Fontis-Blog

Die Schweiz und ihr Geheimnis: Heidi – die berühmteste Schweizerin

Anlässlich des Schweizer Nationalfeiertags am 1. August startet heute die dreiteilige Blog-Serie „Die Schweiz und ihr Geheimnis“. Kurt Beutler, Autor des gleichnamigen Buches, stellt die wohl berühmteste Schweizerin vor: Heidi. Von Kurt Beutler
Die berühmteste Schweizerin ist Heidi. Dies jedenfalls erklärte mir jener syrische Asylsuchende, der ebendiesen Namen für seine Tochter ausgewählt hatte. Er erzählte, dass er die Geschichte von Heidi und dem Geißenpeter schon von klein auf geliebt habe und sich darum für seine Tochter keinen anderen Namen hätte vorstellen können. Durch ihn wurde mir bewusst, dass das Mädchen aus den helvetischen Alpen weltweit bekannt und beliebt ist. Wer „Heidi“ googelt, der trifft tatsächlich eine ganze Reihe von Superlativen an. Dieses Buch sei das mit Abstand bekannteste Werk der gesamten Schweizer Literatur, habe es doch eine Gesamtauflage von über fünfzig Millionen Exemplaren erreicht. Es gehöre zu den bekanntesten Kinderbüchern überhaupt und zu den am meisten übersetzten Büchern der Welt (über fünfzig Sprachen). Als Johanna Spyri 1881 die Geschichte schrieb, soll sie damit sogar eine neuartige Literaturgattung geschaffen haben, kann man da erfahren. Zum ersten Mal in der Geschichte sei ein Buch aus der Perspektive eines Kindes geschrieben worden.
Die Geschichte des bekanntesten Schweizer Mädchens
Das Buch beginnt schon im ersten Kapitel damit, dass Heidis Tante Dete das Kind los sein will. Sie bringt es fertig, sie auf den lebensfeindlichen Berg ausgerechnet zum Alpöhi zu bringen, vor dem sich sogar die Erwachsenen fürchten. Doch Heidi fühlt sich auf dem Berg sofort wie ein Fisch im Wasser. Sie fürchtet sich nicht vor dem gewaltigen Alpenwind und kann mit dem verbitterten Großvater genauso umgehen wie mit dem genauso eigenbrötlerischen Geißenpeter. Eines Tages schickt sie die Kleine völlig überraschend in das ferne Frankfurt zur wohlhabenden Familie Sesemann. Dort soll sie nicht nur lernen, artig zu sein, sondern auch zu lesen und zu schreiben. Dies sind allerdings nur vorgeschobene Gründe. In Wirklichkeit ist sie geholt worden, um die Einsamkeit der gelähmten Klara erträglicher zu machen. Doch schrittweise zieht Heidi sich in sich selbst zurück und wird seelisch krank. Sie isst und freut sich nicht mehr und erschreckt das ganze Haus dadurch, dass sie schlafwandelt. Der Arzt ist es schließlich, der sie rettet und schickt Heidi wird wieder auf die Alp zurück, wo schließlich die gesamte Frankfurter Familie sie besucht. Auf wundersame Weise führt der Besuch der Familie auf der Alp zur Heilung der gelähmten Klara. Zudem versöhnt sich der Alpöhi nicht nur mit Gott und den Menschen, sondern zieht sogar um – zurück in sein Haus im Dorf, das er nun mit dem deutschen Arzt teilt, welcher Heidi sogar als seine Erbin einsetzt.
„Heidi“ erschließt sich aus dem Leben der Autorin
Viele Deutungen der Heidi-Geschichte sind versucht worden. Wer den Sinn des Buches verstehen will, muss im Leben der Autorin suchen. Im Stadthaus von Zürich soll Johanna Spyri 1879 den ersten Teil des Heidi-Romans innerhalb von vier Wochen geschrieben haben. Er kam direkt aus ihrem Herzen, weil das, was darin steht, ihre eigenen Gefühle und Erfahrungen ausdrückt. Sie war zwar kein Waisenkind, aber sie war auch auf dem Land aufgewachsen und hatte zu einem Anwalt mitten in die Stadt Zürich geheiratet. Während ihr Vaterhaus immer voll von Menschen gewesen war, hatte ihr Ehemann keine Zeit für Gäste. Es geht in der Heidi-Geschichte überhaupt nicht um versteckte Anspielungen