An Heiligabend kommt die Familie zusammen, versammelt sich um den Weihnachtsbaum und packt Geschenke aus. In einigen Familien ist es sogar Tradition, an diesem Abend schöne Weihnachtsgeschichten vorzulesen. Entdecken Sie vier Bücher, die sich zum Vorlesen unterm Tannenbaum eignen.

weiterlesen →

Von Ekkehard Drodofsky
„Hallo, du altes Haus, wie geht’s denn so?“ – Kennen Sie diesen Ausspruch? Ist wohl uralt und könnte auf Paulus zurückgehen. Sie wissen doch, den Apostel in der Bibel. Der hat nämlich mal geschrieben: Wir wissen, wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, einmal abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel (2. Korinther 5,1).
Eine ganze Weile dacht‘ ich ja wirklich, Paulus hätte damit mich gemeint. Obwohl ich die Bezeichnung „Hütte“ nicht grade schmeichelhaft finde. Aber dann hab ich irgendwann begriffen: Paulus meint sich selbst. Seinen „äußeren Adam“, seinen Körper. Tja, da war er wohl auch schon nicht mehr der Jüngste, als er das zu Papier gebracht hat, schon fast „Grufti“, wie man das heut wohl nennen würde. Aber seither versteh ich, was gemeint ist, wenn die Menschen sich gegenseitig als „alte Hütte“, als „altes Haus“ ansprechen.
Ekkehard Drodofsky

Ekkehard Drodofsky

Doch zurück zu mir. Wenn sich nämlich jemand mit diesen Lorbeeren schmücken dürfte, dann wohl ich. Und das will ich kurz erklären. Eben deshalb ein bisschen von mir erzählen. Also, noch mal ganz offiziell. Darf ich mich vorstellen: Alter Adel. So richtig mit einem „von“. Genau gesagt „von Bethlehem“. Bekannt geworden unter dem Namen „Stall von Bethlehem“. Obwohl mein richtiger Name eigentlich „Scheune“ lautet. Schließlich war ich kein wirklicher Stall. Und mein Besitzer kein Bauer, sondern Hotelier, na ja, einfacher Dorfgastwirt. Ich geb’ zu: Besonders schön war ich nie. Nicht sehr attraktiv. Weder sehr ansehnlich, noch allzu wohlriechend. Und groß war ich schon gar nicht. Ich gehörte meistens zu den Kleinsten. Und Ordnung war auch nie meine große Stärke. Ich war einer vom Typ „Sammler“. Sie wissen schon: kann alles brauchen. Was konnte man bei mir nicht alles finden: Ausrangierte Möbelstücke, leere Holzkisten, einen alten Hasenstall, wurmstichige Wagenräder, einige Gartengeräte, ein wenig Heu, ein wenig Stroh und einen hölzernen Futtertrog.
Ich war immer ein Freund der „kleinen Leute“. Mäuse, Spinnen und Fliegen fühlten sich bei mir wohl – und die Kinder. Ja, die Kinder, die kamen recht gerne. Hier durften sie spielen, hier konnten sie stöbern, hier gab es Verstecke, hier konnten sie nichts kaputt machen. Außer ihre Kleider.
Ja, so war das. Nein, so war ich. Kein großes Gebäude. Nichts Wichtiges. So ein Schopf, wie man in manchen Gegenden sagt, eine Scheuer, die einem mal schnell nützlich ist, die ordentliche Dienste leistet – von der man aber ansonsten kaum Notiz nimmt. Die man eben so schnell wieder vergisst, wie man sie gesehen hat. Der man nicht lange nachweint, wenn sie nimmer ist.
Ich war kein Palast, wo die Könige wohnen. Kein Schloss, wo Besucher festlich empfangen werden. Kein Konferenzsaal, wo man bedeutende Entscheidungen trifft. Kein Museum mit unvergänglichen Ausstellungsstücken. Kein Krankenhaus, wo es um die Heilung und Rettung von Menschen geht. Keine Schule oder Universität, wo Wichtiges gelehrt wird. Kein Kaufhaus, wo man bekommt, was man zum Leben braucht.
All das war ich nicht. Nur eine kleine, unbedeutende Scheune.
Und doch – all das war ich eben doch!

