Das Kirchenjahr: Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres

Matthäus 25,31-46; Psalm 50,1.4-6.14-15.23

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. (2. Korinther 5,10)

Die Stimmung dieses Sonntags schwingt vielschichtig. Landläufig feiert man zur mahnenden Erinnerung an die Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft aller Nationen den Volkstrauertag. Der Wochenpsalm erinnert daran, dass nichts und niemand vergessen ist: „Unser Gott kommt und schweigt nicht.“ Auch das Evangelium „Vom Weltgericht“ steht dem warnend zur Seite. So schwingt also der Ernst der Verantwortung unseres Lebens mit. Gleichzeitig ist der Abschnitt des Wochenspruches in der Lutherbibel überschrieben mit der „Sehnsucht nach der himmlischen Heimat“. Ich könnte fragen: wohin zieht mich denn meine Sehnsucht? Das Thema der Woche klingt ebenso fragwürdig: Alles wird offenbar werden. Was löst das in mir aus? Will ich das denn?

Das Offenbarwerden geschieht vor dem Richterstuhl Christi – und dieser Richterstuhl ist der Thron des Lammes! Richten heißt im biblischen Denken nicht aburteilen. Es meint vielmehr ausrichten und zurechtbringen. Denn gerichtet wird wenn wir nach Haus zu Gott kommen. Dort wird alles Ungerade gerade gerichtet und das Gericht wird so erfüllt, dass es unserem Heil dienen muss. Gerichtet wird nicht um Gott milde zu stimmen – das hat die Lebenshingabe des Sohnes längst getan. Gerichtet wird als Echo dieser Hingabe und Liebe um unser Leben zurechtzubringen.

Offenbaren meint: die wahre Gestalt zeigen. Ein Denkmal, das enthüllt wird, wird offenbar. Vorher sah man es nur verhüllt schemenhaft, nun aber ist die wirkliche Kontur zu erkennen. Dieser Richterstuhl, dieser Thron des Lammes ist ein Ort des Lichtes Gottes. Da tritt immer beides hell zutage: das erschreckende Aufmerken ebenso wie das tröstende zur Ruhe kommen. Meine gut gemeinten Absichten werden klar – wo man mich nicht verstand, werde ich verstanden – was ich wirklich wollte, wird sichtbar. So wichtig nimmt uns Gott, dass er sich auch in der Ewigkeit mit uns beschäftigt und uns gerecht werden will! Das ist nicht beängstigend sondern beruhigend.

Deshalb ist das  Offenbarwerden auch nicht beschämend sondern einkleidend. Seit dem Sündenfall fühlen wir Menschen uns nackt. Und es ist uns unwohl dabei. Aber wenn Gott mein Leben in seiner Ewigkeit in seinem Licht sieht, wird es niemals peinlich. Es wird befreiend, lösend, erlösend. Dann werden wir „bekleidet und nicht nackt befunden“, wie es der Kontext des Wochenspruches ankündigt. Gott selbst kleidet uns endgültig mit seiner Gerechtigkeit ein.

Dieser Sonntag atmet – neben einem berechtigten Aufschrecken – vor allem Sehnsucht und Hoffnung. Trost statt Angst und Verlockung statt Panik sind angesagt. Ein unerlässlicher Weg, der unser Heil in seinen letzten und ewigen Glanz stellt: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.

 

Impuls: Klaus Sperr