auf politische und wirtschaftliche Entwicklungen, sondern um das Innenleben eines Menschen. Die Autorin hat ja ebenso wie das Heidi eine psychische Krankheit durchgemacht, und zwar eine längere. Wie viel ihre unglückliche Ehe dazu beigetragen hat, können wir nicht sagen. Jedenfalls gebar sie nur einen einzigen Sohn und wurde während der Schwangerschaft von Depressionen übermannt. Früh schon zeigte sich, dass der Sohn kränklich war und nicht lange leben würde. Aus derart schwierigen Situationen wurde der Glaube geboren, von dem sie in der Heidi-Geschichte erzählt.
Das Besondere: Feinfühlige Beschreibungen des Zwischenmenschlichen
Was das Buch so ergreifend macht, ist tatsächlich nicht nur die Erzählung selbst, sondern es sind die feinfühligen Beschreibungen von zwischenmenschlichen Beziehungen und Gefühlen. Nicht nur Landschaftsbeschreibungen, sondern auch Gespräche und Handlungen von Personen werden oft dazu benutzt, um tiefe innerliche Regungen auszudrücken. Die christliche Seite der Geschichte kommt bei Kritikern offensichtlich schlechter an als bei den Lesern. Von „schwärmerisch-pietistischer Frömmigkeit einer vergangenen Zeit“ zeuge das Heidi-Buch, wird da etwa behauptet, und dass die religiöse Ausrichtung von Johanna Spyris Werk ihren Geschichten „etwas Unwirkliches“ gebe. Tatsächlich haben denn auch mehrere Verleger alles, was mit dem Glauben zu tun hat, einfach aus dem Text rausgestrichen. Die Geschichte des Waisenmädchens, das sich verblüffenderweise gerade in den rauen Bergen beim verbitterten Alpöhi zu Hause fühlt, dagegen in der fortgeschrittenen, wohlhabenden Großstadt seelisch krank wird, bleibt bei diesen Verlegern trotzdem erhalten. Aber das, was Johanna Spyri eigentlich mit dem Buch sagen wollte, geht dann verloren. Darum verstricken sich manche Ausleger der Heidi-Geschichte in politischen Dimensionen und lesen Aussagen in das Buch hinein, die völlig erfunden sind, weil sie das, was offensichtlich dasteht, nicht wahrhaben wollen. Es ging Johanna Spyri offensichtlich in erster Linie darum, zu zeigen, wie der Glaube in den schwierigsten Lebenssituationen helfen kann. Das Buch enthält keineswegs theoretische, weltfremde Religiosität, sondern zeigt einen Glauben, der erst durch Lebenserfahrung entsteht und ganz praktisch hilft, den Alltag zu bewältigen. Natürlich begegnet Heidi dem Gottvertrauen weder bei der egoistischen Dete noch beim verbitterten Alpöhi oder dem einfältigen Peter, wohl aber bei dessen blinder Großmutter. Deren Glaube kann nun wirklich nicht als schwärmerisch bezeichnet werden, hat sie doch selber über viele Jahre sogar die Liedertexte vergessen, die sie so gerne singen möchte. In ihrer Blindheit, Armut und Krankheit hätte sie allen Grund, einen verbitterten, unausstehlichen Charakter zu entwickeln. Sie verlangt aber vom Leben nichtmehr, als ihr jemanden zu schicken, der aus dem Gesangbuch vorlesen könnte. Sie, die nicht nur ihren Sohn und ihr Augenlicht, sondern auch sonst so ziemlich alles verloren hat, was anderen Leuten Lebensfreude schenkt, ist keineswegs in Selbstmitleid und Anschuldigungen versunken. Kälte, Hunger, Schmerz, Verlust und Angst sind ihre täglichen Begleiter. Sie empfindet aber trotzdem die Güte Gottes und findet Grund, für die kleinsten Dinge dankbar zu sein. Man kann sie um diesen Glauben nur beneiden! Auch in Frankfurt begegnet Heidi dem Glauben, und zwar bei Klaras Großmutter, der großen Pädagogin des Buches. Sie vollbringt ein wahres Wunder, indem sie Heidi davon überzeugt, dass sie lesen und schreiben lernen kann. Als Einzige erkennt sie die psychische Not des Kindes und akzeptiert