Fontis-Blog

Eckhard Hagedorn: Mein Hund und ich

Während Eckhard Hagedorn noch an seinem Buch „Fette Beute“ schrieb und seine Gedanken vor allem um richtige Satzformulierungen, Gedankenkonstrukte und Zeichensetzung kreisten, lehrte ihn sein Hund Gelassenheit.
Mein Hund ist manchmal anderer Meinung als ich. Über den gemeinsamen Weg am frühen Morgen können wir uns in der Regel schnell verständigen, aber dann wird es schwierig, wenn man im Dreiländereck Schweiz – Frankreich – Deutschland wohnt. Vom Dinkelberg aus nach links das Wiesental, der Schwarzwald mit dem Zeller Blauen, dem Hochblauen, mit Belchen und Feldberg. Eine kleine Drehung nach links: das Rheintal und die Vogesen. Noch mal eine Vierteldrehung: Die Schweiz. Und hier entsteht das Problem: Meinen Hund interessiert das überhaupt nicht. Als vierjähriger Australian Shepherd interessiert er sich für faulende Äpfel, unsichtbare Duftspuren und Raben, aber weder für den Jura noch den Aargau, erst recht nicht für die Drei- und Viertausender des Berner Oberlands, die man im Sommer ab und zu, im Oktober häufig sieht. Ein gegliedertes Ganzes: im Vordergrund mit ein paar Nebelschwaden, die sich bald auflösen werden, der mittlere Bereich, den man gern übersieht und der soviel Einsicht gewährt, und die Ferne, die einen auch noch bei zweihundertsieben-undfünzigsten Mal in Beschlag nimmt.
So müsste man schreiben können, so klar gegliedert, so übersichtlich, so atemberaubend. Was gäbe das für Bücher! Meinen Hund freilich interessiert das nicht. Manchmal beneide ich ihn ein wenig.

 

 Eckhard Hagedorn ist Theologe und promovierter Kirchengeschichtler. Am Theologischen Seminar St. Chrischona in der Schweiz ist er Dozent für Neues Testament.

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