Das Kirchenjahr: 8. Sonntag nach Trinitatis

Matthäus 5,13-16; Psalm 48,2-3a.9-11

Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. (Epheser 5,8.9)

Unser Wochenspruch steht in dem paulinischen Brief, der in besonderer Weise vom Wesen der Kirche spricht. Zum Beginn macht er deutlich: In Christus hat uns Gott erwählt (Eph. 1,4). Dieser Adel verpflichtet: Lebt würdig eurer Berufung (Eph. 4,). Daran schließen sich die beiden letzten Kapitel an, die zeigen wollen wie man als Erwählte Gottes würdig lebt. Diesem Schlussabschnitt ist das Leitmotiv dieser Woche entnommen.

Mit dem Thema der Berufung verbindet sich auch das Wochenevangelium. Jesus stellt fest: ihr seid (!) das Salz der Erde, ihr seid (!) das Licht der Welt. Nicht ihr könntet sein, ihr solltet sein, ihr müsstet sein, sondern ihr seid! Doch stimmt das?

Aus dieser Feststellung Jesu speist sich das Epheserwort. Man könnte sagen: weil ihr das Licht der Welt seid, deshalb „lebt als Kinder des Lichts!“ Also doch eine Aufforderung, doch ein ihr sollt sein? In diesem Satz steckt ein biblisches Geheimnis, das auch an anderen Stellen aufleuchtet. Der biblische Imperativ, die Befehlsform, ist in der Heiligen Schrift stets als Vokativ zu lesen. In der lateinischen Grammatik bildet der Vokativ die direkte Anrede einer Person, in der himmlischen Grammatik ist es die Form der Hervorrufung durch eben diese Anrede. Wenn Gott befiehlt, dann tut er es nicht als ein Despot, der einfach Gehorsam verlangt. Wenn Gott befiehlt, dann er ruft er auch hervor was er befohlen hat! Und so ergeben auch Wochenevangelium und Wochenspruch ihren Sinn. Jesus stellt nichts fest, was nicht wäre – und Paulus fordert nichts, was nicht ginge. Beides lebt aus dem vocare Gottes, aus seinem Rufen, dem berufen und hervorrufen. So ist der Imperativ in der Heiligen Schrift immer die Ermöglichungsform – oder in biblischem Wort ausgedrückt: die Verheißungsform. „Ihr seid das Licht der Welt, darum lebt als Kinder des Lichts“ ist die Berufung in eine Verheißung, die Gott selbst in uns und durch uns verwirklichen will.

Darum darf auch die Folge ungeniert genannt werden: „die Frucht des Lichts“. Leben im Licht ist immer fruchtbar. Daraus erwachsen Güte – wörtlich: das Gute – und Gerechtigkeit und Wahrheit. Die alttestamentliche Lesung (Jesaja 2,1-5) erinnert durch die Verheißung „Schwerter werden zu Pflugscharen“ eben daran. Ein Leben im Licht ist immer ein wirksames Leben – die Frucht des Lichts ist die Auswirkung. Es ist die alte Weisheit, die auch zur Geschichte unserer Kommunität gehört: Christsein ist immer persönlich aber nie privat. Es wirkt! So sind wir berufen zum Leben im Licht: Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Impuls: Klaus Sperr