Fontis-Blog

Herr Hagedorn, warum ist die Bibel so dick?

„Warum ist die Bibel so dick?“ – das fragt man am besten einen, der es wissen muss: Eckhard Hagedorn ist Theologe und Dozent für Neues Testament. Im Interview verrät er, was hinter dem Titel seines neuen Buches „Fette Beute“ steckt und was passieren kann, wenn man sich auf die Bibel einlässt. 
Der Titel Ihres Buches ist „Fette Beute“. Das lässt nicht unbedingt auf ein Buch über die Bibel schließen. Was steckt hinter diesem Titel?
Bibelkenner werden, wenn sie den Titel lesen, an Psalm 119,162 denken: „Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute macht“. „Fett“ ist ein Adjektiv, das ich von jungen Leuten als sehr positiv besetzes Wort höre – für mich als 63-Jährigen in sehr verschiedenen und überraschend gesunden Zusammenhängen. Beim Untertitel haben wir einen kleinen Logikfehler einkalkuliert: Es geht eher um das Wozu als um das Warum. Der Unterschied ist aber inzwischen umgangssprachlich fast eingeebnet, und wer das Buch liest, findet das Wozu dann im Perspektivenkapitel auch ausdrücklich. Die Leserinnen und Leser sollen etwas zum Denken bekommen; im besten Sinn „auf andere Gedanken kommen“.
 Wieso braucht es ein Buch über die Bibel? Reicht es denn nicht, einfach die Bibel aufzuschlagen und los zu lesen?
Natürlich reicht das. „Einfach los lesen“ klingt nach Motivation und Entdeckerfreude. Bei wem das klappt, der braucht mein Buch nicht. Der braucht eine Glückwunschkarte. Ich hatte auch nicht vor, eine Gebrauchsanweisung von fast 300 Seiten zu schreiben, bis auch der letzte potentielle Leser die Lust verloren hat. Dummerweise wird das lesenswerteste Buch nicht besonders oft gelesen. Man muss Werbung machen für etwas, das eigentlich keine Werbung nötig hat. Man muss die verschütette Bibel wieder freischaufeln. Gerade Gutwillige haben mich oft in ihre Hilflosigkeit eingeweiht, und manchen erfahrenen Bibelchristen gelang es nicht selbst, einer gewissen Betriebsblindheit auf die Spur zu kommen. Da wollte ich ein bisschen helfen. Schließlich lebt auch mein Bibellesen zu einem Gutteil von anderen, die mir lesen helfen, die zeigen, was ich seit zwanzig und mehr Jahren übersehen habe, die meine Trägheit durch ihren Eifer in Frage stellen und die mit mir einen gemeinsamen Weg gehen.
Was kann passieren, wenn man sich auf die Bibel einlässt?
Das kommt auf die Art des Einlassens an. Das ganze Spektrum ist möglich: von Ärger und Hass bis Staunen und Liebe. Ich kenne kein überraschenderes Buch, keines, das uns so oft widerspricht und dreinredet, und keins, dass so herzenstief guttut und fröhlich macht. Sich einlassen heißt dann ja auch: sich verlassen, zu Gott hin umkehren und sich auf ihn so einlassen, dass es zu einem Ja kommt, zu dem, was er will. Davor hat man gewöhnlich Angst – ich auch –, aber es ist das Beste, was einem passieren kann.
Warum ist die Bibel so dick?
Die Bibel selbst sagt nicht, warum sie so dick ist. Wohl aber gibt es in manchen biblischen Schriften Bemerkungen über andere Schriften, die heute in der Bibel stehen. Etwa 2. Timotheus 3,16f. über das heutige Alte Testament: Da gehe es darum, „weise zu werden zur Rettung“, die durch Jesus geschieht. Solche Formulierungen kann man zum Anlass nehmen, selbst gute Antworten zu finden. Die Antwort der Christenheit spiegelt jahrhunderlange gute Erfahrungen wieder: Die Bibel ist so dick, weil Gott mit uns so viel Gutes im Sinn hat. Das nehme ich gern auf.
Was ist die „Fette Beute“, die Sie Ihren Lesern mitgeben wollen?
Im Geschichtsunterricht im 5. oder 6. Schuljahr hat uns der Lehrer erzählt, es hätte früher mal Leute gegeben, die seien vor allem „Jäger und Sammler“ gewesen. Im Blick auf die Bibel gefällt mir dieses Stichwort sehr. Solche Leser wünsche ich der Bibel, zumal da die Beute nicht erlegt und getötet wird. Sie bleibt sehr vital.

 

Eckhard Hagedorn ist Autor von „Fette Beute“, Theologe und promovierter Kirchengeschichtler. Am Theologischen Seminar St. Chrischona in der Schweiz ist er Dozent für Neues Testament

Über 

Beitrag teilen

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on linkedin
Share on email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.