Fontis-Blog

Birgit Kelle: Hört auf, uns zu befreien!

Sie ist ein Muttertier: Birgit Kelle. Sie kämpft wie eine Löwin für ihre Kinder und für all die Mütter, die gern für ihre Kinder zu Hause bleiben. In einer Zeit, in der die Feministinnen Mütter von Herd, Mann und Kindern befreien wollen, sagt sie: „Ich will gar nicht befreit werden!“

Eine glückliche Mutter ist eine Provokation. Sie ist selbstverständlich gelebte Weiblichkeit. Sie kann Leben schenken und Leben weitergeben.Was für ein Potenzial. Mutterglück – allein das Wort dreht den Fossilfeministinnen schlicht den Magen um. Haben sie nicht jahrelang gekämpft, um uns von diesem „Mythos“ zu befreien? Oder sollten wir nicht gleich sagen: von unserer weiblichen Natur? Mein Gott, Mädchen, jetzt begreif doch, dass du in Fesseln liegst und dich endlich von deinem biologischen Erbe lösen musst. Ganze Generationen von Feministinnen haben sich damit abgemüht, uns auf Kurs zu bekommen. Zuerst hat man uns von unseren Männern befreit, jetzt müssen nur noch die Kinder weg, dann kann es endlich losgehen mit der grenzenlosen Emanzipation, der absoluten Freiheit. Ohne Verpflichtung, ohne Bindung, ohne Familie – also ohne Leben. Was für eine Verheißung…

Früher legten wir Karrieren auf Eis, um Kinder zu bekommen. Heute sollen wir unsere Eizellen auf Eis legen, um Karriere zu machen. Um unsere besten Jahre der Firma statt unseren Familien zu schenken. „Social Freezing“ heißt der Trend aus den USA, und „soziales Einfrieren“ ist in der Tat eine gute Übersetzung dafür. Denn wir sollen nicht nur die Eizellen einfrieren, sondern auch den Kinderwunsch, die Sehnsucht nach Beziehung und die Zeit für Familie. Dafür bezahlen sie uns die Lagerung unserer Eizellen in Tiefkühlfächern. Danke auch. Bloß nicht in Abhängigkeit geraten, Mädchen! Bloß nicht auf dein Bauchgefühl hören! Lass dir nicht einreden, dass du einen Kinderwunsch hast. Dass du leben, lieben und für andere sorgen willst. Wie teuer es immer häufiger bezahlt wird, dass Frauen sich über Jahre einreden lassen, ihre Weiblichkeit könnte von der Mutterschaft abgekoppelt werden, darüber können diejenigen Frauen bitter berichten, die oft erfolglos in späten Jahren mit allen medizinischen und finanziellen Mitteln noch versucht haben, Mutter zu werden. Mutterschaft ist zum Politikum geworden. Die Selbstverständlichkeit bisheriger Generationen ist abhandengekommen. Die Errungenschaften der künstlichen Verhütung brachten als Kehrseite der Medaille auch neue Entscheidungszwänge. Was früher als Schicksal angenommen wurde, muss heute wohlüberlegt sein. Man kann ja nicht einfach so dann Kinder bekommen, wenn sie kommen – wo kommen wir denn da hin?

„Sie sprechen mir aus der Seele“

Die meisten Mütter, die mir in den vergangenen Jahren begegneten, waren nicht unzufrieden mit ihrem Leben, sondern mit der Resonanz auf selbiges. Ich habe noch nie eine Mutter kennen gelernt, die nicht schon zigmal in ihrem Leben mit der Frage konfrontiert wurde, warum sie nicht arbeite oder ob sie denn auch „was Richtiges“ mache, außer Kinder zu hüten. Wann sie denn endlich wieder arbeite? Oder warum sie überhaupt studiert habe, wo sie doch nur Kinder hüte? Zumindest die letzte Frage ist einfach zu beantworten: Damit wir klug genug sind, auf solche Beleidigungen nicht mit Handgreiflichkeiten zu antworten, sondern bestenfalls mit Ignoranz. Vielen tun diese unaufhörlichen Beleidigungen aber stattdessen leider weh. Es tut ihnen weh, dass die Gesellschaft, ihre Politiker, ihre Arbeitgeber und manchmal sogar ihre Ehemänner und ihre besten Freundinnen der Meinung sind, dass das, was sie täglich tun, weniger wert sei als der stupideste Job an einem x-beliebigen Fließband. Dafür gäbe es nämlich Geld, wenn auch noch so wenig. Eine Mutter bekommt oft nicht einmal ein „Danke“. „Sie sprechen mir aus der Seele“ – es ist immer noch der häufigste Satz, den ich von anderen Müttern höre, einfach nur, wenn ich darüber schreibe und spreche, warum es mich glücklich macht, Zeit für meine Kinder zu haben. Warum es mich wütend macht, wie die Politik mit uns umgeht, und warum ich für nichts in der Welt meine Kinder gegen eine Karriere tauschen würde. Es macht mich wütend, dass so viele dieser Frauen in dem Bewusstsein leben, mit ihnen sei irgendetwas nicht in Ordnung, weil ihnen alle Welt erklärt, sie seien auf dem falschen Weg. Die meisten haben längst aufgegeben, ihren Standpunkt in Diskussionen überhaupt noch zu benennen. Sie schweigen. Aber sie sind wütend.

