Fontis-Blog

Mit Sari auf Safari: Rohes Fest – Weihnachten in Indien

Tabitha bringt den Kindern der Tagelöhner, die auf der Baustelle gegenüber arbeiten, Geschenke
Tabitha bringt den Kindern der Tagelöhner, die auf der Baustelle gegenüber arbeiten, Geschenke

Tabitha Bühne ist sauer. Denn Weihnachten fällt in diesem Jahr für sie aus. In der Armut Indiens erinnert wenig an das festliche Weihnachten in Europa, weihnachtliche Stimmung mag nur schwer aufkommen. Und doch: Jesus kann zum Licht in einer Welt werden, die ungerecht und unfestlich ist.

Ich bin sauer auf meinen Mann. Der Grund dafür ist einfach: Weihnachten fällt schon wieder aus. Seit drei Jahren sind wir in Südostasien unterwegs und haben schon wieder keinen Weihnachtsbaum, keinen Schnee und keinen Adventskranz. Statt Weihnachtsbäckerei und besinnlicher Musik bin ich umgeben von hupenden Autos, bettelnden Kindern und hohen Smogwerten. Die schlechte Luft sticht in der Nase. Das Herz ist leer. Ich vermisse meine Familie. Ich vermisse Weihnachten.

„Aber du bist hier in Indien doch viel näher dran an dem echten Weihnachten!“, sagt mein Mann, ganz Optimist und Historiker. „Vielerorts kannst du hier genau sehen, wie es damals war, als Jesus in die Welt kam und es keinen Platz für ihn gab …“ Ich beiße mir auf die Lippen. Er hat ja Recht. Aber ich will jetzt keine Armut, keine Ungerechtigkeit sehen. Ich will schöne Dekoration und festliche Stimmung, Weihnachtsbeleuchtung und Zimtsterne. Ich weiß, das hat nichts mit Weihnachten zu tun. Aber ich hänge so sehr daran. Ganz einfach, weil es schön ist. Weil es ein bisschen das Gefühl gibt, dass alles gut wird, irgendwann …

Frau beim Wäschewaschen an einer Kreuzung

Nichts erinnert mich hier in Indiens Hauptstadt so richtig an das Fest, das mir so lieb und kostbar ist. Außer im Einkaufszentrum – aber da stehen nur kitschige Rentiere und ein fetter Weihnachtsmann. Nebenan ist ein Slum. Reich und Arm wohnen Tür an Tür. In der Nähe gibt es einen schönen Park, der nicht so überlaufen ist. Also kämpfe ich mich durch die vielbefahrenen Straßen, überquere eine Kreuzung und werde beinahe von einem Rikscha-Fahrer gestreift, der eine Unmenge von Kisten transportiert. Kinder ohne Schuhe kommen angelaufen und bitten mich um Geld. Ich hüpfe auf eine Art Bürgersteig und bleibe für einen Moment angespannt stehen: Vor mir liegen mehrere Männer auf Pappkartons. Sie bewegen sich nicht. Wenig weiter wäscht eine Frau barfüßig ein Stück Stoff in einem alten Plastikteil. Sie schaut kurz auf, ihr Blick ist glasig, die Haare wohl ewig nicht gewaschen. Unweit entfernt hockt auf der Straße ein nacktes Kind. Es schreit. Autos hupen, bremsen, fahren weiter. Ich fühle mich fehl am Platz, haste vorwärts, weiche Urin und Müll aus, sowie schlafenden Hunden, die sich in der Sonne aufwärmen. Ich versuche den Gestank zu ignorieren. Am Straßenzaun hängt Wäsche, davor verdeckt eine alte verrostete Sofalehne notdürftig eine Frau, die ihr Baby stillt. Ein Kind macht vor mir auf dem Weg seine Morgentoilette … Ein Tuk-Tuk-Fahrer hält an, und fragt, wo ich hin will. Ich renne weiter, und habe vergessen, was ich hier wollte.

Ein Leben auf der Straße

Als ich wieder zu Hause ankomme, schickt mir ein befreundeter Christ, ein Flüchtling aus Kabul, der jetzt auch in Delhi wohnt, ein Bild. Darunter seht: „Wir bereiten uns auf Weihnachten vor und wollen Muslime zum Fest der Liebe einladen!“ Er freut sich schon riesig und präsentiert stolz einen kleinen Glitzerstern, den sie an der Tür befestigt haben. Aus dem Badezimmer ertönt aus dem Handy meines Mannes ein Weihnachtslied: „…I’m driving home for christmas…“ Mein Mann singt mit. „Du Lügner!“ rufe ich, er lacht.

Nein, ich bin nicht auf dem Weg in die Heimat. Das schöne Sauerland, wo Schnee die Tannen bedeckt und wunderbare frische Luft die Lungen füllt, ist in weiter Ferne. Und doch stimmt es, ich bin auf dem Weg nach Hause, mein Leben lang. Erst im Himmel wird Weihnachten so sein, wie ich es mir immer gewünscht und nie bekommen habe, weil meine Erwartungen einfach völlig überhöht sind. Also will ich endlich mal Inne halten – was ich eigentlich nicht gut kann – und in diesem Jahr mal ganz genau hinschauen auf diese Geschichte, die unsere Welt so maßgeblich verändert hat und gerade in meiner „unfestlichen Stimmung“ diesen Gott neu erleben, der sich mitten hinein gegeben hat in diese verrückte Welt, um zu suchen und zu erlösen, was verloren ist. Sei du das Licht, Jesus. In dieser Welt. In meinem Herzen, in unserem Haus. Alles andere hält nicht länger als die Lebensdauer eines Teelichts. Hilf mir, nicht ständig über die Finsternis in dieser Welt zu jammern, die mich oft nicht einmal persönlich betrifft – sondern dein Licht anzuzünden und hochzuhalten.

 

Frohe Weihnachten und Gottes Segen!

Über die Autorin

Tabitha Bühne (37) ist Ernährungs- und Fitnessberaterin, Mentale Schlankheitstrainerin sowie Systemischer Coach. Sie ist Marathonläuferin und hat als Model, Journalistin und Regisseurin gearbeitet. Verheiratet ist sie mit dem TV-Journalisten und Autor Markus Spieker, mit dem sie drei Jahre in Indien lebte. Nun wohnen sie in einem Vorort von Leipzig.

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