Fontis-Blog

Kurt Beutler: Wie die Schweiz neutral wurde

In den ersten beiden Beiträgen dieser Blog-Reihe hat sich Kurt Beutler mit der wohl berühmtesten Schweizerin (Heidi) und dem Geheimnis der Schweiz auseinandergesetzt. Darüber hinaus ist die Schweiz international bekannt für ihre Neutralität. Im dritten und abschließenden Teil dieser Blog-Reihe zum Schweizer Nationalfeiertag geht Kurt Beutler der Frage nach, wie die Schweiz neutral wurde. 
Von Kurt Beutler
Allmählich setzte sich die Überzeugung durch, dass nicht die Großpolitik, sondern die Neutralität zur Schweiz passte. Dafür gab es viele Gründe. Zum einen zeigte sich, dass sie selber nie eine Großmacht werden könnte, aber auch, dass sie sich selbst schützen musste, weil sie doch ein recht zerbrechliches Gebilde war. So war beispielsweise ein Bürgerkrieg zwischen konservativen und liberalen Kantonen ausgebrochen. Spannungen hatte es auch schon zwischen katholischen und evangelischen Gebieten gegeben sowie zwischen Stadt und Land. Dazu kamen die verschiedenartigen Sprachgebiete. Gab es einen europäischen Krieg, so empfanden die Welschen unwillkürlich Sympathien für Frankreich, diejenigen auf der anderen Seite des sogenannten «Röstigrabens» dagegen für die Deutschen. So war die Schweiz doch eigentlich sehr verwundbar und hätte sehr leicht auseinandergerissen werden können. Ihre einzige langfristige Überlebenschance lag in der Neutralität. Doch eigentlich war es schon zu spät für derartige Entschlüsse. Die Franzosen hatten ja die Schweiz 1798 erstaunlich rasch erobert. Später wurde sie ihnen von den Russen und Österreichern wieder entrissen. Nach der Besiegung Napoleons wurde in Wien schließlich ein Kongress abgehalten, auf dem Europa neu geordnet wurde. Österreich, aber auch Frankreich hätten die Schweiz gerne als Satellitenstaat beherrscht. Preußen wollte zumindest einen Teil in den Deutschen Bund integrieren. Sogar die Errichtung eines Königreiches wurde diskutiert, denn zu diesem Zeitpunkt galten Staaten ohne Monarchen als suspekt.
Der Wiener Kongress als Beginn der Schweizer Neutralität
Es scheint, dass der russische Zar Alexander, der den Vorsitz des Wiener Kongresses hatte, den Ausschlag gab, die Schweiz zu einem neutralen Staat zu erklären. Er war nämlich von einem Schweizer namens Frédéric-César de La Harpe erzogen worden und ließ sich von diesem beeinflussen. De La Harpe, der aus dem Waadtland stammte, wollte verhindern, dass die Schweiz auseinandergerissen wurde. Er fürchtete aber auch, dass die Berner wieder wie früher über seine Heimat herrschen würden. Deshalb setzte er sich für einen Staat ein, in dem jeder Kanton seine Eigenständigkeit erhielt. Und so kam es auch. So gilt denn der Wiener Kongress (1814–1815) offiziell als der Anfang der schweizerischen Neutralität. Doch eigentlich hatte die «Tagsatzung», wie man damals das Schweizer Parlament nannte, schon 1674 eine erste offizielle Neutralitätserklärung abgegeben. Und der berühmte Stanser Einsiedler Niklaus von der Flüe, dessen weiser Rat 1481 einen Bürgerkrieg zwischen Stadt- und Landkantonen verhindert hatte, riet den Schweizern bereits 330 Jahre vor der Wiener Konferenz, «den Zaun nicht zu weit zu stecken» und «sich nicht in fremde Händel zumischen». Bereits mit der Niederlage von Marignano 1515 zerbrach der Traum, dass die Schweiz eine Großmacht werden könnte, und von da an hat sich die Schweiz faktisch auf Selbstverteidigung spezialisiert.