Die Weihnachtsgeschichte – vorgetragen von Ekkehard Drodofsky

Ich war es, weil in einer Nacht… Na ja, Sie kennen die Geschichte als „Die Weihnachts-Geschichte“. Obwohl – so idyllisch und romantisch, wie oft dargestellt, war es bei mir in jener Nacht wirklich nicht. Draußen war es schon dämmrig. Und deshalb bei mir drin schon nahezu kuh-finster. Meine Untermieter, die Mäuse, machten sich bereits fertig für ihre nächtlichen Ausflüge, Richtung Speisevorräte des Wirts. Oben im Gebälk starteten ihre beflügelten Verwandten, die Fledermäuse, mit ihren schauerlichen Rundflügen. Und ich, ich wollte nur meine gewohnte, nächtliche Stille. Ich knarrte noch einige Male mit meinen alten Balken, ließ den Abendwind durch die zahlreichen Spalten streichen und pflegte der Ruhe.
Bis, völlig ungewohnt, mein Hauswirt mit einer flackernden Öllampe die schiefe Tür aufstieß. Ich hielt ängstlich die Luft an. Vor diesen brennenden Leuchten habe ich grässliche Angst. Die sind schon manch einem alten Stalle zum Verhängnis geworden. Also, wie gesagt: Hauswirt tritt ein. Ich denk‘, der holt halt noch irgendwas. Aber stattdessen brachte er was mit. Oder besser: jemanden. Sogar mehrere: Eine schwer atmende Frau, einen erschöpften Mann und einen beladenen Esel.
In dieser Nacht wurde ich, die armselige Scheune, zum Kreissaal, zum OP, zum Krankenhaus, zur Entbindungs- und zur Säuglingsstation. Ich, der alte Schopf. Ich wurde für eine junge Mama, die keine Bleibe hatte, zum willkommenen Einzelzimmer. Ich schützte eine junge Familie vor der Kälte und der Nacht. Ich gab ihnen ein Dach über dem Kopf. Ich konnte einem Säugling seinen ersten Schlafplatz und sein erstes Kinderzimmer anbieten. Ich nahm einem verzweifelten frischgebackenen Papa das Gefühl, seine Frau in eine unerträgliche Situation gebracht zu haben. Ich bot den Müden Erholung, den Frierenden etwas Wärme, einem Kind ein Bettchen.
Das alles wäre schon eine ganze Menge. Viel mehr, als ich von meinem Leben noch erwartet hätte. Aber da war in Wirklichkeit noch weit Größeres. Bei mir war Platz für Jesus! Ich hatte Ihm Raum gegeben in meinem Innersten. So war ich zum Schlosse eines Königs geworden, denn Er ist der Messias-König Gottes. Und bei mir sind, zum ersten Mal übrigens, Menschen dem Mensch-gewordenen Gottessohn begegnet. Als die Hirten scheu den Raum betraten und sich vor Ihm beugten, da dachte ich: Das ist doch eigentlich das Größte, wenn mein Dasein dazu führt, dass Menschen den Heiland finden! Und hier, bei mir, da haben sie Ihn gefunden!
Ich bin nicht stolz darauf – was habe ich schon groß dazu getan? Nein, aber ich bin dankbar! Dankbar, dass der Herr meine kleine Existenz dazu brauchen konnte. Diese Nacht hat so Vieles verändert – für mich, für Maria und Josef als den unmittelbar Beteiligten, für die Schäfersleute, die hier und in dieser Stunde mit der unbegreiflichen Liebe des himmlischen Vaters konfrontiert wurden. Ich hab wenig dazu getan. Ich stand nur Ihm zur Verfügung. „Hallo, altes Haus, wie geht’s denn so?“, hab ich am Anfang gefragt. Wenn Sie sich oft oder irgendwann wieder einmal so „wertvoll“ vorkommen, wie eine alte Hütte, dann denken Sie an mich – und daran, wie unser Herr sogar eine alte Scheune segnen und gebrauchen konnte.