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Tania Douglas: Historischer Roman „Jan Hus – Der Feuervogel von Konstanz“

Interview: Tania Douglas

Ihr 700-Seiten-Wälzer “Jan Hus – Der Feuervogel von Konstanz” ist erschienen. Wie lange haben Sie an diesem Werk geschrieben, wie viele Bücher zuvor gelesen?
Ich habe gute zwei Jahre an dem Buch gearbeitet. Wobei etliche Monate mit Recherchearbeit vergingen. Und das heißt bei mir nicht nur, die Suche nach Büchern und Quellen, sondern möglichst immer auch eine Reise an die Orte des Geschehens. Da ich in der Bodenseegegend wohne hatte ich es nicht weit bis ins schöne Konstanz. Die Reise nach Prag war schon etwas aufwändiger. Es fällt mir schwer zu bilanzieren, wie viele Bücher ich herangezogen und gelesen habe. Über zwanzig werden es aber sicherlich sein. Wobei ich nicht alle Quellen gleich intensiv nutze. Manche lese ich nur an, andere begleiten mich während des ganzen Schreibprozesses.
Vor den großen Reformationsfeierlichkeiten 2017 luthert es bereits aus vielen Verlagen. Warum kommen Sie uns ausgerechnet jetzt mit Jan Hus?
2015 jährt sich der Todestag von Jan Hus zum sechshundertsten Mal. Am 6. Juli 1415 wurde Jan Hus in Konstanz als Ketzer verbrannt. Seine Verurteilung erfolgte im Rahmen eines Konzils, welches das Schisma beendete, und während dem die einzige Papstwahl erfolgte, die jemals auf deutschem Boden stattfand.
Aber wenn Sie auf Luther anspielen: Jan Hus war der Wegbereiter für Luther. So brachte Jan Hus bereits hundert Jahre, bevor Luther seine Thesen anschlug den Mut auf, öffentlich gegen den Ablasshandel einzutreten… Wer sich für Luther interessiert, sollte mit Jan Hus anfangen.
Beim Lesen habe ich mir eingebildet, Parallelen zum Leben von Martin Luther entdeckt zu haben. Sehen Sie dies ähnlich?
Auf jeden Fall. Beide Männer vertraten die gleichen Ideen, sie glaubten an einen Gott der Gnade und wähnten die Kirche der Ablassverkäufe und Pfründenjäger auf dem Irrweg. Sie predigten eine Rückbesinnung auf die Worte der Bibel und wollten sie dem Volk näher bringen. Auch wenn sie verschiedenen sozialen Schichten entsprangen, durchlebten sie beide einen ähnlichen Bildungsweg und setzten sich unter Lebensgefahr für das ein, was sie als die Wahrheit erkannt hatten. Beide fochten einen erbitterten und mutigen Kampf gegen die Kurie und verbrachten eine Zeit im Exil, in der sie ihre wichtigsten Werke schrieben. Allerdings hatte Luther einen entscheidenden Vorteil: Er lebte einhundert Jahre später. Das Papsttum war geschwächt, mächtige Beschützer hielten zu ihm und nicht zuletzt die Technik des Buchdrucks erleichterte die Verbreitung von Luthers Schriften ungemein. Die Helfer von Jan Hus haben alle ihre Traktate noch mühsam per Hand kopieren müssen.
Für mein Empfinden überdeckt unser großer Luther in unserem Geschichtsbewusstsein den Tschechen Jan Hus gewaltig. Woran liegt das?
Nun, das ist sicherlich richtig, aber nur aus deutscher Sicht. Denn Jan Hus ist in Tschechien heute noch sehr präsent und wird dort verehrt. Warum dieser Unterschied? Hus und Luther haben in ihrem jeweiligen Land ein aufkeimendes Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einer Nation gefördert, indem sie die Bibel in ihre Muttersprache übersetzten. Schon alleine das erklärt, weshalb der böhmische Reformator den Tschechen näher steht und uns Luther „greifbarer“ scheint. Hus hat zudem über vierzig Jahre in seiner Heimat gelebt und gewirkt und hatte Zeit, tiefe Spuren zu hinterlassen, während er in Deutschland nur ein paar Monate verbrachte. Auf der anderen Seite war Jan Hus ein Mann mit enormem Charisma. Während seiner Reise von Prag zum Bodensee, die er unternahm, um seine Ideen vor dem Konzil von Konstanz zu verteidigen, hat er ständig den Dialog mit den Menschen gesucht, die ihm begegneten, und in der kurzen Zeit eine große Anhängerschaft gewinnen können. Die Kirche war sich der Anziehungskraft seiner Worte und seiner überwältigenden Aura sehr wohl bewusst, sonst hätte sie ihm nicht verboten, in Konstanz zu predigen, und hätte ihn während seines Prozesses nicht auf unwürdige Art und Weise mundtot gemacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass Jan Hus, hätte man ihn leben und wirken lassen, uns heute genauso nahe wäre wie Luther.
Privates ist verlässlich so gut wie nichts aus dem Leben des Jan Hus bekannt. Er hat also nie Aneschka kennengelernt und auch nie vor der großen Entscheidungsfrage Aneschka oder Priesteramt gestanden?
Die Figur der Aneschka habe ich erfunden mit dem Ziel, einen plastischen Jan Hus darzustellen. Bei jedem meiner Bücher war es bisher so, dass beim Erschließen meiner Quellen die Romanfiguren nach und nach Form annehmen, Charakterzüge bekommen und Eigenarten. Als ich von dem kräftigen Fuhrmannssohn las, der seinem Vater half und in einer ärmlichen, rüden bäuerlichen Umgebung aufwuchs, sah ich nicht nur einen tiefgläubigen und hoch intelligenten Mann vor mir, sondern auch einen erdverbundenen, zupackenden, lebensbejahenden. Und ich sah ihn zumindest in seiner Jugendzeit schwanken zwischen den beiden Polen des Weltlichen und der völligen Hingabe an den Glauben. Die Figur der Aneschka hat es mir ermöglicht, diesen Konflikt nicht nur im Kopf der Hauptfigur oder durch gelehrte Reden zu verdeutlichen, sondern durch das Geschehen. Sie trägt zu einem guten Teil zur Spannung des Romans bei.
Der Feuervogel Johannes aus Husinetz ging letztlich in Flammen auf. Warum ist ihm dennoch ein Platz in unseren Geschichtsbüchern sicher?
Als Historiker kann man sagen: Weil er ein Wegbereiter der Kirchenreformation war und dadurch unsere Welt, wie wir sie heute kennen und erleben, nachhaltig prägte.
Als Christ wird man vielleicht antworten: Weil er versucht hat, den Glauben zu bereinigen von Geldsucht und Machtgier, und uns den Weg gewiesen hat zu einem gütigen Gott. Doch es wäre schade, Jan Hus nur in die Geschichtsbücher zu verdammen. Ich finde, dass er auch auf sehr moderne Art und Weise noch als Vorbild dienen kann. Er war ein Mann, der ganz im Hier und Jetzt lebte. Der Kompromisse ablehnte und sich ganz seiner Überzeugung hingab. Der seinen Weg und seine Wahrheit gefunden hatte. Und das kann für uns heutige Menschen, die wir oftmals durch unser Leben hetzen und es versäumen, nach dem Sinn unseres Treibens zu suchen, bis das Burnout uns einholt, durchaus ein Vorbild sein.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Christian Döring. Mehr Interviews und Buch-Rezensionen finden Sie auf seinem privaten Blog „Bücher ändern Leben“.

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