Warum die kleine Schweiz neutral wurde
Die schweizerische Neutralität wurde oft in dem Sinn erklärt, dass sich dieses kleine Land zu seinem eigenen Schutz besser nicht in den Streit der Großen einmischt. Doch hat unsere Neutralität noch eine andere Komponente. Und diese findet sich sogar schon in jenem ältesten Bundesbrief, der vor 700 Jahren geschrieben wurde. Da steht ja, dass die Eidgenossen verpflichtet sind, einander zum Schutz gegen jede böse Macht beizustehen. Sie verpflichteten sich aber weder zur Hilfe bei Angriffs- noch bei Eroberungskriegen. Es wurde also nicht eine verschworene Gesellschaft begründet, die um jeden Preis und in jedem Fall zueinander steht, sondern nur im Verteidigungsfall. Auch das ist beachtlich, gilt doch bis heute in vielen Weltteilen das Sprichwort: «Ich gegen meinen Bruder. Mein Bruder und ich gegen unseren Cousin. Wir und die Cousins gegen alle Fremden.» Eine derartige Vetternwirtschaft sollte es in der Schweiz nicht geben. Von Anfang an wurde ein Gedanke gesät, der später zu einem neutralen Staat führen musste. Ganz im Unterschied zu Nationalstaaten, welche die Interessen ihres Volkes vertreten, sei es nun in Angriff oder in Verteidigung, basierte also die Schweiz schon zu Beginn auf einem Bund zur Selbstverteidigung. Nicht mehr und nicht weniger. Leider war man mit der Zeit durch den Bund mit den Städten und durch die eigene Gier ziemlich davon abgekommen. Doch es ist beeindruckend, dass die Schweiz nach Jahrhunderten genau zu dem wurde, was die Väter eigentlich von Anfang an «in Gottes Namen» geschworen hatten. Ist es Zufall oder göttliche Leitung? Könnte es sein, dass Gott den Bund ernster nahm, als sie selbst es taten? Das wäre dann wiederum eine Parallele zur Bibel, wo das Volk Gottes den Bund ebenfalls immer wieder gebrochen hat, während Gott ihn aber trotzdem ernst nahm. Gerade weil die Schweiz sich nicht mehr an das hielt, was sie ursprünglich geschworen hatte, wurde sie 1798 von den Franzosen innerhalb weniger Tage überrannt. (…)
Vom Eid zur Bundesverfassung
Es ist erstaunlich, dass die Schweiz weder 1798 noch 1814 unterging. Weder durch Napoleon wurde sie wesentlich angetastet noch durch die Sieger über ihn, obwohl sie doch beide Male hilflos dalag. Im Gegenteil, sie hat von der ganzen Verwirrung sogar noch profitiert. Es sieht fast so aus, als ob Gott den fremden Herrschern verboten hätte, der Eidgenossenschaft etwas anzutun, dass er sie aber dazu benutzte, diese zu dem Eid zurückzuführen, den sie eigentlich geschworen hatte. Ausgerechnet durch die Beschlüsse der konservativen Herrscher, die auf dem Wiener Kongress das Sagen hatten, wurde die Schweiz das fortschrittlichste Land Europas! Man könnte fast meinen, die europäischen Herrscher seien blind gewesen, als sie den Schweizern ausgerechnet das Staatssystem gaben, welches sie in ihren eigenen Ländern verboten. Und diese Entwicklung sollte sich innerhalb von dreißig Jahren noch verschärfen. 1848 brachen nämlich in ganz Europa Revolutionen gegen ebenjene konservativen Herrscher aus. Diese wurden allesamt blutig niedergeschlagen. Allein in der Schweiz aber setzte sich das durch, was man sich andernorts vergebens wünschte: Eine Bundesverfassung wurde erarbeitet, welche das Ziel hatte, jedem Bürger die größtmögliche Freiheit zu geben. Und die Könige Europas schauten untätig zu, wie sich in der kleinen Schweiz eine Staatsform entwickelte, die in ihren Augen äußerst gefährlich erscheinen musste. Was die Bundesverfassung von 1848 beinhaltet, ist eigentlich genau das, was die ersten Schweizer ca. 550 Jahre zuvor geschworen hatten (sei das nun auf dem Rütli gewesen oder anderswo). Ein einig Volk von Brüdern wollten sie sein, keine Herrscher über sich akzeptieren, sich gegenseitig gegen Angreifer verteidigen und keine Schmiergelder dulden. Die Schweizer haben ihren Bund, den sie einst vor Gott geschworen hatten, zwar vielfach gebrochen. Könnte es aber sein, dass dieser Gott den Vertrag trotzdem ernst nahm und die Eidgenossen schließlich auf Umwegen wiederum zu genau dem zurückbrachte, was sie damals versprochen hatten?
