Fontis-Blog

Das Geheimnis der leeren Hände

Frauke Menger 5

Dr. Dominik Klenk, Geschäftsführer und Verlagsleiter von Fontis Basel, schreibt über die Kunst, der modernen Beschleunigungs-Prognose und Burnout-Gefahr mit leeren Händen entgegenzuwirken. Dazu beschreibt er das Februar-Bild des neuen Kalenders «Vom Wort bewegt 2021», der von der Sandart-Künstlerin Frauke Menger gestaltet wurde.

Das einzige, was im Laufe deines Lebens von alleine wächst, sind die Aufgaben, in die du gestellt bist. Du hast studiert, vielleicht heiratest du, du übernimmst Verantwortung, du machst Karriere, du engagierst dich in der Gemeinde, du versorgst deine Sippe. Und ja – wenn du dich bewährst, bekommst du immer noch mehr Gelegenheiten, deine Leistungsfähigkeit zu zeigen. 

So weit so fordernd, wenn da nicht eh die fluide Hintergrundstrahlung wäre, die unsere späte Moderne kategorisch von allen anderen Zeiten unterscheidet: Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hat sich unser Leben so exponentiell beschleunigt, wie in den letzten zwei Generationen. Genaugenommen hat sich die psycho-soziale Geschwindigkeit unseres Lebens in den letzten 60 Jahren alle 20 Jahre verdoppelt. Vielleicht eine gewagte These. Vielleicht aber auch eine treffende Realität. 

Wie oft hat dein Großvater vor 60 Jahren das Dorf verlassen und wie mobil lebst du heute? Wie oft hat in deiner Kindheit das Telefon zuhause geklingelt und mit welcher Kommunikationsfrequenz wirst du heute von deinem Smartphone bespielt? 

Die Kombination aus «wachsenden Aufgaben» und «beschleunigtem Leben» bringt eine schleichende Veränderung unseres emotionalen Aggregatzustandes mit sich, bei dem wir alle aufpassen müssen, dass unser Leben nicht «verdampft». Wir drohen zu verrauchen. Bestenfalls für den Moment. Schlimmstenfalls mit Diagnose: Burn-out.

Die Frage, wie wir unter diesen sich wandelnden Bedingungen ausdauernd leben können, ohne auszubrennen, ist eine grundlegende. Sie betrifft uns alle. Aber sie wird kaum gelehrt. Selten im Elternhaus, kaum in der Schule und gar nicht an den Universitäten. Was bleibt also übrig, als sich an die Fersen der Menschen zu heften, die im Schlamassel latenter Überforderung Neuland gewonnen haben. Neudeutsch nennen wir das Relienzbewusstsein.

Der schwedische Politiker Dag Hammarskjöld war Ende der 50er Jahre UN-Generalsekretär mit einem Terminkalender, wie er – diesem Amt geschuldet – voller nicht sein kann. Gleichzeitig war er Schriftsteller, Poet, eine musische Seele, ein evangelischer Christusmystiker, jemand mit einem vitalen Draht nach oben. Jemand, der über außergewöhnliche Ressourcen verfügte. In einem Interview wurde er einmal gefragt, wie er es schaffe trotz der Überfülle von Aufgaben und Anforderungen vital und kreativ zu bleiben. Sein Geheimnis, so Hammarskjöld, sei ganz einfach: «Jeden Morgen Gott meine leeren Hände wie eine Schale hinhalten». 

Jeden Morgen meine leeren Hände Gott wie eine Schale hinhalten. Nur wenn du die wesentlichen Dinge zeitweise aus der Hand gibst, kannst du loslassen. Nur wer loslässt, hat leere Hände. Nur wer leere Hände hat, kann wieder neu empfangen. Die leeren Hände sind das Geheimnis neuer Offenbarung. Und dann können wir erfahren, dass Gott hinzugibt, was fehlt: «Bittet, so wird euch gegeben.» (Mt 7,7)

Die Entstehung des Kunstkalenders von Frauke Menger

Den «Vom Wort bewegt»-Kalender 2021 kannst du hier bestellen: CH oder D.

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