Fontis-Blog

Die vielleicht letzte Visitenkarte an suchende Menschen

Illustration: Gabriel Walther
Illustration: Gabriel Walther

Es ist schon interessant, wie sich der Zeitgeist wandelt und welche Einflüsse er hat – gerade auch auf einen christlichen Verlag! Als ich vor 36 Jahren ein eigenes christliches Antiquariat eröffnete und vor 24 Jahren im Brunnen Verlag Basel (heute Fontis-Verlag) als Lektor startete, galten Bücher über die Mission als chic, beliebt, erfolgreich und sehr gesucht. Erstens waren es ja Berichte aus der «großen weiten Welt», und die Leute waren absolut erpicht darauf, mehr von anderen Erdteilen, Völkern und Kulturen zu hören (es gab damals «expedia.de» und «easyJet» noch nicht! Die kamen erst 1995!). Wenn es dann in den Berichten um Menschen in Papua-Neuguinea, Indien, Swasiland oder China ging, wurde den Missionaren und ihren Büchern im deutschen Sprachraum volle Aufmerksamkeit zuteil. Denn das war erstens neu, zweitens spannend und drittens lehrreich. Und viertens wollte damals noch jeder wissen, wie denn diese Menschen in anderen Kontinenten auf das Liebes-Angebot von Jesus Christus reagierten. Einzelne Missions-Bücher wurden auf diese Weise sogar zu absoluten Bestsellern mit langer Lebensdauer (Musterbeispiel: Elisabeth Elliot). Und die betreffenden Missionare erhielten Achtung, Support, finanzielle Hilfe und jede Menge Plattformen für ihre Missionsberichte.

Zwei Jahrzehnte später ist alles anders. Wenn einer Missionar ist, sollte er das hierzulande am besten gar niemandem sagen – denn das Wort an sich gilt heute als «politisch inkorrekt». Will keiner mehr hören. Von den Völkern dieser Welt meint man inzwischen dank Internet, Google und Wikipedia eh alles zu wissen, Geheimnisse gibt es folglich (so denkt man) sowieso keine mehr. Und außerdem ist man sich in den säkularen Medien und selbst in ein paar kritischen kirchlichen Zeitschriften einig, dass zum Beispiel die Missionare der früher berühmten und weit ausstrahlenden «Basler Mission» und anderer Organisationen sowieso alles falsch gemacht hätten und man den Ureinwohnern in der Pampa doch bitte ihren Ahnenkult, ihre Amulette, ihre Götzen, ihre Geister und, ja, selbst ihren Voodoo-Zauber unbedingt hätte lassen sollen. Es sei reine Überheblichkeit, Hochmut und grenzenlose Arroganz, ihnen unseren Glauben vermitteln und aufzwingen zu wollen. Bestimmt wären sie ohne «Bibeln in ihrer eigenen Sprache» doch viel, viel glücklicher geworden. Wir Westler müssten uns also heute entschuldigen dafür, dass wir unsere Leute zu diesen so bewundernswert archaisch und mit der Geisterwelt Hand in Hand lebenden Stämmen geschickt hätten. Und als proaktives Sorry sollten wir jetzt doch bitteschön finanzielle Hilfe, Wasserfilter und Medikamente runterschicken. So redet man heute. – Ich muss zugeben, das tut irgendwo natürlich weh …

Ich persönlich sehe das alles ziemlich anders. Hätte nicht ein gläubiger Taxifahrer mit missionarischem Herz viel Zeit mit mir verbracht, gerade auch in nächtlichen Stunden und im Qualm meiner täglich konsumierten 45 Zigaretten und Wasserpfeifen, um mir geduldig all meine vielen Fragen ans Leben zu beantworten, so hätte ich – als riesiger Liebessucher – vielleicht meinen Weg zur Liebe in Person, Jesus Christus, gar nie finden können. Und hätte ich nicht bald gemerkt, dass es ja mitten in unserer Stadt eine wunderbare christliche Buchhandlung gibt, die zu all meinen Fragen noch vertiefende Literatur anbietet – ich hätte mich womöglich als soeben zum Christentum umgekehrter (ziemlich kaputter) Soziologie- und Psychologiestudent mit meinem neuen Glauben völlig einsam und isoliert empfunden in unserer 200.000-Seelen-Stadt. Mit anderen Worten: Diese Buchhandlung wurde zu meiner allerersten Anlaufstelle als junger Christ. Und wie das so ist im Leben: Sobald man mal die ersten Gleichgesinnten kennen gelernt hat, kennt man bald schon einen ganzen Schwung von ihnen!

