Fontis-Blog

Was macht Dich lebendig?

Für den Kongress „Christ und Beruf“ sprach die promovierte Theologin Gudrun Kugler mit Fontis-Verlagsleiter Dr. Dominik Klenk über die Spannungsfelder Mann-Frau und Beruf-Berufung.

 

Als Journalist, Medienpädagoge, promovierter Philosoph und langjähriger Leiter und Prior der Offensive Junger Christen haben Sie Ihre Berufung zum Beruf gemacht. Was raten Sie denjenigen, die nicht in dieser glücklichen Lage sind und einfach nur Geld verdienen müssen?
Ich bin immer skeptisch, wenn Menschen behaupten, einfach nur Geld verdienen zu müssen. Was für Vorentscheidungen hat man dann getroffen? Gott will doch nicht, dass wir nur funktionieren, sondern dass wir lebendig sind. Es lohnt sich also über die Frage nachzudenken: Was macht mich lebendig? Das ist der feine Stoff, aus dem Berufungen gewoben werden.

Viele Menschen identifizieren sich nicht mit ihrer Arbeit und die persönliche Berufung rückt in den Hintergrund. Gerade Alleinstehende klagen oft über zu wenig eigenen Ansporn und fehlende familiäre Unterstützung in der Suche nach der persönlichen Berufung. Wie kann man ein Gleichgewicht zwischen Identität und Berufung erreichen?
Berufung kann nur wachsen, wenn auch die innere Ansprache wächst, die mir sagt, wer ich eigentlich bin. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, sagt der Pädagoge Martin Buber. Das „Ich“ wird also am „Du“ – am anderen. Der Mensch muss angesprochen werden, wenn er sich entwickeln will. Das gilt für alle Menschen. Alleinstehende müssen diesbezüglich besonders für sich sorgen. Da sie freier sind als Verheiratete bringen sie aber auch eine besondere Gabe ein, die jede Gemeinschaft sehr bereichern kann. Wer weiß, dass er eine Berufung zum Ledigsein hat, kann damit ein sehr fruchtbares Leben gestalten. Das Gleichgewicht zwischen Aktion und Entspannung muss aber immer neu errungen und gestaltet werden. Egal ob ledig oder verheiratet.

Sie waren ehemals Handballprofi. Sport ist sicherlich eine sehr gute Methode, ausgeglichen zu leben. Nach Medienberichten gibt es heute zunehmend mehr Fälle von Burnouts. Welche Wege schlagen Sie vor, um innerlich ausgeglichen zu leben, und nicht ausgebrannt zu werden?
Es ist ja oft nicht der Beruf, der uns ausbrennen lässt, sondern der innere Anspruch und das verinnerlichte Funktionieren, dass wir uns angeeignet haben. Wer ausgeben will, muss einnehmen lernen. Und zwar regelmäßig. Der Organismus funktioniert mit Einatmen und Ausatmen. Glücklicherweise macht er das fast von alleine. Für andere Lebensbereiche müssen wir das aktiv gestalten lernen. Das heißt lebenslang lernen, denn wir korrumpieren uns immer wieder selbst.

Alleinstehende klagen häufig, nach einem langen Arbeitstag nicht mehr genügend Kraft und Energie für die Partnersuche zu haben. Was raten Sie ihnen?
Partnerwahl hat idealer Weise mit Sehnsucht zu tun. Wenn das eine bleibende Sehnsucht wird, dann muss man die Prioritäten verschieben. Aktiv. Speed reduzieren oder sogar raus aus dem Hamsterrad. Man kann einem Auto nicht bei vollem Tempo die Reifen wechseln und man kann sich nicht sinnlich miteinander in die Zukunft träumen, wenn man nach der Arbeit nur noch ausgelaugt vom Schreibtisch ins Bett fällt. Ein erster Schritt wäre, den Emotions-Tank wieder zu füllen. Also: Sport, Chor, Musik – irgendwas, was nicht den Kopf, sondern vor allem den Leib und die Emotionen wieder aufweckt. Wenn die mal in Fahrt kommen, dann gibt’s auch wieder Haftflächen fürs andere Geschlecht. Wirklich matchentscheidend für ein gestilltes Leben: regelmäßig Liebestank füllen lassen. Gibt’s beim lieben Gott umsonst.

„Du sollst Deinen Nächsten lieben“. Dieses Gebot fällt oft im Berufsleben schwer, wo Menschen unterschiedlichster sozialer Hintergründe und Lebenshaltungen zusammentreffen. Welche Wege der Versöhnung untereinander schlagen Sie vor, um Konflikte zu vermeiden und Barmherzigkeit zu üben?
Mir helfen zwei Dinge. Zuerst: Es gibt keinen Menschen, den Gott nicht mit liebendem Blick anschaut. Dazu gehöre ich genauso, wie mein Konfliktpartner. Zweitens: „Sage, was du denkst und tue, was du sagst.“ Damit fahre ich – wann immer es gelingt – sehr gut. Der Tod für eine Firma und jeder anderen Gemeinschaft ist eine Kultur der distanzierten Freundlichkeit. Innovationen sind Kinder der Leidenschaft.

