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Die mit dem Zeitgeist tanzt

Blog_Zeitgeist_Kirstine Fratz

Der Umgang mit dem Zeitgeist ist wie ein Tanz auf dem Drahtseil: Auf der Suche nach einem gelungenen Leben hechelt man entweder hinterher oder ist ganz vorn dabei. Auch dabei: die Angst, den Anforderungen der Zeit nicht zu genügen. Im Interview erklärt Zeitgeist-Expertin Kirstine Fratz, wie man mit dem Zeitgeist tanzt, ohne dabei aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Frau Fratz, Sie sind Zeitgeist-Expertin und Trendforscherin. Wie sieht ein typischer Tag für Sie aus?

Eigentlich habe ich gar keine typischen Tage im klassischen Sinne. Wenn es einen roten Faden gibt, dann gehört sicherlich dazu, dass ich jeden Tag damit beschäftigt bin Informationen, Insides und Impulse zu filtern, um etwas Neues über den Zeitgeist zu erfahren. Das kann in Form von Social Media sein, aber auch klassische Medien, Meetings, Treffen, Konferenzen, Workshops und Gesprächen auf dem Spielplatz. An einem typischen Tag werfe ich sozusagen die Netze aus, um frische Zeitzeichen einzufangen.

Wie wird man eigentlich Zeitgeist-Experte? 

Schon als Kind war ich fasziniert von fremden Kulturen, davon wie dort gelebt, gedacht und geglaubt wurde. Ich fand es extrem spannend, dass die Konzepte von Ethik, Moral und Lebenssinn von so vielen Gesellschaften auf der Erde immer wieder anders gedacht werden konnten. Zwischen diesen Welten hin und her zu wandern war mir eine große Freude und so beschloss ich Kulturwissenschaften zu studieren. Ich lernte mich dem Fremden zu nähern und das Andersartige zu verstehen. Dabei verstand ich auch, dass meine eigene Glaubenswelt, also mein Kulturkreis, nicht statisch ist, sondern immer in Bewegung und für diese Bewegung sorgt der Zeitgeist – er bringt das Neue in die Welt und damit die Veränderung. Also wurde mein neues Forschungsgebiet das Neue und nicht mehr das Andere und ich zur Zeitgeist-Expertin.

Wie kann man die Entwicklung von Trends frühzeitig erkennen?

Neue Trends entstehen meist aus Spannungsfeldern in der Gesellschaft. Ein Trend betont oft bestimmte Bedürfnisse von Menschen, wie z.B. das Aktuelle nach Selbstoptimierung. Herrscht dieser Trend dann eine Weile, werden andere Bedürfnisse vernachlässigt. Daraus entsteht ein Mangel, ein Spannungsfeld. Um wieder in die Balance zu kommen entspringt aus diesem Feld ein neuer Trend, welcher das entstandene Bedürfnis befriedigt. Anstatt einem herrschenden Trend hinterher zu hecheln ist es ratsam, ihn im Blick zu behalten, um zu erkennen, wann er kippt und wie dort das Neue in die Welt kommt in Form von Innovationen, Produkten, Services, Filmen etc., die bereit sind, die neue Zeitgeist-Welle einzuleiten.

Von welchen Trends werden wir in Zukunft häufiger hören?

Von der „Konservativen Avantgarde“. Wir haben es gegenwärtig mit einem sehr individualisierten Zeitgeist-Teilnehmer zu tun, der sein Leben frei gestalten kann und eine Konsumwelt vorfindet, die sehr darum bemüht ist, alles auf seine persönlichen Vorlieben auszurichten. „Non-Stop You“ nennen wir das Phänomen. So sind wir gerade ständig dazu aufgefordert, herauszufinden, wer wir wirklich sind und was wir eigentlich wollen, umgeben von disruptiven Entwicklungen im digitalen Bereich, in der Wirtschaft, im Klima, in der Weltpolitik. In dieser Zeitgeist-Dynamik entsteht gerade ein Mangel an Stabilität. Dieser wird zunehmend damit ausbalanciert, dass man versucht mental zu reifen, um sich selbst in seiner Freiheit Stabilität zu geben. Das Thema Erwachsenwerden wird gerade in vielen Lebensbereichen, in der Werbung, in Start-ups, Büchern etc. neu gespielt und wirbt mit dieser stabilisierenden mentalen Reife. Die Themen Bewusstheit, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit spielen dort auch mit rein. Es geht allerdings nicht darum, das Individuum wieder in althergebrachte konservative Strukturen zu bringen – der Geist geht nicht zurück in die Flasche – sondern darum, eigene Werte zu etablieren und sich den Prozess zuzutrauen, diese auch zu leben. Auch wenn das mit Schmerzen, Scheitern und Wachstum einhergeht. Es geht darum, stabile Werte für sich auszumachen und diese auf seine persönliche Art im Leben umzusetzen. Eben konservativ aber auch avantgardistisch.