Was ich damit meine: Unsere christlichen Buchhandlungen sind oft noch die allerletzten missionarischen «Wegweiser», die unsere säkularisierte Gesellschaft im Straßenbild noch kennt (denn das Geläut der Kirchenglocken erleben die Leute ja, glaubt man den Leserbriefspalten der Tageszeitungen, inzwischen nicht mehr als allgemein akzeptierten Aufruf zum Gottesdienstbesuch und zum Gottesglauben, sondern als ganz schreckliche Störung ihres so trauten Sonntagmorgens). Unsere christlichen Buchhandlungen im Lande sind manchmal die allerletzte missionarische Außenstelle, die die christliche Gemeinde in ihrer Stadt offiziell noch hat – das letzte Fenster, der letzte Schaukasten, der letzte Aufruf, vielleicht auch der letzte Weckruf. Oder anders gesagt: Unsere vielleicht allerletzte Visitenkarte für suchende Menschen. Sollten wir zu diesen Buchhandlungen und diesen Buchhändlerinnen und Buchhändlern also nicht allergrößte Sorge tragen? Sollten wir sie nicht unterstützen, supporten, schätzen, empfehlen, berücksichtigen? – Doch, ich finde, das sollten wir tun.

Denn in diesen Buchhandlungen finden vom Leben gebeutelte Menschen, Außenseiter, Gestrandete, seelisch Verletzte und Verwundete, Suchende und Fragende ein Buch – oder sogar noch viel mehr: ein offenes Ohr, ein offenes Herz, ein Gespräch, eine Hilfestellung, einen Rat. Und unsereiner findet dort als praktizierender gläubiger Mensch die Literatur, die unser geistliches Wachstum fördern und uns diesem Gott der Liebe näherbringen kann. Bleiben Sie deshalb bitte Ihrer christlichen Buchhandlung treu. Sie helfen damit, dass sie überlebt und ihren Dienst auch in diesen modernen und oft gott-fernen Zeiten erfüllen kann. Wenn es irgendetwas gibt, das noch sichtbar, greifbar, begehbar und erfahrbar dem Zeitgeist zuwiderläuft und sich diesem mit Herz und Seele entgegenstellt, dann ist es ganz gewiss die christliche Buchhandlung bei Ihnen in der Stadt! Seien wir dankbar, dass es sie gibt. Sie ist eine der letzten Brückenköpfe, die einen säkularisierten Menschen noch zum Glauben hinüberrufen kann. Und ihm später helfen kann, in diesem Glauben Halt, Boden und Zukunft zu finden.

Interessant übrigens: Viele der Buchhandlungen unserer eigenen BBP-Ladenkette («Brunnen Bibel Panorama») würden viel, viel besser leben und dastehen, wenn sie an jedem Tag im Durchschnitt nur «überschaubare» 7 bis 9 Bücher mehr verkaufen würden, als sie das bis jetzt tun. Dieser kleine Unterschied macht Ende Jahr so viel aus! Deshalb in meiner Funktion als Verleger und Lektor die Bitte an Sie: Lassen Sie einen der letzten öffentlichen «Wegweiser» – oh, ist dieses Wort jetzt eigentlich genügend entschärft und damit politisch korrekt genug? – auf gar keinen Fall hängen. Stellen Sie sich bitte zu dieser letzten öffentlichen Visitenkarte der Gemeinden, Kirchen und christlichen Verlage. Denn im Internet bieten weder Amazon noch andere Anbieter jemals das, was unsere BuchhändlerInnen mit Einsatz, Herz, Gebet und Commitment leisten. Kein Amazonier wird Sie jemals fragen, wie es Ihnen geht. Und keiner von denen wird Ihnen je zuhören, wenn sie dazu – gefragt oder ungefragt – etwas Tiefes, Ehrliches und Existenzielles erzählen wollen. Ist so.

 

Herzhaft,
Christian Meyer, Abteilungsleiter Lektorat Fontis

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