Gottes Hand über der Schweiz
Was geschah, war wirklich verblüffend. Man kann das Geschehene fast nur übernatürlich erklären. Und das ist nicht etwa meine Interpretation. Ganz im Gegenteil. Die Überzeugung, dass Gott bei dieser Entwicklung der Schweiz seine Hand im Spiel hatte, war bereits im 19. Jahrhundert weit verbreitet. Dies zeigt sich auf verschiedene Weise. Etwa daran, dass man nicht ein patriotisches Gedicht, sondern ein Kirchenlied, den sogenannten Schweizerpsalm, zur Landeshymne erkor. Oder auch an der Wahl der Schweizer Flagge. Denn obwohl doch schlussendlich die freiheitlichen Ideen der Helvetischen Republik wieder zum Zug kamen, wählte man erstaunlicherweise nicht deren dreifarbige Fahne, sondern das weiße Kreuz im roten Feld, welches christliche Wurzeln hat. Oder auch an den Gebetstagen: Schon seit Hunderten von Jahren hatte es in einzelnen Kirchen jährlich sich wiederholende Gebetstage gegeben. Nun aber war es sogar die politische Regierung der Schweiz, welche die gesamte Bevölkerung dazu aufrief, jeweils am dritten Sonntag des Septembers für das Land zu beten. Derartige flammende Aufrufe können noch heute im Internet nachgelesen werden, so etwa das sogenannte Bettags-Mandat von 1862, das der Staatsschreiber von Zürich verfasst hatte. Dieser war erstaunlicherweise niemand Geringeres als der revolutionär und liberal denkende berühmte Schriftsteller Gottfried Keller. Er mahnte das Schweizer Volk, an diesem Tag darum zu beten, dass nicht wieder die einen die anderen unterdrücken, Andersdenkende verachten oder gar für hochmütige Ziele Blut vergießen würden. Denn der große Baumeister, welcher die kleine Schweiz sozusagen als Baukastenmodell zum Vorbild für die anderen Länder geformt habe, könnte sie auch in einem Moment wieder zerstören! Wenn nicht nur konservative, sondern auch liberale Politiker so dachten, dann wohl auch der größte Teil des Volkes. Sie hatten ja mit eigenen Augen mitverfolgt, welch verblüffende Ereignisse geschehen waren. Tatsächlich ist Gottfried Kellers Wunsch erhört worden, und es kam seit der Einführung des eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettages in der Schweiz nie mehr zu einem Bürgerkrieg. Das mag banal tönen, ist es aber nicht, denn in allen umliegenden Ländern gab es seither dramatisches Blutvergießen.
Dieser Text ist Kurt Beutlers Buch „Die Schweiz und ihr Geheimnis“ entnommen (Fontis, 2016). 
Lesen Sie hier den ersten Teil dieser Blog-Reihe, der sich mit der wohl berühmtesten Schweizerin beschäftigte
Im zweiten Teil lüftete Kurt Beutler das Geheimnis der Schweiz.
Kurt Beutler ist Autor von „Die Schweiz und ihr Geheimnis“. Mit der Schweiz kennt er sich bestens aus – schließlich ist er Schweizer. Er studierte in Bern und London Theologie und arbeitete dann als Pastor in Bern. Nach mehreren Auslandsaufenthalten in Japan, Ägypten und im Libanon ist er nun interkultureller Berater bei MEOS in Zürich.
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