Fontis-Blog

Daniel Ryba: Im Kampf für die Pressefreiheit

Ein 27-jähriger slowakischer Journalist wird für seine herausragende investigative Arbeit geehrt – doch den Preis kann er nicht mehr selbst entgegennehmen. Ján Kuciak starb, als er mit seiner Arbeit für die Pressefreiheit kämpfte. Daniel Ryba, selbst Slowake, hat im Fall Ján Kuciak recherchiert und zum Internationalen Tag der Pressefreiheit einen kritischen Blick auf die aktuelle Lage in der Slowakei geworfen.
Eigentlich könnte ich mich freuen. Eigentlich könnte ich stolz sein auf einen außergewöhnlichen jungen Landsmann, der diese Woche in Berlin für seine Arbeit ausgezeichnet wird. Ein junger Kollege aus der Branche, in der auch ich tätig war, wird in Berlin geehrt. Man hat für ihn sogar einen Sonderpreis geschaffen. Die Axel-Springer-Akademie vergibt eine Auszeichnung an einen erst 27-jährigen slowakischen Investigativ-Reporter. Die Auszeichnung für die herausragende Arbeit eines jungen Journalisten im nicht-deutschsprachigen Raum wird aber nicht direkt an ihn, sondern an seine Schwester sowie an Kollegen seiner Redaktion übergeben.
Ján Kuciak, so heißt der talentierte junge Mann, lebt nämlich nicht mehr. Er bleibt für immer 27. Wäre er ein Rockmusiker, würde er jetzt zu dem berühmten „Club 27“ gehören. Aber er war nicht lebensmüde und starb auch nicht an einer Überdosis Heroin. Ján Kuciak wurde im Februar diesen Jahres zusammen mit seiner Verlobten in ihrem Haus in der Slowakei ermordet. Es bestehen keine Zweifel, dass die beiden wegen Kuciaks investigativer Arbeit ermordet wurden. Er recherchierte zuletzt an Verbindungen zwischen den slowakischen Regierungskreisen und der kalabrischen Mafia ‚Ndrangheta.
Tod durch Überdosis Wahrheit?
Man könnte meinen, das Schicksal von Ján Kuciak hat eine Überdosis Wahrheit bestimmt. Ist aber eine Überdosierung mit Wahrheit überhaupt möglich? Gibt es eine kritische Menge, bei der Wahrheit toxisch wird? Wahrheit ist doch eher ein mächtiges natürliches Heilmittel. Ján hat sich für eine bessere Zukunft seines Landes eingesetzt, er hat an eine Slowakei geglaubt, die ein guter Ort zum Leben ist. Musste er deshalb sterben? Wir kennen seinen Mörder noch nicht, auch nicht dessen Auftraggeber. Aber wir wissen, dass an Jáns Tod Kräfte schuld sind, die sich gegen die Enthüllung der Wahrheit wehren. Nun, wenn sich ein Organismus gegen eigene Zellen und Strukturen richtet, wenn er das Wahre und Gesunde in sich als feindlich erkennt und wenn er es letzendlich aggresiv behandelt oder sogar tötet, können wir sicher sein, dass er selbst ernsthaft krank ist.
Slowakei auf Rang 27 der Pressefreiheit
Es ist nicht in einem repressiven oder autoritären Regime passiert. Der junge Enthüllungsjournalist wurde in einem mitteleuropäischen Land ermordet, in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union. Auf der Rangliste der Pressefreiheit, die „Reporter ohne Grenzen“ jedes Jahr veröffentlicht, steht die Slowakei traditionell im obersten Bereich. Noch vor zwei Jahren war sie auf Platz 12 von 180 Ländern weltweit, höher als Deutschland; voriges Jahr auf Platz 17. Nach dem Mord an dem 27-Jährigen ist die Slowakei zwar auf Platz 27 der Rangliste gerutscht, zählt aber immer noch zu den konsolidierten demokratischen Ländern, die ein relativ hohes Maß der Medienfreiheit genießen. Beim näheren Betrachten erkennt man jedoch Risse in diesem Bild.
Demokratie braucht Journalisten, die unbequeme Wahrheiten aussprechen
Zur Pressefreihet gehört nämlich nicht nur die Existenz unabhängigen Medien, die kritische Meinungen frei äußern können. Zur Pressefreiheit gehört auch ein für journalistische Arbeit freundliches gesellschaftliches Klima. Ein Klima, das sich aus der tiefen Überzeugung entwickelt, dass auch unbequeme Träger der unangenehmen Wahrheit für demokratische Systeme unabdingbar sind.
In vielen Ländern Europas ist aber heute genau das Gegenteil der Fall. Nich nur in der Slowakei „sind Journalisten zunehmend medienfeindlicher Hetze durch Regierungen oder führende Politiker ausgesetzt. Das schafft ein feindseliges, vergiftetes Klima, das oft den Boden für Gewalt gegen Medienschaffende oder für staatliche Repression bereitet,“ klagen „Reporter ohne Grenzen“. Solange Regierungschefs und Staatsoberhäupter Journalisten auf übelste Weise beschimpfen, solange Politiker öffentlich geschmacklose „Witze“ über ihre Vernichtung machen, ihnen mit Strafprozessen oder sogar Gewalt drohen, machen sie sich für die schlimmsten Verbrechen mitverantwortlich.
Die erschütternde Erkenntnis 
Der Mord am jungen Journalisten und seiner Verlobten hat die slowakische Gesellschaft tief erschüttert. Die Zehn- und Hunderttausende, die in Bratislava und vielen anderen slowakischen Städten auf die Straße gingen, demonstrierten gegen die Korruption in den obersten Regierungskreisen und für eine schnelle und lückenlose Aufklärung des Mordes. Ein großer Teil der slowakischen Gesellschaft hat begriffen, dass das Verbrechen auch ein Angriff an die Pressefreiheit und damit ein Angriff an einen grundsätzlichen Wert der Demokratie war. Und es ist wohl kein Zufall, dass die Demonstranten unten dem Motto „Für eine anständige Slowakei“ auf die Straße gingen.

 

Foto: (c) Ladislav Luppa/Wikimedia Commons
Daniel Ryba hat Journalistik in Bratislava und Philosophie in Eichstätt studiert. Er war Verleger und Buchhändler, bei Fontis in Basel leitet er das Verkaufsteam. Privat ist er ein Literatur-, Film-, und Kunstliebhaber.

 

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