Fontis-Blog

Kurt Beutler: Das Geheimnis der Schweiz

In der kommenden Woche feiern die Schweizer am 1. August den Nationalfeiertag. Im zweiten Teil unserer dreiteiligen Blog-Serie „Die Schweiz und ihr Geheimnis“ lüftet Kurt Beutler, Autor des gleichnamigen Buches, das Geheimnis der Schweiz.
Von Kurt Beutler
Die Schweiz ist ein kleines Land. Deutschland ist fast zehnmal größer. Aus unserer Perspektive erscheint das riesig. Dort kann man viele Stunden fahren, ohne an ein Ende zu kommen. Objektiv gesehen ist allerdings auch Deutschland klein. Kanada beispielsweise ist 28-mal so groß wie unser nördlicher Nachbar. Das bedeutet, dass man die Schweiz 280-mal in Kanada hineinschachteln könnte. Oder auch in die USA, deren Fläche ähnlich groß ist wie die kanadische, nämlich fast zehn Millionen Quadratkilometer. Auf der Erdoberfläche als Ganzes hätte die Schweiz ganze 3620-mal Platz. Anders ausgedrückt: Die Schweiz belegt weniger als drei Zehntausendstel der Welt. Logischerweise ist es eigentlich nicht zu erwarten, dass ein so kleiner Staat Weltberühmtheit erlangt, noch dass er irgendeinen nennenswerten Einfluss auf die Menschheit haben könnte. Und doch ist genau das geschehen, und zwar nicht nur einmal, sondern im Übermaß. Die Schweiz ist aber nicht nur berühmt, nein, sie gilt sogar als einzigartig. Als Kind war mir das nicht bewusst. Ganz im Gegenteil, als junger Mensch habe ich mein Land verachtet. Damals wollte ich so schnell wie möglich wegziehen in den wärmeren Süden zu warmherzigeren Menschen. Und das tat ich dann auch. Ich verbrachte beispielsweise fünf Jahre in Ägypten, wo ich meine liebe Frau Mona kennen lernte. Doch je mehr ich herumkam, desto mehr begann ich zu verstehen, wie außergewöhnlich die Schweiz ist. Es gibt ganz einfach nichts Vergleichbares, auch wenn eine derartige Aussage verrückt oder anmaßend klingt. Oberflächlich gesehen könnte man denken, dass es die Natur und die Alpen seien, welche die Schweiz einzigartig machen. Doch faszinierende Berge, Pflanzen und Tiere gibt es auch anderswo. Es sind auch nicht die alten Burgen und Schlösser, die sich niemals mit denjenigen von Königen und Kaisern messen können. Auch nicht die Seen, von denen es in Finnland viel mehr gibt. Und schon gar nicht die verschiedenen Spezialitäten wie der Käse mit Löchern, die Rösti oder Fondue und Raclette, denn jedes Land wartet mit kulinarischen Besonderheiten auf. Nicht einmal das originelle Schwyzerörgeli (eine Ziehharmonika), das Alphorn oder das Jodeln können für große Unterschiede sorgen, denn jedes Volk hat schließlich seine eigenen Instrumente und Gesänge.
Genf, die heimliche Hauptstadt der Schweiz
Einzigartig ist sicher Genf. Das weiß jeder, der politische Nachrichten verfolgt. Ich habe viele Menschen getroffen, die meinten, Genf sei die Hauptstadt der Schweiz, weil sie diesen Namen so oft gehört hatten. Genf ist heute sozusagen die weltweite Hauptstadt der internationalen humanitären Organisationen. Und diese Entwicklung begann vor vielen Jahren mit der Gründung des Roten Kreuzes von Henry Dunant. Während es in vielen Ländern Rotkreuzbewegungen gibt, die selbständig arbeiten, gehören zum Vorstand des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz bis heute nur Schweizer Bürger. Auch alle anderen Organisationen haben letztlich Inspirationen von Dunant erhalten und befinden sich deshalb ausgerechnet in Genf. Von ihm haben sie diesen Geist des neutralen, humanitären Denkens und der Hilfe für alle Menschen, egal welcher Herkunft, erhalten. Henry Dunant hat dieses humanitäre Denken nicht erfunden, wohl aber auf die ganze Welt ausgeweitet. Er verstand sein Werk als die konsequente Anwendung der Worte Jesu. Dies war gemäß eigenen Aussagen seine Hauptinspiration. Könnte es aber sein, dass diese Entwicklung nicht nur mit Genf, sondern auch mit der Schweiz zu tun hat? Ein derartiger Zusammenhang ist durchaus plausibel, denn in der Schweiz hatte sich damals bereits über längere Zeit hinweg ein neutral-humanitäres Denken zu entwickeln begonnen. Und dieses, glaube ich, ist das eigentliche Geheimnis der Schweiz, das sie wirklich speziell macht.

