Das Kirchenjahr: 4. Sonntag nach Trinitatis

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Lukas 6,36-42; Psalm 42,2-12

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Galater 6,2)

Es immer wieder verblüffend mit welch einer Selbstverständlichkeit die Bibel von heiklen Themen spricht. Hier: „wenn ein Mensch von einer Verfehlung ereilt wird.“ Wörtlich: wenn ein Mensch von einer sittlichen Fehltritt überrascht wird. Dann: kein peinliches Verstecken oder Wegsehen, kein Entschuldigen oder Jammern. Mit einer geradezu heiligen Selbstverständlichkeit spricht die Heilige Schrift von solchen Unheiligkeiten und leitet nahtlos über zum Erfüllen des Gesetzes. Präziser: des Gesetzes Christi. Dieser kleine Unterschied ist entscheidend …

Denn: das Gesetz erfüllt sich vielleicht in Tadellosigkeit, das Gesetz Christi aber erfüllt sich im Tragen der Lasten. Nicht das Vermeiden von Fehltritten ist erste Christenpflicht sondern das Tragen dieser Last. Mitsamt ihren Folgen wie Schuld, Enttäuschung, Scham. Jesus ist nicht so sehr an unserer Sündlosigkeit interessiert; dafür hat er ja schon alles getan, dem ist nichts hinzuzufügen. Darum sind weiße Westen auch kein angemessener Anzug für Christen. Wie wir mit Verfehlungen umgehen ist der Prüfstein für unsere Nachfolge. Lasten tragen meint imitatio Christi. Das Ziel ist nicht die Beschuldigung und Ausgrenzung sondern die Wiederherstellung und Eingliederung.

Hinzu kommt: das Gesetz erfüllt sich vielleicht im richterlichen Geist, das Gesetz Christi aber erfüllt sich im sanftmütigen Geist. Der richterliche Geist ist immer ein feiger Geist, der sich der Wirklichkeit des eigenen und des anderen Lebens nicht stellen will. Er will rigoros ein Ideal herstellen. Der sanftmütige Geist ist ein mutiger Geist. Er hält die Spannung dessen aus, was auch in jedem Abendmahl zum Ausdruck kommt: obwohl noch längst nicht alles gut ist in deinem Leben, Gott ist dir gut!

Deshalb gilt: das Gesetz erfüllt sich vielleicht im Urteil, das Gesetz Christi aber in der Ermutigung. Um gesund leben und wachsen zu können braucht es ohne Frage gute Lebensregeln. Solche eine Regel – im Alten Testament wird sie mizwa genannt – meint eine günstige Wachstumsbedingung. Eine mizwa ermöglicht das Leben! Wir sollen „Wachsen in Freiheit unterstützt von guter Atmosphäre und gehalten von klaren Regeln.“ (Eduard Berger).

Der Geist der Sanftmut und das Tragen der Last drücken sich in der Ermutigung aus. Last ist im griechischen Grundtext ein doppeldeutiges Wort: baros bedeutet einerseits eine schwere Last, andererseits die Fülle der Herrlichkeit. Beides gilt: jede Last, auch die der Verfehlung, ist schwer und kostbar. Alle Lasten meines Lebens bergen dieses Geheimnis. Deshalb erfüllt sich das Gesetz Christi in der Ermutigung: „Es gibt keinen Heiligen ohne Vergangenheit und keinen Sünder ohne Zukunft“ (aus einer altpersischen Liturgie). Darum: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Impuls: Klaus Sperr