Fontis-Blog

Ein letzter Trost

© Sven Scheuermeier
© Sven Scheuermeier

Am 30. April 1942 wurde Joe Rubinstein zusammen mit Hunderten anderer deportierter Juden nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Er ist ein junger Mann unter vielen. Eine Nummer. Doch auch wenn die Schwere der Nazi-Grausamkeit nahezu unerträglich wird, lässt sich Joe Rubinstein eines nicht nehmen: seinen Lebenswillen.

«Die Nächte waren immer am schlimmsten. Was am vergangenen Tag passiert war, was ich hatte tun müssen und auch am nächsten Tag wieder würde tun müssen, das alles belastete meine Seele schwer. Die Nächte waren die Zeit, in der mir bewusst wurde, dass es abgesehen von Kälte und Hunger noch etwas Schlimmeres gab, etwas Verknotetes, das sich tief in mir gebildet hatte und schrie, dass dies nicht das Leben war, wie es sein sollte.

Oftmals war es das Schnarchen eines anderen Mannes in meiner Nähe, das mich aus dem Schlaf riss. Dann war es immer stockdunkel um mich herum, und ich musste mir erst einmal klarmachen, wo ich war. Meistens war es aber der Schmerz in der Schulter – verursacht durch die harten Bretter, auf denen ich lag –, der mich wieder in den Albtraum meines Lebens zurückholte.

Nachts fühlte ich, wie meine Lungen sich bei jedem Atemzug ausdehnten. Ich musste über das nachdenken, was ich gesehen hatte, was ich eingeatmet und in mich aufgenommen hatte, und ich fragte mich, ob sich alles an diesem Ort so tief in mich hineingefressen hatte, dass es wie der Krebs wurde, der meinen Vater getötet hatte – ein Krebs, der alles verzehrt hatte, was gut war.

Wie konnte ich schlafen, wenn meine Arme schmerzten von dem Gewicht der Leichen, die ich geschleppt hatte, wenn mein Magen vor Hunger schrie, wenn in meinem Körper die Krankheit wütete? Wie konnte ich schlafen, wenn meine Gedanken voller Auflehnung waren und voller Fragen an Gott? Wie konnte ich schlafen, wenn all die Menschen, die ich liebte, tot waren?

Doch eines Nachts, während ich in dem überfüllten Schlafsaal lag, kam mir im Dunkeln ein Gedanke:

Das Einzige, worüber sie keine Kontrolle hatten und was ich ihrem Hass und meiner Furcht entgegensetzen konnte, war das Gebet. Es war mein letzter Trost. Umgeben von den Geräuschen, die hundert Männer auf kleinstem Raum von sich gaben, wurde ihr Schnarchen, Stöhnen und Schreien zum Mantra meiner Gebete – Gebete, die zu Gott flehten. Ich flehte ihn an, mir einen Grund zum Weiterleben zu geben.»

Textauszug aus dem Buch «Auschwitz #34207» von Nancy Sprowell Geise.

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