Fontis-Blog

Lydia Schwarz: Das Gefühl danach

Autoren kennen dieses besondere Gefühl: wenn ein Buch endlich fertig geschrieben ist. Wenn die fertige Datei in der Druckerei ist und jeden Moment der Postbote mit dem ersten Schwung Bücher vor der Tür stehen kann. Wenn Recherchen und kreative Flows passé sind. Lydia Schwarz schreibt über das „Gefühl danach“.
„Ich muss immer singen, wenn mich die Muse küsst“, sagte einst Troubadix, der gallische Barde. Er war mit seinen Gefährten auf einem fliegenden Teppich unterwegs nach Indien. Und mit dem Erklingen seines schaurigen Organs ließ er so manches Unwetter auf die geplagten Reisenden niedergehen. In des Schreibers Gilde übersetzt sich die Aussage vielleicht so: „Ich kann nur schreiben, wenn ich inspiriert bin.“
Inspiration – die Grundsubstanz der Kreativität. Der Ort der Glückseligkeit, wo Gedanken fließen wie Tinte aus einem Füllfederhalter. Und ihre Musik ist der Takt von Mozarts türkischem Marsch auf der Tastatur.
Wenn ich diese Zeilen schreibe, fühle ich mich ausgestoßen von diesem paradiesischen Plätzchen unter der Sonne. Die rund 500 Seiten meines neuen Manuskripts werden gerade durch das Wunderwerk der Technik zu einem echten Buch verarbeitet. Mein Kleinod, für das ich mehr als ein Jahr geweint, gelacht, gebetet und geschwitzt habe, wird flügge. Was für ein erhebender und doch auch schmerzhafter Moment!
Klopfend an der Tür: Die Leere und das Nichts.
Jetzt klopft sie an: Die Leere. Das blanke Nichts. Satzfetzen. Worthülsen. Bedeutungslos. Sinnfrei. Ein Vakuum entsteht nach der Zeit, in der meine Leistung jederzeit abrufbar sein musste, als jede Minute mit Sinn, mit Inhalt gefüllt, ausgekauft sein wollte. Schraubzwingen, die ich mir selbst auferlegte.
Plötzlich befinde ich mich an dem gähnenden Ort der Stille. Eine atmende Leere, nachdem das Inferno der Geistesblitze vorbeigezogen ist. Die Flaute ereilt mich, nachdem mich die Passatwinde über den halben Ozean der Fantasie getragen haben. Das Auge des Hurrikans entfaltet sich weit über mir. Es ist ein leistungsfreier, eindrucksarmer Augenblick auf dem Sofa nach getaner Arbeit, wenn alle Unterhaltungsmedien außer Reichweite sind und mich nur die weiße Wand anlacht.
Der einzige Sinneseindruck ist das Klopfen meines Herzens. Das Rauschen des Blutes in meinen Ohren spielt die Melodie des Lebens, die mich dem Bewusstsein meiner eigenen Endlichkeit aussetzt. Ein Gedanke, den ich oft so gerne zu verdrängen suche. Ich empfinde ihn als rohen Riss im Zeitengefüge.
Wenn die Seele Sonntag hat
Notwendig ist dieser Sonntag der Seele, manchmal kaum zu ertragen in der lauten tosenden Welt, und doch ist er auch heilsam. Selbst der perfekte Schöpfer hat nach sechs Tagen geruht und beileibe nicht jedes Mal im Sturmgetöse zum Menschen gesprochen, sondern in der Ruhe nach dem ganzen Klamauk.
Und vielleicht passiert es, dass nach fünf Minuten, zehn vielleicht – oder auch nach einer halben Stunde, zwei Tagen, drei Wochen – sich die Inspiration auf leisen Sohlen anschleicht und der Stille neues Leben einhaucht.
Lydia SchwarzLydia Schwarz hat gerade mit „Die Kreuzträgerin – Jenseits des Feuersturms„, die spannende Fortsetzung der „Kreuzträgerin“ beendet und freut sich auf neue Inspirationen.
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