 

Was die Schweiz so besonders macht
Die Wurzeln der Schweiz reichen über 700 Jahre zurück, als die schweizerische Eidgenossenschaft begann. Sie ist nicht einfach so im Laufe von Jahrhunderten herangewachsen wie die meisten anderen Staaten, die sich auf eine bestimmte Ethnie stützen. Die Schweiz entstand nicht als Staat eines Volkes, sondern durch ein Landfriedensbündnis von schlichten und wohl auch etwas wilden Bauern und Bewohnern einiger Bergtäler, die sich in einer unsicheren Zeit gegenseitigen Schutz versprachen. Es ging bereits dort um Menschenrechte, um die Gleichstellung von Menschen und um gegenseitige Hilfeleistungen. Ein spezielles humanitäres Denken wurde bereits bei der Entstehung der Schweiz geboren. Friedrich Schiller hat das später in seinem Drama Wilhelm Tell in ergreifenden Worten dramatisiert. Demnach sollen sich die ersten Schweizer ihre Treue mit folgenden Worten geschworen haben:
«Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.»
Wilhelm Tell (2. Aufzug, am Schluss der 2. Szene)
Wer das Bundesbriefmuseum in der Ortschaft Schwyz besucht, wird allerdings eine böse Überraschung erleben. Moderne Historiker bezweifeln nämlich, ob sich die Geschichte wirklich so abgespielt hat, wie Schiller es darstellt. Es ist nicht einmal klar, ob die dort aufbewahrten Dokumente wirklich die Originale sind oder aus etwas späterer Zeit stammen. Das macht aber für uns keinen großen Unterschied. So oder so sind es diese Schriften, deren Inhalt die späteren Generationen geprägt haben. Es sind die drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden, welche miteinander einen Bund schlossen, oder, wie sie es nannten, einen Eid schworen. Sie nannten sich denn auch noch nicht „Schweizer“, sondern „Eidgenossen“.
Besonderer Eid
In dem Bund verpflichteten sie sich nicht nur dazu, einander gegen fremde Einflussnahme und gegen Unrecht zu helfen, sondern auch dazu, innere Streitigkeiten zu schlichten, mit Verbrechern gleich umzugehen und, was ganz besonders aufhorchen lässt, keine fremden Richter zu dulden, die ihr Amt gekauft haben. Eide sind in der Geschichte nicht selten. Die Schweizer sind aber vielleicht die Einzigen, die sich selber je als „Eidgenossen“ bezeichneten. Damit wird betont, wie wichtig unsere Vorfahren diesen Eid nahmen. Sie beabsichtigten offensichtlich nicht nur ein Bündnis zur Verteidigung gegen außen, sondern sie erkannten zugleich auch die inneren Gefahren. Sie wollten eine gerechte Gemeinschaft aufbauen, in der jeder eine Chance haben sollte. Als eine der Wurzeln des Übels erkannten sie bestechliche Richter. Das ist wirklich revolutionär, vor allem wenn man bedenkt, in welcher Kultur sie lebten. Damals waren ja nicht nur weltliche, sondern häufig sogar kirchliche Ämter käuflich. Bis zum heutigen Tag ist Korruption der Grund für das Scheitern vieler Regierungen und die Armut ganzer Erdteile. Und da finden wir in jenem Urvertrag der Eidgenossen, der nur wenige Paragrafen enthielt, ganz zentral die Bestimmung, keine fremden oder käuflichen Richter zu dulden. Besonders wirksam war diese Abmachung ganz bestimmt deswegen, weil sie eben nicht von oben befohlen wurde, sondern sich das ganze Volk unter Eid dazu verpflichtete.

 

Dieser Text ist Kurt Beutlers Buch „Die Schweiz und ihr Geheimnis“ entnommen (Fontis, 2016). 
Lesen Sie hier den ersten Teil dieser Blog-Reihe, der sich mit der wohl berühmtesten Schweizerin beschäftigte. Im dritten und letzten Teil erklärt Kurt Beutler, „wie die Schweiz neutral wurde“.

 

Kurt Beutler ist Autor von „Die Schweiz und ihr Geheimnis“. Mit der Schweiz kennt er sich bestens aus – schließlich ist er Schweizer. Er studierte in Bern und London Theologie und arbeitete dann als Pastor in Bern. Nach mehreren Auslandsaufenthalten in Japan, Ägypten und im Libanon ist er nun interkultureller Berater bei MEOS in Zürich.

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