Fontis-Blog

Gesichter und Geschichten der Reformation: Karl Barth

Wenige Aufbrüche haben die Kirche und die Welt so sehr bewegt wie die Reformation vor 500 Jahren. Diese epochale Wende veränderte das Verständnis des Evangeliums für alle Zeiten. Dabei endete die Reformation nicht etwa im 16. Jahrhundert, sondern lebt bis heute weiter: Durch Männer und Frauen, die mit Leidenschaft um Erneuerung in Kirchen und Herzen kämpften – Karl Barth war einer von ihnen.

Ich habe das Vorurteil, die Bibel sei ein gutes Buch, und es lohne sich, wenn man ihre Gedanken mindestens ebenso ernst nimmt wie seine eigenen.

Überall in Europa jubelten die Menschen, als am 1. August 1914 der große Krieg begann. „Jetzt zeigen wir es denen! Wir haben recht! Mit Gott für Kaiser und Vaterland!“ Nur wenige ließen sich nicht mitreißen von dieser Euphorie – unter ihnen der Pfarrer Karl Barth in Safenwil im Schweizer Kanton Aargau. Barth war geschockt, dass auch seine hochverehrten Theologie-Professoren in Deutschland das beginnende Massenmorden begrüßten oder sogar versuchten, diesen Wahnsinn „christlich“ zu begründen.
Karl BarthEr beschloss, mit der Theologie noch einmal ganz von vorn anzufangen. Mit dem, was wir gelernt haben, kann etwas nicht stimmen, wenn die „christlichen Völker“ sich jetzt gegenseitig abschlachten! Barth schrieb einen Kommentar zum Römerbrief des Paulus, der 1919 erschien. Jetzt, nach dem Krieg, gab es offene Ohren für die Botschaft dieses Buches: Gott ist nicht der Erfüllungsgehilfe unserer politischen, kulturellen, ökonomischen oder religiösen Ideen. Gottes Wort schlummert nicht „tief in unserem Inneren“, sondern trifft uns von außen, senkrecht von oben, richtend und rettend in Jesus Christus.
Dieser Botschaft hat Karl Barth zeitlebens gedient: als die Nazis an die Macht kamen, als nach dem Zweiten Weltkrieg die atomare Aufrüstung begann, als manche Theologen Gott für „tot“ erklärten.
1921 wurde er auf einen theologischen Lehrstuhl berufen, 1935 vertrieben ihn die Nazis aus Deutschland, und er lehrte fortan in Basel. Sein Werk wird weltweit gelesen, weil seine Theologie in keine Schublade passt. Gottes Wort richtet und rettet alle: seien sie „links“ oder „rechts“, „fromm“ oder „liberal“. Wer auf Jesus Christus hört, darf – für seine eigene Gegenwart! – immer neu mit dem Anfang anfangen – wie Karl Barth es 1914 getan hat oder 1933 oder 1961.
Dr. André Demut ist Pfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, arbeitet derzeit als Persönlicher Referent von Landesbischöfin Ilse Junkermann und lebt in Magdeburg und Gera. 
Dieser Text ist ein Auszug aus dem im Fontis-Verlag erschienenen Buch „Gesichter und Geschichten der Reformation“ von Roland Werner und Johannes Nehlsen (Hrsg).

Foto: (c) Karl-Barth-Archiv Basel

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