Fontis-Blog

BücherLYRIK: Das Kind, das per Post verschickt wurde („Engelspost“ von Iris Muhl)

Engelspost Blog
Der Großindustrielle Eliott White war zu Beginn des 20. Jahrhunderts nichts anderes als ein Hochstapler und Dieb ohne Gewissen. Als er aber im Zug ein verwahrlostes Waisenkind trifft, das wie ein Paket per Post verschickt wird, ändert sich sein Leben radikal. Ein Text von Rebecca Krämer.

«Ein Kind – Wen kümmerte das?»
So erzählt Elliott White, ein Studiogast,
beim New Yorker Radio seine Geschichte.
Geboren 1878, wurde ihm damals schnell das Geld wichtig.
Er behauptete sich als Betrüger und Dieb,
und war Teil der Gesellschaft, die sich für etwas Besseres hielt.

Aufgrund seiner Cousine reiste er 1912 in den Süden der USA,
und siehe da – kaum war er mit dem Zug unterwegs,
traf er ein kleines Mädchen und war von ihr sehr bewegt.
Doch Elliott fragte sich, was da auf ihrem abgetragenen Kleidungsstück klebt.

«Vielleicht eine 50-Cent-Briefmarke?»
Denn es gab eine Zeit, in der man lebendige Ware mit der Post verschickte.
Und so auch dieses Mädchen.
In ihrer Anwesenheit wurde Eliott White’s hartes Herz langsam zunichte.
Ja, das 5-jährige Waisenkind wurde der Wendepunkt seiner Geschichte,
doch fangen wir ganz vorne an.

Kinder hatten damals keine Bedeutung, sie wurden abgegeben, aufgegeben.
Mit ihnen wurde Geld gemacht.
Gleichgültigkeit und Schuldzuweisung wurde ihnen entgegengebracht.
Und auch davon wurde Elliott Zeuge, ja es kam ihm gelegen.
Holte sich seine geklaute Beute, doch die anderen machten deswegen das Kind verantwortlich.

Die Ungerechtigkeit wurde jedoch von dem Mädchen nie erwidert.
Sie trug eine Nettigkeit, und verteilte pure Liebe.
Ihre Art ließ nicht darauf schließen, wie dreckig und verhungert sie doch war.
Sie hat sich von allen anderen unterschieden,
und Elliott wurde klar, dass vielleicht doch noch etwas Anderes in ihm steckt.

Er verspürte plötzlich ein neues Gefühl in sich: Mitleid.
«Es kümmerte ihn doch sonst nichts. Woher kam also dieser Gedanke?
Jemand musste dem Mädchen helfen, doch war er selbst dazu imstande?»

Und dann fing es an: Er hatte dieses mulmige Gefühl im Bauch,
sein Gewissen wurde lauter und die Erinnerungen auch.
Und er sah plötzlich, wie seine Schuld ihn innerlich zerfraß.
Dass der Dreck, der auf des Kindes Kleid, eigentlich in ihm saß.

Sein innerer Kampf ließ ihn nicht los.
Er hatte sich so viel verbaut;
und gab es denn in seiner Situation überhaupt noch Trost?

Die Vergangenheit holte ihn mit großen Schritten ein,
und es tat ihm plötzlich schrecklich leid.
Doch mit der Zeit wusste er, dass er handeln musste.
Und er tat, was er niemals für möglich hielt
und wurde zu einem wahren Menschen.

Iris Muhl
Engelspost
Fontis-Verlag 
176 Seiten
Bestellnr. 204218

Deutschland: https://www.fontis-shop.de/Engelspost
Schweiz: https://www.fontis-shop.ch/Engelspost

In der Rubrik BücherLYRIK vom Fontis-Podcast «Die literarische Hausapotheke» verpackt Rebecca Krämer Buchinhalte in Spoken Words.

«Fontis-Podcast: Die literarische Hausapotheke» hier anhören:

Beitrag teilen

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on linkedin
Share on email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.