Fontis-Blog

9. November 1938 – eine Autorin erinnert sich

Hanna Zack Miley war in der Nacht des 9. November 1938, der so genannten „Reichspogromnacht“ sieben Jahre alt und befand sich in der elterlichen Wohnung ihrer deutschen Heimatstadt Gemünd. Viele Jahrzehnte später versucht sie sich an die Geschehnisse zu erinnern und ihre Erfahrungen zu rekonstruieren. Insgesamt vier Jahre arbeitete die amerikanisch-deutsche Autorin an ihrem Buch „Meine Krone in der Asche“. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Buch.
Ich war in Gemünd dabei, aber ich habe keine persönliche Erinnerung an die dramatischen Ereignisse, die sich in dieser Novembernacht entwickelten. In meiner Fantasie sehe ich ein sechsjähriges Kind wohlbehalten und warm in der sicheren Wohnung über dem Familiengeschäft der Zacks schlafen. Wurde ich von meinen verängstigten Eltern beschützt? Hielten sie mich in ihren Armen? Oder habe ich die Schrecken jener Nacht einfach nur verdrängt? Ich weiß es nicht.
Ich höre auf zu schreiben, lege meinen Bleistift nieder, schließe fest die Augen und versuche, die Vergangenheit wieder in die Gegenwart zurückzuholen. Kann ich auch nur den leisesten Hauch von Rauch riechen? Ich gehe zwischen meinen Eltern, die mich schützend an den Händen halten, und lausche, wie sie über meinen Kopf hinweg miteinander reden. Gingen wir immer so dicht beieinander? Oder war das eine Reaktion auf das allgemeine Klima der Gefahr? Mit gesenkten Stimmen sprechen sie über den Stein, der durch das Vorderfenster unseres Nachbarhauses geflogen ist. Der dicke Brocken landete auf einem Regalbrett über dem Bett, das meinen Freund Kurt und seine Großmutter, die sich unter den Decken verkrochen hatten, auf wundersame Weise rettete.
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