Wer uns Frauen befreien will

(…) Wir als Frauen bekommen kein politisches Angebot, wie wir tatsächlich Kinder bekommen können und dazu auch die Zeit und das Geld, um diese dann großzuziehen, denn in Wirklichkeit will das ja auch niemand. Die Feministinnen wollen uns befreien aus den Fängen der Männer und der Kinder und schicken uns auf den Arbeitsmarkt. Die Wirtschaft will uns vor allen Dingen von unseren Kindern befreien, denn sie braucht unsere fleißigen Händchen, jetzt, da durch den demografischen Wandel die Fachkräfte knapp werden – und da stehen die Blagen einfach im Weg rum. Was sollen wir unsere guten Uniabschlüsse beim Kochen am heimischen Herd vergeuden, wenn man doch genausogut eine Dienstleistung daraus machen kann, dass Kinder
in Kitas großgezogen werden und Essen aus Großküchen geliefert wird. Husch, husch, ins Büro mit dir! Und nicht zuletzt will uns auch die Politik noch befreien, selbstverständlich für den Arbeitsmarkt. Es ist ja auch nicht hinzunehmen, dass wir Mütter uns dem Steuerzahlen verweigern, wo doch jeder weiß, wie teuer diese ganze Familienpolitik mit ihren Kitaplätzen und Ganztagsschulen ist. Wer soll das alles bezahlen? Da müssen wir schon selbst ran, um all das zu finanzieren, was wir nicht bräuchten, würde man uns einfach nur in Ruhe lassen. Aus der Sicht des Finanzministers leisten wir Mütter doch familiäre Schwarzarbeit. Wir ziehen unsere Kinder groß, ohne diese Arbeit zu versteuern. Dieser Skandal muss offensichtlich dringend behoben werden, indem wir familiäre Arbeit endlich in sozialversicherungspflichtige Dienstleistungsverhältnisse umwandeln, damit wir alle was davon haben. Bçse Muttis, die sich dem verweigern. Und natürlich nur richtig, dass die renitenten, selbsterziehenden Fremdbetreuungsverweigerinnen mit einer Hunger-Rente abgespeist werden. Schließlich haben sie ja ihr ganzes Leben lang «nicht gearbeitet», sondern «nur» in familiärer Schwarzarbeit Rentenzahler großgezogen. Nach der gängigen Arbeitsdefinition hat eine Mutter Teresa ihr ganzes Leben lang nichts geleistet. Keine Mutter hat etwas geleistet. Und damit ist unser staatliches Rentensystem möglicherweise das letzte Relikt eines patriarchalen Gesellschaftssystems, weil es konsequent die häusliche Sphäre als Nichtstun definiert.

Ausgerechnet eine Bewegung, die angetreten ist, «die Frau» zu befreien, lässt Millionen von Frauen im Stich, weil sie sich nicht in die schöne neue Emanzipationswelt einfügen wollen. Sehen wir doch den Tatsachen ins Auge: Man wollte uns nie befreien, man wollte uns einfach nur in ein neues Leben führen.Von verheiratet zu unabhängig. – Sagen wir besser: allein.

  • Von Familie zu berufstätig. – Sagen wir besser: beziehungslos.
  • Von Mutter zu kinderlos. – Sagen wir besser: spurenlos.
  • Von weiblich zu geschlechtslos. – Sagen wir besser: seelenlos.

