Sie reden viel zu schnell für das wenige Deutsch, das ich mittlerweile gelernt habe. DieWachleute packen meinen Bruder unter den Armen und schleppen ihn wie ein Bündel Reisig durch das Lager. Seine Plastikschlappen schleifen über den Boden, und zwischen seinen Fingern klemmt die weiße Tüte. Da ist alles drin, was wir noch haben.

Ich renne hinterher: «No! Nein! Nicht!»

Doch ein Sicherheitsmann stellt sich mir breitbeinig in den Weg. Seine Daumen hakt er in den Gürtel, daneben hängen Taschenlampe und Schlagstock. Er tut so, als würde er einen gefährlichen Verbrecher aufhalten.

Ich dränge mich an ihm vorbei, seine Hände packen zu, und die Handschuhe machen ein schmatzendes Geräusch, als sie sich um meinen Arm legen. Unter dem Gummi sammeln sich Schweißtropfen. Er zieht mich nahe zu sich. Ich sehe die großen Poren seiner Haut, Augenbrauen zu einer Linie zusammengewachsen, seine wulstige Zunge. Er bleckt die gelben Zähne. Ich drehe mich weg, doch seinem Gestank aus Zigaretten, Knoblauch und Schweiß kann ich nicht entgehen.

«Nur den Jungen, die Schwester bleibt hier!», ruft ein weiterer Wachmann, und die Gummihand schraubt sich fester um meinen Arm. Asmarom dreht sich um und sucht mich zwischen Sanitätern, Flüchtlingen, Helfern, Polizisten und Sicherheitsleuten.

«Ich finde dich!», kreische ich über die Absperrung, «ich finde dich!»

Meine Muttersprache kratzt in meinem Hals. Sie fühlt sich fremd und falsch an, wie alles hier.

Weiterlesen: Asmarom und die Superhelden (Susanne Ospelkaus)

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