Fontis-Blog

Das Lektorats-Dilemma

Aus dem Lektorat

Wenn das Manuskript von Freunden kommt …

Ich schrieb es schon beim letzten Mal: Von 300 unaufgefordert eingeschickten Manuskripten wird bei unserem Verlag im Durchschnitt höchstens ein einziges jemals zu einem gedruckten Buch. Die Chance liegt für den nervösen Einsender also bei etwa 0,3 Prozent. Ich gebe zu: Das ist nicht viel! Wir sagen das den potenziellen Autorinnen und Autoren immer schon gleich zu Beginn, damit wir auf einer realistischen Basis miteinander kommunizieren können. Gleichzeitig kann ich wirklich mit gutem Gewissen behaupten: Wir vom Brunnen Verlag Basel prüfen all die eingesandten Manuskripte sehr aufmerksam und mit grossem Interesse. – Wie aber soll man reagieren, wenn das Manuskript, das man auf den Tisch kriegt, von einem Freund geschrieben wurde? Oh, das ist heikel! …

Es kommt gar nicht mal so selten vor, dass ich den Schreiberling eines vor mir liegenden Textes persönlich kenne. Und meistens spielt dieser seinen «Trumpf» auch gleich grosszügig aus und legt seinem Manuskript noch einen persönlichen Brief bei.  «Lieber Christian, du weisst ja, ich bin der Hickler Schorsch, und wir beide kennen uns ja nun schon seit 1984. Ich hatte dich seinerzeit zum Nachtessen in den Club Amadeo eingeladen.» Oha, denkt man sich als Lektor beim Lesen des Briefes, stimmt, ja, da war doch was – und fühlt sich gleich mal tüchtig befangen. Trotzdem versucht man, unvoreingenommen an die Sache heranzugehen, wohlwissend, dass ein höchstwahrscheinlicher Absagebrief unter diesen Umständen nicht ganz einfach werden wird. Denn das Letzte, was man als Lektor ja will, ist, irgendwelche Autoren zu verletzen oder zu brüskieren. Oder alten Weggefährten weh zu tun …

Gerade letzthin ist es mir wieder passiert. Da drückte mir ein lieber Kamerad, inzwischen schon 80 Jahre alt geworden, sozusagen aus dem Nichts strahlend sein Manuskript in die Hände. «Christian, hier, zur Veröffentlichung im Brunnen Verlag! Tolle Sache! Du wirst staunen!» Ich war perplex. «Oh, hmm … ja … merci. Ich werd’s prüfen …» Das Manuskript war dann durchaus nicht schlecht. Mein alter Kumpan resümierte sein gesamtes Leben, erzählte alle Geschehnisse, erklärte sie, wertete sie und deutete sie auch geistlich. Ein grosser Teil des Textes war seiner Gottesbeziehung gewidmet. Im Manus kamen auch alle vor, die er je kennen gelernt hatte: seine Eltern, seine Verwandten, seine Frau, seine Kinder, seine Freunde, seine Feinde (!), seine Bekannten (darunter ich selber!), die Mitglieder seiner Kirchengemeinde. Alles prima geschrieben und ganz gewiss sehr gut gemeint.

Bloss: Wer sollte das lesen? Wen auf diesem grossen Planeten sollte so etwas interessieren? Wer – ausser der Familie und ein paar wohlwollenden Bekannten – würde so ein Buch überhaupt kaufen und anschauen wollen??? Nach langem Überlegen sagte ich meinem lieben alten Freund ab. Ich erklärte ihm die Beweggründe des «Njets», rang nach Worten, um ihn nicht zu enttäuschen oder zu verletzen, und ich pries auch bewusst all das Gute und Gelungene im Text. Aber der Schuss ging natürlich nach hinten los. Er begriff meine/unsere Absage nicht. Aus seiner Sicht wären seine Memoiren fürs Reich Gottes eine gewaltig grosse Sache gewesen und hätte vielen Menschen ein Wegweiser und eine Tür zum Heiland dieser Welt sein können … Während ich als Lektor und Verleger gleichzeitig wusste, dass wir von so einem Buch kaum mehr als 250 Exemplare würden verkaufen können. Im besten Fall 300 …

So verlor ich einen Freund. Und die Welt verlor nicht nur sein Manuskript, sondern auch ihn. Denn vor einigen Wochen ist Floro gestorben. Sein Buch ist nie verlegt worden. Aber ich weiss: Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute seiner Existenz ist aufgezeichnet im grossen Buch des Lebens; jeder einzelne Augenblick war es wert, gelebt zu werden, (un)veröffentlichte Memoiren hin oder her. Gott, sein Schöpfer, war immer bei ihm und hat alles gesehen, jederzeit und überall.

Trotzdem: Vielleicht entscheiden sich ja seine Familienmitglieder, seine Memoiren doch noch in eine «Book-on-demand»-Internetdruckerei zu schicken und auf diese Weise in ganz kleiner Auflage – sagen wir: 60 Exemplare – für seine nächsten Angehörigen zu drucken und all diesen dann zu verschenken. Das ist ja heute der Vorteil dieser «Book-on-demand»-Technologie. Für einen Verlag sieht das alles aber ganz anders aus: Wenn wir nicht hoffen dürfen, von einem Buch mindestens 2000 Exemplare verkaufen zu können, wissen wir vom ersten Tag an, dass wir mit dem Projekt leider niemals aus den roten Zahlen herauskommen werden … Ich bin gewiss: Heute wirst Du das verstehen, Floro. Alles liebe Dir, Gott befohlen!

Christian Meyer

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