Wovon wir Frauen befreit werden sollten

Nun zucke ich inzwischen regelmäßig zusammen, wenn die Politik, die Wirtschaft oder Berufsfeministinnen mir wieder mal etwas Gutes tun wollen. Jede Befreiung der Frau hatte bislang einen Haken. Es wird Zeit, dass wir als Mütter unsere Feinde kennen und benennen. Keine Befreiung kam bislang ohne Hintergedanken daher.

  • Wenn wir als Mütter befreit werden müssen, dann definitiv nicht von unseren Männern, unseren Kindern oder unseren Familienpflichten, sondern allerhöchstens von ungefragten Ratschlägen ahnungsloser Geschlechtsgenossinnen, die nicht wissen, wovon sie reden, wenn sie das Wort „Mutterschaft“ mit der Kneifzange anfassen.
  • Wenn wir befreit werden müssen, dann von den Zwängen des kapitalistischen Marktes, während wir uns darum kümmern, dass auch morgen noch potenzielle Käufer all der produzierten Waren existieren.
  • Wenn wir befreit werden müssen, dann ganz sicher nicht durch, sondern von einer Politik, die vorgibt, uns helfen zu wollen, damit aber meint, dass wir gefälligst zu wollen haben, was man für uns vorgesehen hat.
  • Wenn wir befreit werden müssen, dann von den Auslassungen einer ignoranten Gesellschaft, die glaubt, eine Mutter, die Kinder großzieht, würde nicht arbeiten.

Ihr wollt uns also befreien? Sehr gerne. Der beste Weg dazu wäre, mal die Luft anzuhalten und zuzuhören. Wir sind alles große Mädchen, und was gut für uns ist, mit Verlaub, das entscheiden wir ganz alleine.

Wir sind Mütter. Wir tragen Verantwortung. Wir sind gekommen, um zu bleiben. Wir hüten das Leben, wir hüten die Zeit. Wir hüten die Brut. Wir verteidigen sie wie Löwinnen. Wir geben ihr Wurzeln und Flügel. Wir lieben sie. Es ist nicht rational, es ist. Wir sind Muttertiere bis zum letzten Atemzug. Und das machen wir gut so.

 

Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Vorwort von Birgit Kelles neustem Buch „Muttertier“.

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Eine Antwort

  1. Liebe Frau Keller,
    als Arbeitskräfte sind wir willkommen; werden gebraucht. Das Schwangerschaftsrisiko bezahlen wir, gut ausgebildete, studierte Frauen mit Lohneinbußen (bei mir mind. 25% weniger als meine Kollegen in sehr verantwortungsvoller Position) und immer noch mit Jobabsagen wegen unseres Geschlechts.

    Kümmern wir uns dann nach einer Trennung um das „gemeinsame Kind“, versorgen über eine Entfernung von über 800km kranke Eltern bis zum Tod und wollen nach 15 Jahren wieder einen verantwortungsvollen Job, weil das Kind flügge ist, das Haus zum Studieren verlassen wird, zählen nur noch die Tätigkeiten der letzten 10 Jahre.
    Wie viel Kraft, strukturierte Handlungsweisen und Management diese Jahre erforderten, interessiert keinen neuen Arbeitgeber; denn mittlerweile sind wir über 50 Jahre alt und trotz Fachkräftemangel für den Arbeitsmarkt „riskant“.
    Die Rentenaussichten sind entsprechend ernüchternd.

    Trotzdem bin ich ein zutiefst dankbarer Mensch und bereue meine „Familienzeit“ keine Minute.
    Gott beschenkt mich jeden Tag neu. Er gab mir die Kraft, für meine Eltern und mein Kind in ganz besonderen Jahren anwesend sein zu können. Sie haben die Sicht der Dinge verändert und stellen viele aktuelle Werte in Frage.

    Erst heute wurde ich Zeuge eines Gesprächs zweier junger Mädchen (ca. 12), die sich darüber unterhielten, wie viele Trampolins sie bereits verschlissen haben (7) und welche Ausstattung das neue Trampolin habe. Unsere Kindheit war ohne Trampolin, Smartphone u.a. sehr glücklich.

    Die von Ihnen angesprochene Konsumhaltung entwickelt für mich eine neue Form von „Wertlosigkeit“, die ich nicht nur bei „Wertgegenständen“ (Möbeln, Autos, etc.) sehe, sondern auch im Umgang von Menschen mit-Menschen.

    Zeigen wir MÜTTER unseren Kindern die Werte von Mitmenschlichkeit, Miteinander und Werterhaltung. Voller Liebe, Geduld, Zuversicht und Hoffnung.

    Vielen Dank für Ihren Einsatz.

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