Das Kirchenjahr: 10. Sonntag nach Trinitatis

ISRAELSONNTAG

Lukas 19,41-48; Psalm 74,1-3.8-11.20-21

Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat. (Psalm 33,12)

Die Heilige Schrift vor allem ein Liebes- und Lebensbuch. Gottes Liebe zu uns Menschen und ein Leben in der Gegenwart Gottes werden beschrieben. Aber sie ist auch ein Lehrbuch. Wir müssen das Leben mit Gott lernen. Der große jüdische Gelehrte Abraham Heschel schreibt dazu: „Die Griechen lernten um zu verstehen. Die Hebräer lernen um zu verehren. Der moderne Mensch lernt um zu gebrauchen (…)*.“ Rechte Lehre führt immer und zuallererst in die Anbetung.

Gemeinsam mit Israel auf dem Weg – das erinnert gleichermaßen an die gemeinsame Tradition wie an das lebendige einander Gegenüber sein, an den gemeinsamen Glaubensursprung wie den gemeinsamen Glaubensgrund. Deshalb versuchen wir von unseren älteren Geschwistern im Glauben dankbar zu lernen – und damit vor allem die Verehrung Gottes zu lernen.

Wir lernen zunächst etwas über das Glück. „Wohl“, hebr. aschre, meint herzlichen Glückwunsch! Hier geht es um das einzig unzweifelhafte Glück: wenn Jahwe unser Gott ist, dann ist das Glück. Es überstrahlt alles andere was wir gerade als Glück oder Unglück unseres Lebens empfinden. Psalm 33, aus dem unser Wochenspruch stammt, ist deshalb auch überschrieben als Loblied auf Gottes Allmacht und Hilfe. Und wo sie einem gerade aus den Augen entschwunden ist, darf man wie im Wochenpsalm bitten: „Gedenke an deinen Bund“. Dies vor allem hat Israel im babylonischen Exil gelernt.

Wir lernen auch etwas über die Ordnung des Lebens. Es geht darum, dass der HErr Gott ist, hebr. Jahwe elohim. Jahwe steht also vor oder über elohim. D.h. was und wie Gott ist, wird an Jahwe sichtbar, an dem Gott, dessen Eigenname bedeutet „ich bin für dich da“. Das ordnet mein Leben, dass ich Gott für mich da sein lasse. Solch eine Ordnung lässt das Leben Baals-Kult hat Israel dies gelernt: nicht machen sondern vertrauen.

Dies alles hilft uns auch etwas über Geschwisterlichkeit zu lernen. „Wohl dem Volk [gojim] … dem Volk [am], das er zum Erbe erwählt hat“ – ‚gojim‘ meint die Heidenvölker, ‚am‘ meint das Gottesvolk. Beide haben hier ihren Raum, denn – sozusagen verbindend zwischen ihnen – steht Jahwe. Geschwisterlichkeit entsteht also nicht durch gleiche Abstammung, durch gleiches Dogma oder gleiche Liturgik. Über dies alles lohnt es sich zu reden und im Zweifelsfall mal auch mal zu streiten. Aber entscheidend für Geschwisterlichkeit, für Ökumene ist: sie entsteht durch die je eigene und gemeinsame Verbindung mit Gott!

Gemeinsam mit Israel auf dem Weg. Nicht um des Verstehens oder der Funktionalität willen. Sondern um der Verehrung Gottes willen. Darum schließen wir uns lernend an: Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.

Impuls: Klaus Sperr

 

* Abraham J. Heschel, Die ungesicherte Freiheit, S. 35