auch, dass dieses sich niemandem mitteilen will. Ganz weise ermutigt sie das Schweizer Mädchen, seine Not stattdessen insgeheim mit Gott zu besprechen, was dieses auch mit Freuden tut. Das ist sicher realistisch, denn Kinder lieben es im Allgemeinen, zu beten. Später zweifelt sie aber, weil Gott ihre Gebete nicht erhört. Die Großmutter erklärt ihr, dass dies nicht das Ende der Geschichte sein müsse. Gott höre sie sehr wohl, wisse aber besser, wann und wie er die Gebete erhören wolle. Dieser Satz mag zunächst wie ein billiger Trost erscheinen. Er wird aber für Heidi kostbar. Als sie dann tatsächlich eines Tages völlig überraschend in die Schweiz zurückfahren darf, erkennt sie, dass dies der richtige Moment ist. Wären ihre Gebete früher erhört worden, so hätte sie Frankfurt wieder verlassen, ohne lesen zu lernen. Und gerade diese Fähigkeit wurde später mehrfach wertvoll.
Wo steckt Gott in der Geschichte von Heidi?
Viele Seiten lang wird Gott im Heidi-Buch gar nicht erwähnt. Und doch wird er mit dem Fortgang der Handlung zunehmend wichtiger. Ohne ihn hätte die Geschichte trotz aller positiven Entwicklungen kein derart tiefgreifendes Happy End. Überschäumende Freude erlebt Heidi bei ihrer Rückkehr nicht nur beim Anblick der wunderschönen Berge und der im Abendrot aufflammenden Felshörner mit dem Schneefeld, sondern vielmehr noch beim Danken dafür, dass ihre Rückkehr dem Handeln des lieben Gottes zuzuschreiben sei und dass dieser „alles noch viel, viel schöner gemacht habe, als sie es je gewusst“ habe. An zentralen Stellen wird der Glaube eingeflochten. Heidi liest die Geschichte vom verlorenen Sohn dem Alpöhi vor, der zwar wenig darauf antwortet, aber zutiefst davon berührt wird. Er erkennt sich als verlorenen Sohn, hatte er doch in seiner Jugend beim Spiel sein ganzes Erbe verjubelt und seine eigenen Eltern mit Kummer ins Grab gebracht. An dieser Geschichte zerbricht seine jahrzehntelange Überzeugung, dass es für ihn keine Vergebung und kein Zurück geben könne. Tief berührend wird sein erster Gang zur Kirche und seine Versöhnung mit den Dorfbewohnern geschildert.
Die Autorin lebt in ihren Büchern weiter
Johanna Spyri hat noch eine ganze Serie anderer Bücher geschrieben. Dabei stellt sie sich immer auf die Seite von Kindern und jungen Frauen, die sich in Extremsituationen befinden. Sie macht sich keine Illusionen über die Welt, sondern stellt die Bosheit der Menschen ohne Hemmungen dar. Oberflächliche Lösungen gibt es bei ihr nicht. Immer und immer wieder dringt ihre Überzeugung durch, dass nur ein tiefer Glaube dieser Welt einen Sinn abringen kann. Offensichtlich tischt sie dabei keine Theorien auf, sondern erzählt ihre eigene Lebenserfahrung. Als sie einst aufgefordert wurde, ihre Biografie zu schreiben, soll sie geantwortet haben: „Wer denn richtig zu lesen versteht, wird mich in allen meinen Büchern finden.“
Dieser Text ist Kurt Beutlers Buch „Die Schweiz und ihr Geheimnis“ entnommen (Fontis, 2016). 
Am Freitag erscheint Teil 2 dieser Blog-Reihe. Darin beschreibt Kurt Beutler, was die Schweiz seit ihrer Gründung durch die Eidgenossen im Jahre 1291 so einzigartig macht.
Im dritten und letzten Teil erklärt Kurt Beutler, „wie die Schweiz neutral wurde“.

 

Kurt Beutler ist Autor von „Die Schweiz und ihr Geheimnis“. Mit der Schweiz kennt er sich bestens aus – schließlich ist er Schweizer. Er studierte in Bern und London Theologie und arbeitete dann als Pastor in Bern. Nach mehreren Auslandsaufenthalten in Japan, Ägypten und im Libanon ist er nun interkultureller Berater bei MEOS in Zürich.

 

 

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