Muss man alles schweigend ertragen? Schon in der Bergpredigt lesen wir, dass diejenigen selig sind, die um ihres Glaubens wegen verfolgt werden. Gibt es auch im Berufsalltag Grenzen der Toleranz mit den Arbeitskollegen?
Wir sind letztlich Resonanzkörper. Wenn jemand dauerhaft „bad vibrations“ von sich gibt und so die Atmosphäre vergiftet, muss man ihm das sagen und ihm Grenzen setzen. Auch hier geht es im Kern meist um eine Berufungsfrage: Bin ich berufen oder getrieben? Getriebene Menschen können die Resonanz von anderen oft nur noch schwer wahrnehmen. Sie setzen knallhart ihre Ziele durch. Andere Menschen sind für sie nur Erfüllungsgehilfen. Solche Menschen sind gefährlich. Darum muss man sie begrenzen.

Wie gehe ich damit um, irgendwie und immer weiter zur Erkenntnis zu gelangen, dass aus einem familiären Leben, wie ich es von daheim relativ positiv konnotiert kenne, anscheinend nichts mehr wird?
Jede Zeit hat ihre besondere Herausforderung. Und jede Generation von Entscheidern muss diese Herausforderungen meistern. Das Paradigma unserer Zeit, also die Hintergrundstrahlung mit der wir heute leben müssen, ist das Phänomen der Beschleunigung. Unser Leben wird immer schneller. Das hinterlässt den Eindruck: “so wie früher, das geht heute nicht mehr”.  Stimmt. Dieses beschleunigte Klima stresst alle Beteiligten in der Familie. Aber eben das jetzt neu zu gestalten ist die Herausforderung. Schöpferische und innovative Antworten hierzu kann man in der Bibel finden. Man muss die alten Texte nur neu in unsere Zeit hinein übersetzen. Die Bibel ist sensationell zukunftsorientiert.

Wie soll ein unfreiwilliger Single mit seiner eigenen Sexualität umgehen, insb. in Anbetracht der anscheinend davonlaufenden Zeit?
Sexualität ist im Kern die Suche nach Ganzheit. Ein Mensch allein ist nicht genug. Der Mensch, geschaffen als Mann und Frau, hat eine Bestimmung: Er darf in seine Gott-Ebenbildlichkeit hineinwachsen. Das hat eine ganz dynamische und potente Seite, denn das Spannungsfeld zum anderen Geschlecht ist ja eine kraftvolle Starkstromzone. Schlussendlich geht es ja dabei auch um die nächste Generation, um eine neue Schöpfung. Singles haben ihren eigenen Part in dieser Dynamik. Ich habe beeindruckende Menschen kennengelernt, die bewusst ledig und als Starkstromleiter der Liebe Gottes eine kraftvolle Berufung leben. Unfreiwillige Singles leben in dem Zustand zwischen “würde gerne, finds aber nicht”. Nach meiner Erfahrung, ist die Fähigkeit, sich zu entscheiden in dieser beschleunigten und grenzenlosen Zeit nicht leichter geworden. Dietrich Bonhoeffer hat den Satz geprägt: “Nicht im Möglichen schweben, sondern das Wirkliche tapfer ergreifen.” Das geht in die richtige Richtung. Das Leben wächst bei Ja und Nein. Richtig ist, dass auch diejenigen, die den Schritt in die verbindliche Beziehung noch nicht gefunden haben, mit ihrer Sexualität umgehen müssen. Das braucht Geduld, Weisheit, Gott-Vertrauen. Der Drang, die unerfüllte Sehnsucht zur Ganzheit zu gestalten, ist kraftvoll. Wichtig ist, dass diese Sehnsucht vital bleibt und immer wieder ins Licht kommt. Dass es Menschen gibt, mit denen man darüber sprechen kann. Wenn sich der Druck allein nach innen wendet, dann kann aus einer Sehnsucht eine Sucht entstehen, die uns nicht gut tut.

Was, wenn man „nur“ im Beruf Erfolg hat, aber eben nicht im Privaten?
Das alte Sprichwort sagt: “Glück in der Liebe, Pech im Spiel.” Und es scheint auch umgekehrt zu gelten. Das ist die ganz menschliche Sicht der Dinge. Als Nachfolger von Jesus Christus stelle ich mir eine ganz andere Frage: Wie hat Jesus gelebt – der Mann, in dessen Lebensstrom ich selber leben lernen möchte. War Jesus erfolgreich? Hatte er es auf Karriere abgesehen? Nach menschlichem Ermessen war er das ganz sicher nicht. Er hatte keinen Erfolg. Aber sein Leben wurde unendlich fruchtbar. Wir müssen lernen zwischen Frucht und Erfolg zu unterscheiden, sonst wird unser christlicher Ansatz korrumpiert. Hilfreicher als die Frage “was macht mich erfolgreich?”, ist die Frage: “was macht mich lebendig?” Wer dem auf die Spur kommt, der kommt der Frucht-Linie bald sehr viel näher, als der Erfolgsspur. Und wer weiß, was ihn lebendig macht, der steckt damit auch andere an.

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