Das Kirchenjahr: 18. Sonntag nach Trinitatis

Markus 12,28-34; Psalm 1

Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. (1. Johannes 4,21)

Die alttestamentliche Lesung dieses Sonntags aus 2. Mose 20,1-17 erinnert an das große und grundlegende Erlösungswerk Gottes für sein Volk Israel. Sie beginnt mit dem Satz „Ich bin der HErr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt hat.“ Mit der Erinnerung an die Freiheit beginnen die Zehn Gebote. Denn dass Gott in die Freiheit führt ist das eine, diese Freiheit zu erhalten das andere. Dazu sind Gebote nötig. Nicht nur für das Israel des Alten sondern auch für die Christen des Neuen Testaments.

Darum spricht auch der Wochenspruch vom Gebot Gottes. Das alttestamentliche hebräische Wort ‚mizwa‘ meint eine gute Regel zur Lebensermöglichung. Also mit einem Gebot wird nicht das Leben erschwert oder eingegrenzt. Nein, es wird so erst ermöglicht! Das neutestamentliche griechische Wort ‚entolä‘ meint einen Auftrag. Es geht nicht um eine Beliebigkeit sondern etwas an dem wir uns abarbeiten, an dem wir wachsen und reifen können. Ein Gebot hilft das Leben zu kultivieren. Und damit hilft es die gewonnene Freiheit zu erhalten.

Nun kommt die erste Blickrichtung dieses Gebotes Jesu: Gott lieben. Nicht nur Gott verehren, nicht einmal nur ihm gehorchen, nein: Gott lieben! Von der ‚agapä‘ ist hier die Rede. Nicht von ‚eros‘: die Liebe, die dort liebt wo sie jemand anziehend oder aufregend findet. Auch nicht von ‚philia‘: die Liebe, die den Anderen ganz freundschaftlich wahrnimmt. Gott nur faszinierend oder sympathisch finden genügt nicht! Es geht um ‚agapä‘: die Liebe, die grundsätzlich liebt – eben weil sie es will; die ganz liebt – egal wie liebenswert der Andere gerade ist; und die immer liebt – egal wie es momentan um die Beziehung steht. Agapä ist die Liebe Gottes zu der auch wir eingeladen sind.

So kommt dann auch die zweite Blickrichtung dieses Gebotes Jesu hinzu: seinen Bruder lieben. Man könnte sich fragen: wessen Bruder ist das denn da? Der meine? Oder der Bruder Jesu? Diese Doppeldeutigkeit gibt der Aufforderung Kraft, denn dieser Bruder – und selbstverständlich auch diese Schwester – sind ja immer beides: meine und Jesu Geschwister! Dies erinnert an das Doppelgebot der Liebe, dem heutigen Evangelium. Liebe Gott ganz und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wie ein roter Faden zieht sich diese doppelte Lebensregel durch die Texte der Trinitatiszeit. Hier nun sind sie gebündelt und erinnern uns daran, dass beide Blickrichtungen untrennbar zueinander gehören und das eine nur mit dem anderen zusammen geht. So wie Freiheit gewinnen und Freiheit erhalten. Damit beides bei uns zu Hause ist gilt: Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

 

Impuls: Klaus Sperr