Fontis-Blog

Birgit Kelle: Religionsunterricht – Ich weiß jetzt alles über Crystal Meth

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„Ich weiß jetzt alles über Crystal Meth“ – sagt mein 13-Jähriger nebenbei beim Abendessen und kaut fröhlich weiter auf seinem Hackfleisch-Wrap. „Und über Gras“,  fügt er an. „Wir haben immer noch das Thema Drogen in Reli“.
Birgit Kelle schreibt über verschwendeten Religionsunterricht, der es verpasst, die wirklich wichtigen Fragen zu thematisieren.

Wieso müsst ihr eigentlich in Religion Referate über Drogen machen, will ich wissen. „Jesus hat bestimmt auch Weed geraucht“, lacht der 17-Jährige. „Ja, schau mal, was für lange Haare der hatte, voll der Hippie“, jetzt kugelt sich auch die 19-Jährige. Das Thema läuft mir am Tisch völlig aus dem Ruder und als wäre damit nicht genug, erzählen jetzt auch die Großen aus ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz schulischer Religionsversorgung.

„Wir haben in der Oberstufe erstmal Kennenlern-Spiele in Reli gemacht. Mit Ball-Rumwerfen und so. Als ob wir nicht schon seit zwölf Jahren hier sitzen und jeder jeden auswendig kennt.“ Der Große will vom kleinen Bruder wissen, ob sein Reli-Lehrer  zufällig „Heisenberg“ heißt. Die Jungs biegen sich vor Lachen. Nur die 10-Jährige schaut verwirrt. Ich notiere an mich selbst, dass die Beiden definitiv zu viel „Breaking Bad“ gucken und ich die Serie über den drogenkochenden Chemielehrer Walter White aka Heisenberg irgendwie sperren muss. Dann berichtet der Große, immerhin Klasse 11, dass er im Religionsunterricht immer noch Mandelas ausmalen muss: „Und die fließen in die Gesamtnote ein, weil die Lehrerin sagt, das sei sehr wichtig für die Persönlichkeitsbildung!!!“ Was die große Schwester wiederum zu bestätigen weiß, die jahrelang bei derselben Lehrkraft ausharrte und zu bedenken gibt: „Das war noch das Sinnvollste, was wir dort gemacht haben“.  Ich bin geneigt ihr zu glauben.

Davor hatte sie eine Lehrerin, die ihnen erzählt hatte, Mutter Teresa sei ja am Ende auch vom Glauben abgefallen, was wir dann noch mit einer Fernseh-Doku über das Leben der Ordensschwester wieder retten konnten. Aber ich will nun doch von den Kindern wissen: Habt ihr auch irgendwas über Gott gelernt in all den Jahren, oder war zwischen Kindergarten-Mandela-Pädagogik und Drogenkonsum echt nichts dabei, was inhaltlich hängen geblieben ist? „Nö“ ist die einmütige Antwort, während ich frustriert noch eine Stufe tiefer auf meinem Stuhl sinke. „Ja, schau dir die doch an“, sagt die 19-Jährige, die bereits aus der Schule ist, „die sehen alle aus wie Hippies, was erwartest du denn?“. Allgemeines Kauen und Nicken am Tisch. Immerhin der große Sohn erzählt: „Neulich sollten wir unser Leben malen“. Besser als Mandelas. Oder Drogen nehmen. Ich mutmaße über seine Bild-Motive: Du hast die Playstation, das Fitnesscenter und dein Motorrad gemalt.  „Ja“, grinst er. „Motorrad war dabei. Und ich hab das auch präsentiert.“

Ich versuche mich zu erinnern, was wir damals im Religionsunterricht eigentlich gelernt haben. Als erstes fällt mir Dr. Wiese ein, Klasse fünf. Er las uns regelmäßig aus den Büchern von Ephraim Kishon vor und hat mir zumindest bleibend die Liebe zu den Geschichten über Rafi und natürlich der besten Ehefrau von Allen mit auf den Weg gegeben. Ist ja besser als Drogen. Aber es fällt mir partout nichts inhaltlich religiöses ein, außer einer Szene, als wir wohl die 10 Gebote durchgenommen hatten und bei „Du sollst Vater und Mutter ehren“ halt machten, es war in Klasse 7. Ein anderer Lehrer Typ „Alter Schlag“ erklärte uns mit Autorität, die keinen Widerspruch duldet, dass wir ja alle unsere Eltern als Vorbilder zu sehen hätten und so werden wollen sollen wie sie. An sich schon eine gewagte These, vor allem aber vor pubertierenden 12-Jährigen. Mein Klassenkamerad Ingo ruft spontan aus: „Ich will aber auf keinen Fall so werden wie mein Vater“. Wir schauen alle erschrocken auf. Der arme Ingo bekommt auch sofort die Quittung: „Das ist aber gar nicht schön, was du da über deinen Vater sagst“, wird er vom Lehrer getadelt. Betretenes Schweigen in der Klasse. Ich fand ihn ganz schön mutig. Später in der Pause erzählt uns Ingo leise, dass sein Vater den ganzen Tag alle Mitarbeiter seines Hotels und des Restaurants lautstark zusammen brüllt. Seine Frau und seine Söhne wohl auch. Deswegen will er nicht so werden. Es hätte der Punkt sein können, an dem der Unterricht tiefer geht, nachhakt, hinterfragt, was hinter den Geboten Gottes steht und was uns manchmal hindert, sie zu befolgen. Ich war damals heimlich in Ingo verknallt, vielleicht ist mir diese Geschichte deswegen bis heute in die Erinnerung gebrannt. Zusammen mit der Erkenntnis, dass so viel Unterrichtszeit sinnlos vergeudet wurde und bis heute immer noch wird.

Über die Autorin

Birgit Kelle wurde 1975 in Siebenbürgen/Rumänien geboren und ist Journalistin, Publizistin und Mutter von vier Kindern. Zuletzt erschien 2017 von ihr «Das Muttertier» bei Fontis.

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