In „Das Buch vom Zeitgeist“ schreiben Sie, dass der Zeitgeist Macht hat über uns Menschen – besonders in der Rolle des Konsumenten. Wie und in welchen Lebensbereichen äußert sich diese Macht?

Zeitgeist ist ein temporäres Versprechen für ein gelungenes Leben. Es gibt immer Karrieren, pädagogische Konzepte, Ernährungspläne, Traumfrauen, Traummänner und Traumfamilien, die gerade in einem Zeitgeist ganz weit vorne sind und daran orientieren wir uns und glauben, wenn wir auch dort ankommen, ist unser Leben gelungen. Die Konsumwelt weiß um diese Sehnsucht und bietet Produkte und Services an, die es uns ermöglichen, diese aktuellen Zeitgeist-Ziele zu erreichen. Und so sind wir bereit, Zeit, Geld und Einsatz zu investieren damit sich unsere Sehnsucht erfüllt. Uns zu diesem Verhalten anzuhalten ist eine große Macht.

Welche Möglichkeiten gibt es, aus dem „Teufelskreis“ des Zeitgeistes auszubrechen? Wie kann man mündig mit dem Zeitgeist umgehen?

Mit Bewusstheit bekommt man immer Abstand. Wer sich die Zeitgeist-Dynamik bewusst macht und versteht, wie er uns vorantreibt, hat das System schon durchschaut. Dann ist man in der Lage selbst zu entscheiden wie weit man in den Zeitgeist einsteigt oder ihn für seine Zwecke nutzt. Die Kunst ist es, mit der Zeit zu gehen, ohne sich in ihr zu verlieren. Der Zeitgeist ist die Grundspannung des Lebens, der Geist, in dem wir aufwachsen prägt uns und der Geist, in dem wir erwachsen sind, fordert uns. Das allein sind zwei Zeitgeister und da kommen noch mehr im Laufe des eigenen Lebens dazu. Und jeder kommt mit neuen Ideen von einem gelungenen Leben. Es hilft schon, dem Treiben amüsiert zuzusehen, sich inspirieren zu lassen und sich ansonsten nicht aus der Ruhe bringen zu lassen – das macht schon sehr mündig.

Welche Sehnsucht steckt hinter dem Zeitgeist-Phänomen bzw. dem Versuch, das eigene Leben nach Zeitgeist-Maßstäben zu leben?

Die Sehnsucht dies zu tun, ist in unseren emotionalen Grundbedürfnissen verborgen. Innerhalb einer Gesellschaft streben wir nach Orientierung, Zugehörigkeit, Anerkennung, Status etc. Die Inhalte und der Weg, wie man diese Attribute erlangt, gibt der jeweilige Zeitgeist vor. Heute bekommt man gesellschaftliche Anerkennung auf eine andere Art und Weise wie vor 50, 100 oder 500 Jahren. Und in 50, 100 oder 500 Jahren werden diese Themen vom Zeitgeist wieder anderes definiert sein. Als Kulturwesen und Zeitgeist-Teilnehmer sind wir bestrebt, unsere emotionalen Grundbedürfnisse zu erfüllen und nutzen die Zeitgeist-Orientierung, um dieses zu tun. Das führt dazu, dass wir unser eigenes Leben nach Zeitgeist-Maßstäben ausrichten.

Was bedeutet das für christliche Kirchen, Gemeinden und Institutionen?

Die Kirche ist natürlich vom Zeitgeist betroffen, aber nicht von ihm abhängig. Die großen Themen wie Glaube, Hoffnung und Liebe stehen über dem Zeitgeist und sollten von Seiten der Kirche auch dort stehen bleiben. Dabei gilt es, den Zeitgeist-Teilnehmer in seiner Not, dem aktuellen Zeitgeist zu genügen, zu sehen und zu erkennen. Jeder muss für sich einen Platz zwischen Zeitgeist und Ewigkeit finden. Dafür braucht es Verständnis. Die Kirche und die Institution können Wege und Begleitung anbieten, diesen Platz zu finden und zu sichern.

Wie können Christen vom Zeitgeist profitieren – denen man im Allgemeinen eher nachsagt, sie seien nicht gerade „up to date“?

Wenn man grundsätzlich vom Zeitgeist profitieren möchte ist es wichtig, die herrschenden Ideale und Glaubenssätze nicht zu verurteilen, sondern sich fragen, was das alles zu bedeuten hat. Dann erkennt man die versteckten Motivationen dahinter, den Mangel und die Sehnsucht. Hat man das einmal im Blick, kann man, glaube ich, seine eigenen Werte entspannter Leben und hat auch neue Ideen wie man sie im Zeitgeist-Kontext vermitteln kann. Vielleicht müssten dann einige Christen nicht mehr mit dem Zeitgeist auf Kriegsfuß stehen, sondern könnten ihn als liebenswerten Gigolo der Gesellschaft anerkennen und sich und anderen dabei helfen mit dem Zeitgeist zu tanzen, ohne dabei aus dem Gleichgewicht zu geraten.

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